Wirtschaft

"Unsichere Zukunftsaussichten" Viele Briten wollen wegen Brexit Deutsche werden

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Briten, die noch 2020 einen Antrag auf Einbürgerung stellen, dürfen EU-Bürger werden und ihre bisherige Staatsangehörigkeit in der Regel behalten.

(Foto: picture alliance / Britta Peders)

Der nahende Brexit verstärkt den Trend zur Auswanderung von Briten nach Europa. Viele lassen sich außerdem einbürgern - besonders beliebt ist der deutsche Pass.

Der Brexit treibt viele Briten in die Europäische Union. Seit dem Referendum im Jahr 2016 sind jährlich rund 17.000 Menschen ausgewandert, das sind 30 Prozent mehr als im Zeitraum von 2008 bis 2015. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und der Wissenschaftskooperation "Oxford in Berlin". Die Hauptursache: Unsicherheit über die wirtschaftliche und soziale Situation in ihrer Heimat.

Gleichzeitig lassen sich viele Briten, die bereits im EU-Ausland leben, einbürgern - der Studie zufolge vor allem deshalb, weil bisher keine Klarheit über die künftige Niederlassungsfreiheit für sie in der EU besteht. Seit dem Referendum haben demnach 31.600 Briten die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Das entspreche einem Drittel der britischen Bevölkerung in der Bundesrepublik. Damit hat sich Großbritannien bei den Einbürgerungen auf hinter der Türkei auf den zweiten Platz vorgeschoben und liegt vor Polen und Rumänien. Briten, die vor dem Jahresende 2020 einen Antrag auf Einbürgerung stellen, dürfen EU-Bürger werden und ihre bisherige Staatsangehörigkeit in der Regel behalten.

"Die Zuwachsraten bei Wanderungsbewegungen und Einbürgerungszahlen haben ein Ausmaß, wie man es nur in Folge großer ökonomischer oder politischer Krisen kennt", sagt WZB-Forscher Daniel Auer. Um mehr über die Beweggründe zu erfahren, ergänzten die Autoren die Zahlen der offiziellen Migrationsstatistiken durch Interviews mit Briten, die nach Deutschland eingewandert sind. Die unmittelbaren Folgen des Referendums auf Migrationsentscheidungen sind demnach klar ersichtlich. Die Entscheidung zur Auswanderung sei mitunter impulsiv und unter dem Eindruck einer großen Krise und unsicherer Zukunftsaussichten getroffen worden.

Zwei Drittel der Befragten waren bereit, mit dem Umzug Einkommenseinbußen hinzunehmen; viele migrierten ohne Jobzusage. "Durch den Brexit verliert das Vereinigte Königreich eine wachsende Zahl gut ausgebildeter Menschen, die bereit sind, viel zu investieren, um Teil Kontinentaleuropas zu werden und langfristig zu bleiben", so Co-Forscher Daniel Tetlow.

Zähe Verhandlungen

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Großbritannien war am 31. Januar aus der EU ausgetreten. Die künftigen Beziehungen müssen noch geregelt werden. In der Übergangsphase bis Jahresende bleibt das Land noch im EU-Binnenmarkt und in der Zollunion. Die EU hat London eine Freihandelszone ohne Zölle und Einfuhrquoten in Aussicht gestellt. Die Verhandlungen kommen aber seit Monaten nicht voran.

Gewichtige Streitpunkte in den Verhandlungen sind der von den Briten gewünschte weitgehend ungehinderte Zugang britischer Unternehmen zum europäischen Binnenmarkt, für den Brüssel im Gegenzug verlangt, dass London weiter Sozial-, Umwelt- oder Verbraucherstandards der EU akzeptiert. Umstritten ist auch der weitere Zugang von EU-Fischern zu britischen Gewässern und die künftige Schlichtung rechtlicher Streitigkeiten.

Quelle: ntv.de, jga/AFP