Wirtschaft

Nach tödlichen AngriffenReeder schickt Tanker trotz Lebensgefahr durch die Straße von Hormus

06.03.2026, 16:11 Uhr
imageVon Max Borowski
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Schiffe vor der Küste der Vereinigten Arabischen Emirate. (Foto: REUTERS)

Der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus ist nahezu zum Erliegen gekommen. Mehrere Seeleute starben bei iranischen Angriffen. Den wenigen Reedern, die bereit sind, ihre Schiffe und Besatzungen dieser Gefahr auszusetzen, winken Rekordgewinne.

Mindestens neunmal hat der Iran seit Beginn des Kriegs bereits zivile Handelsschiffe im Persischen Golf und in der Straße von Hormus angegriffen. Die Drohung der Revolutionsgarden, dass sie jedes Schiff "verbrennen" werden, deren Besatzung die vom Iran verhängte Blockade der wichtigen Wasserstraße durchbricht, ist blutiger Ernst. Mindestens drei Seeleute starben bei Angriffen auf ihre Schiffe. In der Folge stoppten fast alle internationalen Reedereien ihre Fahrten durch die Meerenge. Die meisten Versicherer entzogen allen Schiffen, die dennoch in das vom Iran bedrohte Gebiet einfahren, den Schutz.

Der Schiffsverkehr brach mit Kriegsbeginn ein - von weit über 100 Durchfahrten der Straße von Hormus pro Tag auf weniger als eine Handvoll pro Tag - allerdings nicht auf null. Berichten zufolge sind es vor allem Reeder und Auftraggeber aus China, die davon ausgehen, dass ihre Schiffe aufgrund der Allianz zwischen den beiden Ländern nicht von iranischen Kräften angegriffen werden. Daneben sollen weiterhin vereinzelt Schiffe der iranischen Schattenflotte unterwegs sein, die unter anderem sanktioniertes Öl transportieren.

Alle anderen Schiffe, die in normalen Zeiten Tag für Tag unter anderem ein Fünftel des global verbrauchten Öls und Gases aus der Golfregion in die ganze Welt transportieren, stauen sich seit Kriegsbeginn auf beiden Seiten der Straße von Hormus. Unterschiedlichen Zählungen zufolge liegen mehr als 200 Tanker und über 150 Containerschiffe in der Region vor Anker, da die Durchfahrt für Menschen und Fracht an Bord zu riskant ist.

Allerdings gibt es Ausnahmen, einige weniger Reeder gehen dieses Risiko weiter ein. Zahlen dazu gibt es nicht, nur einzelne Beobachtungen: So hielt sich der Supertanker "Athina" der griechischen Reederei Dynacom Tankers am Samstagmorgen noch südöstlich der Straße von Hormus auf, als er seinen Transponder abschaltete. Kommerzielle Schiffe müssen ununterbrochen mithilfe dieser Transponder ihren Standort und Daten zur Identität des Schiffs senden. Die Besatzung der "Athina" stellte dieses Gerät offenbar aus. Am Nachmittag erschien der Tanker wieder auf den Bildschirmen - im Persischen Golf auf der anderen Seite der Straße von Hormus.

Wie die "Financial Times" (FT) berichtet, fuhr die Athina den Hafen Sitrah in Bahrain an und legte dort am Mittwoch, vermutlich mit Öl beladen, wieder ab. Ziel und Route sind nicht bekannt. Um den Persischen Golf zu verlassen, muss der Tanker allerdings erneut die gefährliche Straße von Hormus durchfahren. Die FT zitiert Branchenkenner, denen zufolge es höchstens fünf bis zehn Reeder aus westlichen Ländern gibt, die "tapfer" genug seien, derartige Risiken einzugehen. Dynacom-Eigner George Prokopiou ist in der Branche seit vielen Jahren bekannt dafür, dass er Transportaufträge annimmt, von denen die meisten seiner Konkurrenten die Finger lassen.

Laut dem Branchendienst "Splash247" sind in den vergangenen Tagen mindestens drei Tanker von Dynacom durch die Straße von Hormus gefahren. Die FT zieht einen Vergleich zwischen dem Reeder Prokopiou und Schifffahrtslegenden wie Aristoteles Onassis, der trotz der Gefahr durch deutsche U-Boote im Zweiten Weltkrieg das US-amerikanische Militär mit seinen Tankern belieferte.

Das Motiv hinter Prokopious Bereitschaft, derart hohe Risiken für seine Schiffe und Mannschaften einzugehen, dürfte weniger Heldenmut sein als der extrem hohe Gewinn, der ihm winkt, wenn alles gut geht. Durch den effektiven Stillstand des Schiffsverkehrs und die gestiegenen Ölpreise sind die Raten für die Seetransporte seit Kriegsbeginn in die Höhe gesprungen. "Splash247" berichtet, dass Dynacom gerade für seinen Tanker "Adamantios" die Rekord-Charter-Rate von 537.913 Dollar (465.000 Euro) pro Tag erhalten habe - mehr als das Doppelte des vor Kriegsausbruch üblichen Niveaus.

Dem FT-Bericht zufolge gehörte Prokopious in den vergangenen Jahren zu den wichtigsten Transporteuren für russisches Öl. Die Ukraine setzte Dynacom dafür zeitweise auf eine schwarze Liste. Allerdings gibt es keine Hinweise darauf, dass der Reeder gegen die von der EU und anderen westlichen Ländern verhängten Sanktionen wie etwa den Preisdeckel für russisches Öl verstoßen hat.

Das konsequente Eingehen von Risiken hat sich in den vergangenen Jahrzehnten für Prokopiou ausgezahlt. Anfang der 1970er Jahre startete er mit zwei Schiffen, heute gehören ihm drei Reedereien mit rund 150 Tankern und Containerschiffen. Zudem ist er einer der größten Immobilienbesitzer Griechenlands. "Wer nicht risikofreudig ist, geht nicht in die Schifffahrt", soll Prokopiou in einem Interview einmal gesagt haben. "Wenn man das Risiko nicht eingehen will, kauft man US-Staatsanleihen." Das zeigt, dass Risiko für den Reeder in erster Linie ein finanzieller Begriff ist. Für die Schiffsbesetzungen im Persischen Golf geht es dagegen derzeit um Leben und Tod.

Quelle: ntv.de

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