Wirtschaft

Wie geht es den Deutschen? "Schockzustand wie in der Korea-Krise"

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Die Stimmungslage in der Bevölkerung sei durch Corona gekippt, wie man es in den vergangenen Jahrzehnten noch nie gesehen habe, sagt die Meinungsforscherin Renate Köcher.

(Foto: picture alliance/dpa)

Kaum einer kennt die Seelenlage der Deutschen so gut wie Renate Köcher, Chefin des Instituts für Demoskopie Allensbach. Ihre Diagnose: Die Corona-Krise ist der größte Stimmungseinbruch der Nachkriegszeit. Und sie warnt: "Wir haben nichts davon, wenn wir in anderthalb Jahren das Virus besiegt haben, aber die Wirtschaft völlig am Boden ist." Darüber spricht Köcher im Podcast "Die Stunde Null" mit "Capital"-Chefredakteur Horst von Buttlar. Hier ein Auszug:

Die meisten Deutschen haben die Einschränkungen mitgetragen. Kippt das jetzt oder ist die Mehrheit noch dafür und sieht die Notwendigkeit für diese Einschränkung?

Renate Köcher: Die große Mehrheit sieht weiterhin die Notwendigkeit darin. Sie ist gleichzeitig durchaus dafür, dass sich jetzt natürlich mit der Frage auseinandergesetzt wird, wann man was wieder öffnen oder lockern kann. Aber die Unterstützung für den bisherigen Kurs ist nach wie vor außerordentlich groß.

Sie haben seit Jahrzehnten viele Daten gesammelt. Wie lässt sich das aktuelle Stimmungsbild der Deutschen zusammenfassen?

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Renate Köcher ist Chefin des Instituts für Demoskopie Allensbach.

(Foto: imago images/Reiner Zensen)

Wir befinden uns natürlich in einer ganz ungewöhnlichen Situation. Die Bevölkerung war in einem völligen Schockzustand, als die Shutdown-Beschlüsse kamen. Die große Mehrheit hatte die Dimension der Sache ganz anders eingeschätzt. Man hat zwar vorher schon einen Anstieg der Besorgnis gesehen, aber die Beschlüsse für den Shutdown haben plötzlich ein ganz anderes Gefahrenbewusstsein hervorgebracht.

Die Hälfte der Bevölkerung macht sich große Sorgen, sie könnte sich selbst infizieren. Noch mehr befürchten, dass sich Angehörige infizieren könnten. Dieser Schock hat dazu geführt, dass die Stimmungslage in der Bevölkerung völlig gekippt ist, wie man es ganz selten in den vergangenen Jahrzehnten gesehen hat - in diesem Ausmaß eigentlich noch nie.

Es hat sechs bis sieben Situationen in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte gegeben, von denen die Bevölkerung völlig schockiert war und plötzlich das Gefühl hatte, die Zukunft sei nicht mehr sicher, die Perspektiven ließen sich nicht mehr einschätzen und es bahnten sich katastrophale Ereignisse an. Aber in einem ähnlichen Schockzustand war die Bevölkerung nur während der Korea-Krise Anfang der 1950er-Jahre.

Sie sprechen von historischen Momenten wie der Ölkrise in den 1970er-Jahren, dem 11. September 2001 und der Finanzkrise 2008 - und die aktuelle Situation übertrifft das alles?

Ganz klar!

Warum ist der Corona-Schock dramatischer als etwa bei der Finanzkrise vor zwölf Jahren?

Die Finanzkrise hat eine Branche betroffen und zu einer kurzfristigen Rezession geführt. Da war es aber ein rein wirtschaftliches Thema. Dieses Mal haben wir das in Kombination mit einer weltweiten Infektionsbedrohung, was auch bedeutet, dass es keinen Fluchtort gibt. Dass es zwei Bedrohungsszenarien gleichzeitig gibt, hatten wir vorher nicht.

Sie sind nicht nur eine der wichtigsten Demoskopinnen des Landes, Sie sind auch Ökonomin und Aufsichtsrätin. Wie bewerten Sie die Exit-Strategie?

Die Situation trifft die deutsche Industrie natürlich außerordentlich hart - und nicht nur die. Da sich Corona weltweit ereignet, kann sich auch kein Unternehmen damit trösten, dass es anderswo gut liefe. Die Nachfrage ist global steil zurückgegangen. Hinzu kommen Vorsichtsmaßnahmen in der Produktion, das ist insgesamt eine enorme Belastung, so dass sie ihre Prognosen für dieses Jahr deutlich korrigieren.

Ich glaube, die Diskussion um Lockerung der Maßnahmen muss geführt werden. Die Frage ist wesentlich komplizierter, als einfach einen Shutdown anzuordnen. Da gab es ja keine große Diskussion, der wurde beschlossen und es wurde akzeptiert. Der Schaden, der damit einhergehend in Kauf genommen wird, wird mit jedem Tag größer. Wir haben ja nichts davon, wenn wir in anderthalb Jahren das Coronavirus besiegt haben, aber die Wirtschaft ist völlig am Boden.

Das vollständige Gespräch hören Sie bei "Die Stunde Null - Deutschlands Weg aus der Krise" - dem Podcast von "Capital"-Chefredakteur Horst von Buttlar.

Quelle: ntv.de, ddi