Wirtschaft

"Angespannte Situation"Personalnot gefährdet Lufthansa-Flüge

03.06.2026, 18:06 Uhr
imageVon Jenny von Zepelin und Kilian Schroeder
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Die Lufthansa hat offenbar Probleme, genügend Flugbegleiter zu finden.

Die Lufthansa sucht dringend freiwillige Mitarbeiter, die kurzfristig im Dienstplan einspringen - trotz angeblich Tausender gestrichener Flüge. Was läuft da schief?

Die Lufthansa hat am vergangenen Wochenende einen Notfallplan für Personaleinsätze aktiviert. Am Freitag um 17:30 Uhr sei eine Warnung bei den rund 19.000 Kabinenmitarbeitern eingegangen, so berichten es Beschäftigte gegenüber "Capital". In der Mitteilung, die "Capital" vorliegt, heißt es, dass die Lufthansa die Stabilitätskriterien außer Kraft setzt. Was nach schweren Turbulenzen klingt, hat in der Belegschaft tatsächlich ein Beben ausgelöst. Denn dieser Aufruf besagt, dass die Mitarbeiter sich auf kurzfristige Dienstplanänderungen einstellen müssen. Das haben Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Tarifvertrag festgelegt - für Notlagen.

Eine Notlage wie schwere Wetterbedingungen, Katastrophen oder Streiks waren zwar nicht absehbar. Trotzdem konnten durch diese Maßnahme ab Samstagfrüh Dienstpläne geändert und Mitarbeiter kurzfristig für Einsätze angefragt werden. Normalerweise ist in besagtem Stabilitätspakt vorgesehen, dass jeder Einsatz mit einem Vorlauf von 96 Stunden geplant werden muss, damit die Mitarbeiter ausreichend Ruhezeit und Planungssicherheit haben.

Das ganze Wochenende über seien Kolleginnen und Kollegen aufgefordert worden, auf unterschiedlichen Routen einzuspringen, so berichten es Kabinenmitarbeiter. Auf einigen Langstreckenflügen in die USA sei eine dezimierte Besatzung an Bord gegangen: "Wir hatten drei Kolleginnen weniger in der Kabine", berichtet eine Lufthansa-Mitarbeiterin. Bei einem Team, das je nach Flugzeuggröße regulär aus 14 bis 16 Kabinenmitarbeitern besteht, sei das ein deutlicher Einschnitt, der sich auch im Service bemerkbar mache. "Da versuchen wir, den vollen Service für die First- und Business-Class aufrechtzuerhalten. Aber in der Economy müssen wir dann mitunter Abstriche machen", sagt eine Mitarbeiterin.

Die Lufthansa selbst hat die Probleme nach "Capital"-Informationen bereits intern bestätigt. "In den vergangenen Tagen haben viele von Ihnen eine außergewöhnlich angespannte Situation in der Bereederung erlebt. Flüge wurden mit reduzierter Crew durchgeführt, kurzfristige Änderungen haben Ihren Arbeitsalltag zusätzlich erschwert", heißt es in einem Beitrag vom Dienstag im Unternehmensforum, der Capital vorliegt. Demnach mussten mehrere Umläufe an den wichtigsten Drehkreuzen München und Frankfurt in Unterbesetzung bestritten werden - in Frankfurt, insbesondere am 25. und 28. Mai. "Was wir aktuell erleben, ist kein strukturelles Problem, sondern ein zeitlich begrenzter Engpass innerhalb des Monats."

Freiwilligenaufrufe schon im Mai

Die zuständige Gewerkschaft Unabhängige Flugbegleiter Organisation (Ufo) bestätigt, dass es derzeit zu Engpässen in der Personalplanung kommt und wirft dem Lufthansa-Management schweres Missmanagement bei der aktuellen Planung des Sommerflugplans vor. "Lufthansa verkauft Verlässlichkeit, Netzwerkqualität und Premiumanspruch. Gleichzeitig spart der Konzern an genau der Grundlage, die einen stabilen Flugbetrieb überhaupt möglich macht: ausreichend Personal", erklärt Sara Grubisic, stellvertretende Vorsitzende und Vorständin Tarifpolitik der Ufo. Die Lufthansa ließ eine Anfrage zunächst unbeantwortet und verwies auf eine spätere Mitteilung dazu. Darin heißt es dann knapp: "Alle Flüge werden mit einer Anzahl an Flugbegleitern durchgeführt, die jederzeit deutlich über den gesetzlichen Mindestanforderungen der europäischen Agentur für Flugsicherheit EASA liegt." Wie sehr das vom Lufthansa-Standard abweicht, geht daraus nicht hervor. 

Die Frage drängt sich auf: Wie kann es zu solchen Engpässen kommen? Die Lufthansa hatte zuletzt angekündigt, dass infolge des Irankriegs wegen steigender Kerosinpreise und möglicher Treibstoffknappheit 20.000 Flüge aus dem Flugplan gestrichen werden. Das klingt zunächst nach weniger Arbeit für die vorhandene Mannschaft. Tatsächlich hat der Konzern vor wenigen Wochen die Tochtergesellschaft Cityline früher als geplant geschlossen. Damit sitzen seither laut Gewerkschaftsangaben auch 800 Kabinenmitarbeiter der Cityline ohne Beschäftigung zu Hause. Denen werde kein Wechsel zur Lufthansa angeboten. Der Frust bei den Mitarbeitern sei groß, auch bei denen, die noch im Konzern beschäftigt seien und die den Eindruck hätten, dass sie nun die Arbeit der Kollegen übernehmen müssten.

Denn wo auf der einen Seite Flüge gestrichen worden seien, tauchten nun auch zahlreiche Flüge neu im Dienstplan der Lufthanseaten auf, die vorher von der Regionalflugtochter abgedeckt worden seien. Auch im internen Blogpost der Lufthansa ist von "etwaiger von CLH (Lufthansa Cityline, Anm. d. Red.) übernommener Frequenzen" die Rede. Aber: "Die aktuellen Engpässe werden nicht durch Flugstreichungen oder die Stilllegung von Cityline verursacht."

Das sieht die Gewerkschaft anders: "Mit der Betriebsstilllegung der Cityline wurde Flugprogramm zur Lufthansa verlagert, ohne die Menschen dafür zu haben", so Ufo-Vertreterin Grubisic. "Schon jetzt zeigt sich: Diese Rechnung geht nicht auf." Die Einsatzplanung für die Kabine sei zu knapp bemessen. Schon im Mai und Juni habe es Freiwilligenaufrufe für den gesamten Monat gegeben. Zu knappe Ressourcen könnten durch Krankmeldungen entstehen, doch die lägen nach Auskunft der Personalabteilung derzeit nur ein Prozent über dem Vorjahr. Freiwilligenaufrufe für Juni bestätigt auch die Lufthansa im internen Schreiben: "Die Maßnahmen dienen daher der präventiven Stabilisierung der Operation im Juni."

Freiwilligenaufrufe und Notfallmaßnahmen für kurzfristige Personaleinsätze - das dürfte für viele Kunden kurz vor Beginn der Sommerferien nicht beruhigend klingen. Die Lufthansa verspricht zwar, dass sie personell für den Sommer sehr gut aufgestellt sei und den Flugplan verlässlich und in der gewohnten Qualität darstellen könne. Die Gewerkschaft hält dagegen: "Wenn ein laufender Monat nur noch mit improvisierten Notmaßnahmen abgesichert werden kann, stellt sich die Frage, wie dieser Konzern den Flugbetrieb in der Hauptreisezeit verlässlich aufrechterhalten will", so Grubisic. "Wer in dieser Lage weiter Druck ins System gibt, nimmt Störungen im Sommerflugplan billigend in Kauf - zulasten der Beschäftigten und der Passagiere."

Dieser Text ist zuerst bei capital.de erschienen

Quelle: ntv.de

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