Wirtschaft

"Eine Chance für Deutschland" Sorgen Flüchtlinge für Wachstumsschub?

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Syrische Flüchtlinge in Frankfurt am Main.

(Foto: REUTERS)

Ökonomen sind sich sicher: Deutschland kann vom Zuzug der Flüchtlinge profitieren. Denn nicht nur die Bevölkerung könnte wachsen, sondern auch die Wirtschaft.

An einigen Tagen kommen Tausende Flüchtlinge nach Deutschland. Das ist eine große Herausforderung für das ganze Land – und nach Ansicht von vielen Ökonomen auch eine große Chance. Denn der Zuzug könnte die Aussichten für das Wirtschaftswachstum deutlich verbessern.

"Den kurzfristigen Kosten stehen das langfristige Potenzial und der langfristige Nutzen der Zuwanderung entgegen", sagte Marcel Fratzscher, der Chef des Forschungsinstituts DIW, n-tv.de. "Wie groß der langfristige wirtschaftliche Nutzen für Deutschland sein wird, hängt davon ab, wie gut und wie schnell es uns gelingt, die Flüchtlinge in Deutschland zu integrieren."

Michael Hüther, der das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft leitet, sieht das ähnlich. Flüchtlinge könnten Fachkräfteengpässe vermindern und damit einen "substanziellen Beitrag zu Wachstum und Wohlstand leisten", sagte er n-tv.de. Dazu müssten vor allem die jungen Flüchtlinge etwa in gewerblich-technischen Berufen oder in der Pflege qualifiziert werden. Daher müsse Deutschland alles daran setzen, die Flüchtlinge möglichst schnell und gut in das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt einzugliedern.

Entlastung der Sozialsysteme

Auch das Wirtschaftsforschungsinstitut RWI, das vom Wirtschaftsweisen Christoph Schmidt geleitet wird, hält positive Effekte der Flüchtlingsbewegung für möglich. Mittel- und langfristig dürften insbesondere die vielen jungen Zuwanderer die Sozialsysteme entlasten, sagen die Forscher in ihrer Herbstprognose voraus. Wie ihre Kollegen betonen auch sie: Voraussetzung sei dafür, dass die Zuwanderer in Deutschland einen Job finden.

Die Chancen dafür stehen dem RWI zufolge gar nicht so schlecht – auch wegen des demografischen Wandels. Die gestiegene Zahl offener Stellen zeige, dass es für Unternehmen schwierig sei, geeignete Arbeitskräfte zu finden.

Da es kaum Daten gibt und eine Flüchtlingsbewegung in dieser Größenordnung neu ist, halten sich die Forschungsinstitute mit konkreten Prognosen zurück. Die Großbank Unicredit veröffentlichte dennoch eine Schätzung und geht davon aus, dass die Zuwanderung nach Deutschland die Wirtschaftsleistung bis 2020 um 1,7 Prozent erhöhen wird. "Das entspricht einem Zuwachs von 50 Milliarden Euro, verglichen mit einem Szenario ohne zusätzliche Einwanderung", so Deutschland-Chefvolkswirt Andreas Rees. Er legt dieser Prognose zugrunde, dass dieses Jahr wie von der Bundesregierung vorhergesagt, 800.000 Flüchtlinge nach Deutschland kommen und in den Jahren danach jeweils rund eine halbe Million.

Und kurbeln die zusätzlichen Ausgaben für Flüchtlinge direkt die Wirtschaft an? DIW-Chef Fratzscher rechnet allenfalls mit einem kurzfristigen und geringen Nachfrageimpuls. Hüther ergänzt: "Zwar können die Leistungen an Flüchtlinge theoretisch zu einer höheren Binnennachfrage führen, insoweit sie nicht als Überweisungen an Familienangehörige in die Heimatländer transferiert werden." Allerdings müsse man beachten, dass diese Leistungen auch finanziert werden müssen. "Das heißt, dass an anderer Stelle staatliche Ausgaben gekürzt werden müssen, die ebenso nachfragewirksam sein könnten", so Hüther. Investive Staatsausgaben - wie Qualifikationsangebote und Bildungsinvestitionen - wirkten sich in der Regel positiver auf die wirtschaftliche Entwicklung aus. "Die hohe Zahl an Flüchtlingen ist dann auch aus ökonomischer Sicht eine Chance für Deutschland."

"Damit Deutschland wirtschaftlich vom Flüchtlingszuzug profitieren kann, ist es entscheidend, dass Flüchtlinge eine Arbeitserlaubnis erhalten", sagte auch Panu Poutvaara, der beim Ifo-Institut das Zentrum für Migrationsforschung leitet, gegenüber n-tv.de. "Es ist allerdings wichtig, zu betonen, dass die Genehmigung von Asylanträgen nicht von wirtschaftlichen Faktoren abhängig werden sollte."

Quelle: ntv.de