Wirtschaft

Helikoptergeld für alle? Trump schenkt jedem US-Bürger 1000 Dollar

RTX78WSY.jpg

US-Präsident Trump kämpft mit sogenanntem Helikoptergeld gegen die Corona-Krise.

(Foto: REUTERS)

Hongkong hat's getan, die USA werden es demnächst tun. Sollte Deutschland seinen Bürgern zur Abmilderung der finanziellen Folgen der Corona-Epidemie vielleicht ebenfalls Geld schenken? Ökonomen hierzulande haben gleich mehrere Gründe, die gegen einen solchen Geldregen sprechen.

Ungewöhnliche Zeiten, ungewöhnliche Maßnahmen: Die US-Regierung greift im Kampf gegen die Corona-Folgen für die Wirtschaft zum Äußersten. Jeder Bürger - ausgenommen sind nur Superreiche - soll in den kommenden Wochen per Post aus Washington und im Rahmen eines billionenschweren Hilfspakets Konsumschecks in Höhe von mindestens 1000 US-Dollar zugeschickt bekommen. Ein möglicher zweiter Scheck wird nicht ausgeschlossen. Insgesamt pumpt Washington rund 1,2 Billionen Dollar (1 Billion Euro) in die Wirtschaft. "Amerikaner brauchen jetzt Cash, und damit meine ich in den nächsten zwei Wochen", sagte US-Finanzminister Steven Mnuchin am Dienstag. US-Präsident Donald Trump hatte tags zuvor in einer radikalen Kehrtwende zu seinen bisherigen Aussagen eingeräumt, dass das Virus in den USA "nicht unter Kontrolle" sei und sich die USA "möglicherweise" auf dem Weg in eine Rezession befänden.

Die Regierung in Hongkong hatte bereits Ende Februar Ernst gemacht und im Rahmen eines 14 Milliarden schweren Konjunkturpakets umgerechnet knapp 1200 Dollar für jeden Bürger locker gemacht. Das und Steuererleichterungen sollen helfen, Arbeitsplätze zu sichern und die Belastung der Menschen in der Krise zu mindern. Auch in anderen Staaten werden Rufe nach ähnlich umfangreichen Hilfen immer lauter. Ökonomen hierzulande halten Geldgeschenke für Bürger in der augenblicklichen Situation jedoch nicht für die richtige Maßnahme.

Wenn Bürger Geld ohne Gegenleistung erhalten, ist von Helikoptergeld die Rede. Genau genommen führt der Begriff in die Irre. Denn ursprünglich war mit diesem Bild von flatternden Geldscheinen, die aus einem Hubschrauber geworfen werden, das Geld der Notenbanken und nicht der Regierungen gemeint. Die Metapher stammt von US-Ökonom Milton Friedman, der seinen Studenten im Jahr 1969 die Ausweitung der Geldmenge durch Zentralbanken veranschaulichen wollte. Richtig berühmt wurde der Ausdruck dann erst im Jahr 2002, als Fed-Chef Ben Bernanke den Geldregen als eine Möglichkeit zur Bekämpfung der Deflation in Japan bezeichnete. Das Szenario galt als so abwegig, dass er den Spitznamen "Helicopter-Ben" verpasst bekam.

In der Corona-Krise liegt die Sache etwas anders: Hier sind es nicht die Notenbanken, sondern die Regierungen, die die Geschenke verteilen. Die Währungshüter sind bislang weit davon entfernt, die Gelddruckmaschinen anzuwerfen. Sie ziehen andere Register. Der Gedanke hinter der Maßnahme ist jedoch der gleiche: Währungshüter oder Regierungen verschenken in der Krise Geld, die Bürger geben es aus und schieben so die Konjunktur an. Im besten Fall ist die Krise damit gemeistert.

Deutsche Ökonomen gegen Schecks nach US-Vorbild

Was simpel und ein bisschen wie Weihnachten klingt, ist in der Realität allerdings viel komplizierter. Denn der Erfolg des sogenannten Helikoptergeldes steht und fällt damit, dass Bürger das Geld auch wirklich ausgeben. Zum einen kann der Staat die Menschen schwer zum Konsum zwingen. Zum anderen gibt es derzeit auch kaum Möglichkeiten, groß Geld auszugeben. Reisen und große Anschaffungen fallen weg. Ausgaben sind auf das Notwendigste reduziert. Wird gespart - in diesem Fall unfreiwillig - kann die Maßnahme die Wirtschaft auch nicht beleben. Sie verpufft. Helikoptergeld hat also eigentlich erst dann Sinn, wenn außer Supermärkten, Apotheken und Tankstellen auch andere Geschäfte wieder geöffnet haben. Außerdem müssten die Schecks eine zeitlich begrenzte Gültigkeit haben. Das setzt Planung voraus, die sich im Moment ebenfalls schwierig gestaltet.

Auch die Finanzierbarkeit dieser Maßnahme wirft Fragen auf. Wenn alle Branchen und Bürger plötzlich Geld fordern, könnten Staaten überfordert sein. Woher soll das Geld kommen, vor allem, wenn es nicht frisch von den Notenbanken gedruckt wird? Wenn Staaten sich Geld leihen müssen, müssen sie es irgendwann zurückzahlen. Am Finanzmarkt kursieren bereits Befürchtungen, dass demnächst eine US-Schuldenkrise eingepreist werden könnte.

Ifo-Chef Clemens Fuest lehnt Direktzahlungen wie in den USA oder Hongkong für Deutschland ab. Er verweist vor allem auf die Unterschiede der beiden Systeme. Wer arbeitslos wird, fällt nicht ins Bodenlose. In den USA ist das anders. "In den USA gibt es kein System der Grundsicherung wie etwa in Deutschland. Unterstützung gibt es für Menschen mit niedrigen Einkommen vor allem, wenn sie arbeiten. Genau das wird jetzt aber krisenbedingt massiv eingeschränkt", sagt Fuest. "Bei uns arbeiten die automatischen Stabilisatoren wie Kurzarbeitergeld und Arbeitslosengeld". Die für Freiberufler und Selbstständige in Deutschland allerdings nicht gelten, wie er einschränkt.

Zudem verweist der Ökonom auf die verzögerte Wirkung von Konsumanreizen: "Die öffentlichen Investitionen, die jetzt in den USA angekündigt wurden, helfen in der akuten Phase der Krise nicht, weil sie einen langen Vorlauf haben und jetzt auch gar nicht umzusetzen wären. Sie können aber bei der wirtschaftlichen Erholung nach der Krise helfen."

Fratzscher: Schnelle unkomplizierte Hilfe für kleine Unternehmen

Gerade in der Corona-Krise nützt es wenig, die Nachfrageseite zu stimulieren, wie es Wirtschaftsfachleute nennen. Denn das Virus bedroht die Wirtschaft vor allem von der Angebotsseite her. Wenn Unternehmen und Beschäftigte wegen des Virus weniger produzieren, helfen weder tiefere Zinsen noch Geldschübe. Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, hält Geldgeschenke deshalb nicht für zielführend. Auch Sebastian Dullien vom gewerkschaftsnahen IMK ist überzeugt, dass über Helikoptergeld erst im Falle einer längeren Schwächephase nachgedacht werden sollte. Stattdessen rät er zu anderen Maßnahmen, wie Steuersenkungen oder eine Erhöhung des Kindergeldes.

Ökonomen hierzulande empfehlen, der Staat solle sich zum Beispiel mit Eigenkapital an Unternehmen beteiligen - analog zur Bankenrettung während der Finanzkrise 2008 und 2009. Da es in der Realwirtschaft eine weitaus größere Anzahl von kleinen und mittleren Unternehmen gibt, wäre eine Umsetzung jedoch mit einem enormen Verwaltungsaufwand verbunden.

Der Chef des Berliner Wirtschaftsforschungsinstituts DIW Marcel Fratzscher schlägt im Deutschlandfunk vor, Unternehmen einfach schnell und unbürokratisch Liquidität zur Verfügung zu stellen. "Man muss über Transfers nachdenken, alle, die beim Finanzamt gemeldet sind, kriegen 5000 oder 10.000 Euro in die Tasche, sofort, um diese Zeit lang überleben zu können." Die Finanzierung dieser Aktion sollte kein Problem sein, weil Deutschlands Staatshaushalt in einer guten Verfassung sei, sagt der Ökonom.

Gerade für Solo-Selbstständige oder für Selbstständige mit sehr kleinen Unternehmen seien solche Hilfen jetzt wichtig. "Wir haben weit über vier Millionen, fast fünf Millionen Selbstständige in Deutschland", betont Fratzscher. Für den DIW-Chef ist Eile geboten, denn je länger man warte, umso mehr Insolvenzen werde es geben.

Helikoptergeld hält der Ökonom grundsätzlich nur für kleine Regionen wie Hongkong für geeignet. "In der Eurozone wäre es aufgrund der Größe und der Heterogenität der Währungsunion technisch kaum zu realisieren", zitiert ihn der "Tagesspiegel". Die Summen, um die es dabei ginge, wären immens: Erhielte jeder der rund 340 Millionen Einwohner im Währungsraum 1000 Euro, wären das theoretisch 340 Milliarden Euro an zusätzlicher Kaufkraft. Selbst wenn es machbar wäre, hält der Ökonom es hierzulande nur "in einer ganz tiefen Krise" für denkbar.

Erst wenn die Regierungen alle finanziellen Möglichkeiten ausgereizt haben, werden möglicherweise die Notenbanken in die Bresche springen. Dann wird es vielleicht auch richtiges Helikoptergeld regnen, ist ntv-Börsenexperte Raimund Brichta überzeugt. Bis dahin wird es seiner Ansicht nach aber noch Jahre dauern.

Quelle: ntv.de