Wirtschaft

Schufa-Chefin im Interview"Viele Haushalte haben keine Reserven mehr"

17.03.2026, 06:05 Uhr
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Tanja Birkholz ist studierte Betriebswirtin und langjährige Bankmanagerin. Seit 2020 ist sie Vorstandschefin der Schufa, Deutschlands größter Wirtschaftsauskunftstei.

Steigende Energiepreise, mehr Kleinkredite und so viele neue Zahlungsausfälle wie seit Jahren nicht: Die Daten der Schufa zeichnen ein angespanntes Bild der finanziellen Lage vieler Verbraucher. Gleichzeitig will die Auskunftei transparenter werden. Schufa-Chefin Tanja Birkholz erklärt im Gespräch mit "Biz & Beyond", was Verbraucher jetzt tun können.

ntv.de: Wie angespannt ist die finanzielle Lage der Verbraucher derzeit?

Tanja Birkholz: Unsere Verbraucherbefragung vom November 2025 zeigt ein klares Bild: Vor allem Haushalte mit niedrigen Einkommen geraten zunehmend unter Druck. Mehr als die Hälfte der Haushalte mit einem Nettoeinkommen unter 2000 Euro im Monat sagt, dass sie keine Rücklagen mehr haben, um steigende Lebenshaltungskosten abzufedern. Aber selbst bei Haushalten mit 2000 bis 4000 Euro Einkommen berichtet noch etwa ein Drittel, dass kaum Reserven vorhanden sind.

Welche Rolle spielen die Energiepreise dabei?

Eine große. Wenn Verbraucher mehr für Strom, Heizung oder Kraftstoff ausgeben müssen, bleibt automatisch weniger Geld für andere Dinge übrig. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass steigende Energiekosten mittelfristig auch andere Preise nach oben treiben - etwa bei Dienstleistungen oder Produkten. Dann verschärft sich die Situation für viele Haushalte noch einmal deutlich.

Welche Trends sehen Sie in den Schufa-Daten?

Ein auffälliger Trend ist der starke Anstieg bei Kleinkrediten - also Krediten unter 1000 Euro. Im Jahr 2020 wurden rund 1,4 Millionen solcher Kredite abgeschlossen. 2024 waren es schon fast fünf Millionen. Das ist mehr als eine Verdreifachung innerhalb von vier Jahren.

Gleichzeitig steigen auch die Zahlungsausfälle. Wie stark?

Wir messen seit 2019, wie viele Menschen erstmals eine sogenannte Zahlungsstörung haben. 2025 waren das etwa 650.000 Personen - ein Anstieg von zwölf Prozent gegenüber dem Jahr davor. Verglichen mit der Zeit vor der Corona-Pandemie ist das sogar ein Plus von mehr als einem Viertel. Und leider sehen wir, dass sich dieser Trend auch 2026 fortsetzt.

Was bedeutet eine Zahlungsstörung genau?

Das ist wichtig zu verstehen: Eine Zahlungsstörung entsteht nicht, weil jemand eine Rechnung einmal zu spät bezahlt hat. Es gibt ein mehrstufiges Verfahren mit Mahnungen. Erst wenn eine Forderung über längere Zeit offen bleibt, mindestens zweifach gemahnt ist, kann sie an die Schufa gemeldet werden.

Die Schufa wird oft als "Black Box" kritisiert. Was hat sich geändert?

Genau darauf haben wir reagiert. Mit dem neuen Score haben wir erstmals ein vollständig transparentes System geschaffen - als erste Auskunftei weltweit. Verbraucher können nachvollziehen, wie ihr Score zustande kommt - und ihn sogar selbst berechnen. Damit endet im Grunde das Argument der Black Box.

Wie funktioniert der neue Score konkret?

Der Score basiert auf zwölf Kriterien. Diese Kriterien haben jeweils Punktwerte, die ihre Bedeutung widerspiegeln. Verbraucher können diese Punkte einfach addieren und erhalten so ihren persönlichen Score. Wichtige Faktoren sind zum Beispiel, ob Zahlungsstörungen vorliegen, wie viele Kredite jemand zuletzt aufgenommen hat oder wie lange eine Kreditkarte schon besteht.

Wie können Verbraucher ihre Daten überprüfen?

Dafür haben wir den neuen Schufa-Account eingeführt. Dort können Verbraucher kostenlos und digital sehen, welche Daten bei uns gespeichert sind. Nach Registrierung und Identifizierung erhalten sie Einblick in ihre Daten, ihren Score und die Faktoren, die ihn beeinflussen.

Welchen praktischen Nutzen hat diese Transparenz für Verbraucher?

Sie können sich zum Beispiel besser auf ein Gespräch mit ihrer Bank vorbereiten. Wer einen Kredit beantragen möchte, kann vorher sehen, wie seine Bonität eingeschätzt wird und welche Faktoren eine Rolle spielen. Dadurch entsteht ein ganz anderer, informierter Dialog mit der Bank.

Welchen Rat geben Sie Verbrauchern in der aktuellen Situation?

Der wichtigste Rat ist tatsächlich ganz einfach: Rechnungen immer pünktlich bezahlen - spätestens nach der ersten Mahnung. Außerdem hilft es, einen guten Überblick über Einnahmen und Ausgaben zu behalten. Und wenn es doch zu Problemen kommt, sollte man frühzeitig mit Gläubigern sprechen oder sich Unterstützung bei Verbraucherzentralen oder Schuldnerberatungen holen.

Mit Tanja Birkholz sprach Ulrich Reitz.

Quelle: ntv.de

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