Wirtschaft

Kommt das Umdenken zu spät? Niederlande verpassen Cannabis-Trend

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In den vergangenen Jahren sind bereits etliche Firmen nach Kanada oder in die USA abgewandert.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das niederländische Marihuana-Saatgut gehört zum besten der Welt. Während die Legalisierung von Cannabis in anderen Ländern voranschreitet, sinkt der Anteil der Niederlande am Exportmarkt. Der einstige Vorreiter droht eine enorme Chance zu verpassen, die Gründe dafür sind hausgemacht.

Mode aus Italien, Autos aus Deutschland, Marihuana aus den Niederlanden. Spätestens seit das Land 1976 Gras entkriminalisiert hat, sind die sogenannten Coffeeshops in Amsterdam ein beliebtes Ziel für Grasliebhaber aus aller Welt geworden. Dabei hat das Land Marihuana nie vollkommen legalisiert. Zwar wird in den Niederlanden niemand für das Rauchen oder den Verkauf kleiner Mengen verhaftet, die Produktion oder der Verkauf von größeren Mengen ist aber noch immer eine legale Grauzone. Während die vollständige Legalisierung in anderen Ländern voranschreitet, hat die niederländische Marihuanaindustrie deswegen inzwischen das Nachsehen.

Auch wenn Saatgut aus den Niederlanden noch immer als unangefochten gilt, sehen viele Züchter des Landes die Zukunft des Cannabis-Geschäfts in Nordamerika. Denn dort haben Kanada und elf US-Bundesstaaten Cannabis als Genussmittel legalisiert und in 34 anderen US-Bundesstaaten den Konsum aus medizinischen Gründen erlaubt.

Anteil am Exportmarkt wird sinken

"Wir haben unseren Vorsprung verloren", zitiert "Bloomberg" Jair Velleman, einen Niederländer, der mit seinem wachsenden Unternehmen in Kalifornien seinen Umsatz von 50 Millionen Dollar in diesem Jahr verdoppeln will. "In den USA kann ich Geld verdienen. In den Niederlanden gelte ich nur als verrückter Cannabis-Aktivist." Mit der Legalisierung von Cannabis entsteht in den USA ein neuer, boomender Wirtschaftszweig, der jährlich Milliarden Dollar umsetzt. Investoren stecken viel Geld in junge Firmen. Der Grasrausch ist Amerikas neuer Goldrausch, heißt es.

Und nicht nur in den USA boomt das Geschäft mit Cannabis. Das britische Beratungsunternehmen Prohibition Partners prognostiziert, dass sich die legalen Cannabisverkäufe in Europa bis 2024 auf 39 Milliarden Dollar pro Jahr verhundertfachen könnten. Die Niederlande werden wahrscheinlich der größte Marihuana-Produzent bleiben, da medizinisches Cannabis den größten Teil der Einnahmen ausmacht.

"Doch mit Ländern, die dazu bereit sind, ihre strengen Gesetze zu lockern, besteht die Gefahr, dass die Niederlande zurückfallen", sagt der Geschäftsführer von Prohibition Partners Stephen Murphy "Bloomberg". Obwohl die standardmäßige Ausfuhrgrenze speziell für den deutschen Markt erst von 100 auf 350 Kilogramm und dann von 700 Kilo auf 1500 Kilogramm angehoben wurde, wird der Anteil des Landes am Exportmarkt sinken, prophezeit Prohibition Partners.

Kommt das Umdenken zu spät?

Die Niederlande haben das Problem erkannt. Damit das Geschäft mit Marihuana wieder etwas in Schwung kommt, experimentiert die Regierung mit staatlich reguliertem Cannabis. Prohibition Partners schätzt den Wert eines solchen Marktes auf bis zu eine Milliarde Euro im Jahr. In zehn Städten erhalten deswegen einige Unternehmen die Genehmigung, im großen Umfang für Coffeshops Gras anzubauen. Bislang hat nur eine Firma die Erlaubnis. "Angesichts des landwirtschaftlichen Wissens, der Coffeeshop-Kultur und der wählerischen Cannabiskonsumenten in den Niederlanden, hat das Bemühen Potenzial, die Industrie zu verjüngen, sagt der Leiter des Saatgutverkäufers Dutch Passion, Eric Siereveld, gegenüber "Bloomberg". Die Qualität des staatlich regulierten Cannabis sei so gut, dass niederländisches Marihuana wieder führend werde.

Doch die rechtliche Grauzone bleibt für Cannabis-Firmen eine große Hürde. Das Unternehmen Projekt C, das lizenziertes Gras anbaut, konnte beispielsweise kein Konto eröffnen, bis ein Richter die Bank anwies, mit Project C zuammenzuarbeiten. Im Dezember verbot dann die niederländische Stadt Drimmelen nach Angaben von "Bloomberg" dem Unternehmen die Übernahme eines Gewächshauses. Lokale Politiker fürchteten um den Ruf ihrer Stadt und hatten Sorge, das Unternehmen könnte Kriminelle anziehen.

In den vergangenen Jahren sind bereits etliche Firmen nach Kanada oder in die USA abgewandert. David Duclas, Marketingchef der niederländischen Cannabis-Samenbank Sensi Seeds sagt "Bloomberg", dass das Umdenken der niederländischen Regierung zu spät kommt. Anders als Siereveld von Dutch Passion befürchtet er, dass lizenzierte Betriebe in den Niederlanden kaum noch die Möglichkeit haben, mit den besten Marihuana-Sorten aus Nordamerika zu konkurrieren. Die Niederlande hätten eine große Chance verpasst. "Und auf lange Sicht geht es nicht nur um ein paar Millionen Dollar, sondern um Milliarden."

Quelle: ntv.de, jki