Wirtschaft

"Das Eckige ins Runde" bringen Rechenzentren sollen in Windräder ziehen

32.jpg

Direkt unter den Flügeln der Windräder sollen Rechner einen Teil des Stroms verbrauchen.

Windparkbetreiber bleiben immer wieder auf ihrem Strom sitzen, weil das Stromnetz überfordert ist. Gleichzeitig kann andernorts der Energiehunger einer wachsenden Zahl von Rechenzentren kaum gedeckt werden. Zwei Unternehmen wollen deshalb die Computer zu den Windrädern bringen.

Für Fiete Dubberke vom Windkrafterzeuger Westfalenwind offenbart es das ganze "Missmanagement der Energiewende": Bei viel Wind bekommen die Erzeuger einen erheblichen Teil ihres Stroms nicht mehr zu den Verbrauchern. Das gilt nicht nur für Betreiber riesiger Windparks in der Nordsee, deren Energie mangels Hochspannungsleitungen nicht dorthin gelangen kann, wo er gebraucht wird. Selbst damit, den Strom von 80 Anlagen von Westfalenwind im Kreis Paderborn ins nahegelegene Ruhrgebiet zu übertragen, sei die "Infrastruktur komplett überfordert". Die Folge: Netzbetreiber nehmen einen erheblichen Teil des Windstroms nicht ab. Dass Erzeuger wie Westfalenwind dank Erneuerbarem Energiengesetz (EEG) entschädigt werden, ist für Dubberke kein Grund, nicht nach einer Lösung für dieses "Missmanagement"-Problem zu suchen.

Weiter südlich, im Rhein-Main-Gebiet, bereitet die Infrastruktur einer anderen Branche Probleme. Das Stromnetz ist hier so ausgelastet, dass die Errichtung neuer Rechenzentren nur noch eingeschränkt möglich ist. Immer mehr, immer leistungsstärkere Computeranlagen fressen zeitweise schon die Hälfte des Stroms in der Metropole Frankfurt. Für neue Zentren reicht die Kapazität des Netzes kaum noch aus, zudem steigt der Strompreis immer weiter. Im Rhein-Main-Gebiet zahle ein gewerblicher Abnehmer inzwischen bis zu 20 Cent pro Kilowattstunde, sagt Keiger, Leiter der Abteilung für den Bau und Betrieb von IT-Anlagen der hessischen Firma Rittal. Hinzu komme, dass in der Region, in der der Bedarf sehr groß sei, aktuell keine Rechenzentrumskapazitäten mehr verfügbar seien.

Um das Infrastrukturproblem zu lösen, sind Windkrafterzeuger in ganz Deutschland auf der Suche nach Abnehmern direkt vor Ort für ihren Strom, so dass sie weniger auf das überlastete Netz angewiesen sind. In ersten Pilotanlagen werden etwa aus Windkraft Wasserstoff und synthetischer Sprit erzeugt, die als klimaneutrale Kraftstoffe etwa für Autos oder Flugzeuge verwendet werden können. Dubberke entwickelte bei Westfalenwind die Idee, sich Rechenzentren als Untermieter und Stromkunden in ihre Windkraftanlagen zu holen. Gemeinsam mit dem Rittal-Manager Keiger will er "das Eckige ins Runde bringen": Die Servermodule sollen direkt in die Türme der Windräder gebaut werden. Westfalenwind kann nach eigenen Angaben den Strom direkt am Windrad für weniger als 50 Prozent des marktüblichen Preises anbieten. Bei einem Rechenzentrum, bei dem die Stromrechnung teils über die Hälfte der Betriebskosten ausmacht, ist das eine Riesenersparnis.

Kein zusätzlicher Flächenverbrauch

Flauten müssen die Kunden nicht fürchten. "Etwa 90 Prozent der Zeit liefern die Windräder ausreichend Strom für den Betrieb der Rechenzentren", erklärt Dubberke. In den übrigen 10 Prozent könne über die Netzanbindung der Windparks problemlos Strom entnommen werden. Selbst wenn der dann teurer ist, bleibt die Ersparnis insgesamt groß. Zudem gebe es gerade in Hochleistungsrechenzentren viele Anwendungen, die zeitlich flexibel seien und ausschließlich dann genutzt werden könnten, wenn günstiger Windstrom vorhanden ist.

Ein Umweltvorteil des Projekts ist auch, dass keine neuen Gebäude errichtet und damit Flächen versiegelt werden müssen. Zwar sehen Räume, in denen Rechenzentren gewöhnlich untergebracht werden, nicht aus wie Windrad-Türme, doch die notwendigen Anpassungen seien gut machbar, erklärt Keiger. In den im Durchmesser rund 13 Meter großen Betonsockeln sei auf mehreren Stockwerken genügend Platz für Servermodule und Regale. Rittal kann auf die Erfahrung aus anderen Geschäftsfeldern zurückgreifen. Der Mittelständler baut bereits kleine Rechenzentren für die Datenübertragung in - viel engere - Mobilfunkmasten. Außerdem gehört Rittal bereits zu den führenden Ausrüstern von Windkraftanlagen mit Elektro-Schalttechnik.

Die Datenanbindung der Windparks ist kein Problem. Auch das ist ein Paradox der deutschen Infrastruktur. Während Anwohner in vielen Dörfern über unerträglich langsames Internet klagen, sind fast alle Windräder auch in den abgelegensten Ecken des Landes mit Glasfaser-Datenleitungen ausgestattet.

Bisher ist ein kleines Rechenzentrum der Universität Paderborn als Pilotprojekt in einem Westfalenwind-Rad in Betrieb. Das Potenzial des mit dem deutschen Rechenzentrumspreis ausgezeichneten Konzepts sei jedoch groß, sagt Keiger. Jährlich würden in Deutschland derzeit neue Rechenzentren mit einem Stromverbrauch von mehr als 100 Megawatt neu gebaut. 10 bis 20 Prozent dieser Anlagen könnten in Windkraftanlagen untergebracht werden.

Am heutigen Freitag sendet n-tv um 16.30 Uhr das News Spezial "Nachhaltigkeit - Packen wir's an!" mit den Themenschwerpunkten CO2-Steuer und Fridays for Future.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema