Wirtschaft

Aktie noch immer auf Talfahrt Weitere Hinweise auf Betrug bei Wirecard

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Das Unternehmen, mit Sitz in Aschheim bei München, hat sich auf bargeldlose Zahlungen für Händler spezialisiert.

(Foto: dpa)

Im Bilanzskandal bei Wirecard verschwimmen Opfer- und Täterrolle. Während Wirtschaftsprüfer eine Täuschungsabsicht von Unternehmensseite sehen, fürchtet der Dax-Konzern einen "gigantischen" Milliardenbetrug. Die Aktie des Zahlungsdienstleisters leidet weiterhin enorm.

Die Indizien für einen Betrugsfall von großem Ausmaß um den Dax-Konzern Wirecard verdichten sich. Die philippinische Bank BDO Unibank, bei der angeblich eines von zwei suspekten Treuhandkonten für Wirecard geführt wurde, erklärte, dass das deutsche Unternehmen kein Kunde sei: "Das Dokument, in dem die Existenz eines Wirecard-Kontos bei BDO behauptet wird, ist ein manipuliertes Dokument, das gefälschte Unterschriften von Bankangestellten trägt", hieß es in der Stellungnahme des in der Stadt Makati ansässigen südostasiatischen Geldhauses. "Der Fall ist an die Zentralbank der Philippinen berichtet worden."

Getrieben von Pleiteängsten setzte sich der rasante Verfall der Wirecard-Aktie an der Frankfurter Börse fort. Die Papiere verloren am Freitagvormittag erneut fast die Hälfte ihres Werts und notierten nur noch bei circa 20 Euro - am Mittwochabend war eine Wirecard-Aktie noch über 100 Euro wert gewesen. Dem Unternehmen droht der Verlust von Milliardenkrediten. Wenn Wirecard an diesem Freitag keinen von Wirtschaftsprüfern testierten Jahres- und Konzernabschluss vorlegt, könnten Kredite von etwa 2 Milliarden Euro gekündigt werden.

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Im Mittelpunkt des Bilanzskandals stehen zwei asiatische Banken und ein Treuhänder, der seit Ende vergangenen Jahres für Wirecard die Konten verwaltet. Auf den Konten waren angeblich 1,9 Milliarden Euro verbucht. Die für Wirecard tätigen Bilanzprüfer bezweifeln jedoch mittlerweile, dass diese 1,9 Milliarden Euro tatsächlich existieren.

Wirecard wickelt bargeldlose Zahlungen für Händler ab, sowohl an Ladenkassen als auch online. Das Unternehmen ist seit über einem Jahr in Bedrängnis, seit die Londoner "Financial Times" dem Management in einer Serie von Artikeln Bilanzmanipulationen vorwarf. Deswegen hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY (Ernst & Young) auch den Jahresabschluss nicht testiert. EY vermutet Täuschungsabsicht. Wirecard fürchtet einen "gigantischen" Milliardenbetrug.

"Es kann derzeit nicht ausgeschlossen werden, dass die Wirecard AG in einem Betrugsfall erheblichen Ausmaßes zum Geschädigten geworden ist", sagte der bisherige Wirecard-Vorstandschef Markus Braun in einer Videobotschaft des Vorstands. Am Mittag kündigte Braun seinen Rücktritt an. Unabhängig davon haben die Finanzaufsicht Bafin und die Münchner Staatsanwaltschaft angekündigt, den Fall unter die Lupe nehmen zu wollen.

Der Aufsichtsrat des bedrängten Unternehmens hatte am Donnerstagabend noch Vorstandsmitglied Jan Marsalek vorerst suspendiert, der als Vertrauter Brauns gilt. Marsalek war für das Tagesgeschäft verantwortlich. Stattdessen hat der Aufsichtsrat nun mit sofortiger Wirkung den US-Manager James Freis berufen, der für die Rechtstreue zuständig sein soll. Eigentlich hätte Freis seinen Posten erst am 1. Juli antreten sollen.

Wirecard von Drittfirmen abhängig

Treuhänder und Treuhandkonten waren schon Gegenstand einer Sonderuntersuchung durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG gewesen, die Wirecard-Chef Markus Braun im vergangenen Jahr in Auftrag gegeben hatte. Auch die KPMG-Prüfer hatten bereits Zweifel geäußert und den Sachverhalt nicht aufklären können. Wirecard erwirtschaftet einen beträchtlichen Teil seiner Umsätze über Drittfirmen, die im Auftrag des deutschen Unternehmens bargeldlose Zahlungen abwickeln und dafür Provision erhalten.

In diesem Zusammenhang hatte Wirecard einen Treuhänder beauftragt, der im Auftrag des deutschen Unternehmens Konten eröffnete, über die die Geschäfte liefen. KPMG hatte im April bemängelt, dass es "nicht hinreichend nachgewiesene Einzahlungen auf Treuhandkonten" von rund einer Milliarde Euro gebe. Der ursprüngliche Treuhänder beendete laut KPMG-Bericht im vergangenen Jahr die Geschäftsbeziehung, und empfahl als neuen Treuhänder eine asiatische Anwaltskanzlei. Diese eröffnete demnach dann auch neue Konten bei zwei Banken.

Quelle: ntv.de, mba/dpa