Wirtschaft

Füllstände und Preise sinkenWenn Gasspeicherung zum Minusgeschäft wird

30.11.2025, 14:28 Uhr
imageVon Max Borowski
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Dank der LNG-Terminals können sich Deutschlands Versorger flexibel mit Gas versorgen. (Foto: Sina Schuldt/dpa)

Vor wenigen Jahren war das noch ein Horrorszenario: Bei ungünstigem Wetter und hohem Verbrauch konnten Deutschlands Gasspeicher mitten im Winter vollständig entleert werden. Inzwischen ist das keine Gefahr mehr für die Versorgung - aber dennoch problematisch.

Für Gasverbraucher sieht es gut aus. Die Preise sind im Laufe des Jahres deutlich gesunken. Laut dem Gaspreisindex des Vergleichsportals Verivox von rund 11,5 Cent pro Kilowattstunde zu Jahresbeginn auf zuletzt unter 10 Cent. Verivox zufolge wird es sogar noch weiter runter gehen. Für den Beginn des kommenden Jahres haben schon viele Gasversorger erneut spürbare Preissenkungen angekündigt. Dabei könnte genau zu diesem Zeitpunkt eintreten, was bis vor Kurzem noch als Horrorszenario gehandelt wurde: Die deutschen Gasspeicher könnten im Fall eines sehr kalten Winters, wie es ihn beispielsweise im Jahr 2010 zuletzt gegeben hatte, "bereits Mitte Januar vollständig entleert" sein, warnt der Verband der Speicherbetreiber.

Hintergrund dieser Warnung ist, dass die Gasspeicher derzeit so wenig befüllt sind wie seit Jahren nicht mehr. Anfang November waren die Speicher nur zu 75 Prozent voll. Inzwischen ist der Speicherstand aufgrund des kalten Wetters schon wieder auf unter 70 Prozent gefallen. In den vergangenen Jahren waren die Gasspeicher zu dieser Zeit im Jahr im Durchschnitt zu knapp 90 Prozent gefüllt. Ob das Gas in den Speichern im Laufe dieses Winters tatsächlich vollständig aufgebraucht wird, hänge vom Wetter ab, sagt Tobias Federico, Chefanalyst beim Energieanalyseunternehmen Montel, ntv.de. Das sei zwar nicht wahrscheinlich, im Falle eines ungewöhnlich kalten Winterverlaufs, mit entsprechend hohem Verbrauch aber möglich. "Das bedeutet aber nicht, dass uns in Deutschland das Gas zum Heizen ausgehen wird", so der Energieexperte.

Die Gasversorgung in Deutschland hat sich infolge der akuten Energiepreiskrise zu Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine grundlegend gewandelt. Jahrzehntelang importierte Deutschland sein Gas fast ausschließlich über Pipelines. Dieses Gas kam relativ gleichmäßig übers Jahr verteilt über die Leitungen ins Land. Der Verbrauch dagegen ist in der Heizsaison viel höher als im Sommer. Als Puffer fungierten jahrzehntelang die Gasspeicher, in denen die Versorgungsunternehmen sogenanntes Sommergas, das sie auch deutlich günstiger einkauften, als Wintergas während der Heizsaison, einspeicherten und in den kalten Monaten bei höherem Bedarf weiterverkauften. Der Preisunterschied beim Pipelinegas zwischen Sommer und Winter machte das Gasspeichern zum lohnenden Geschäft.

Doch dieses Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr. Vom einstigen Hauptlieferanten Russland bezieht Deutschland gar kein Pipelinegas mehr. Ein größerer Teil des Erdgases stammt dagegen aus Flüssiggaslieferungen (LNG), die entweder über westeuropäische Nachbarländer oder die neuen LNG-Terminals an der deutschen Küste ins Land gelangen. Anders als mit den Pipelines können die Versorger in Deutschland sich über die LNG-Terminals dann mit Gas eindecken, wenn sie es tatsächlich brauchen. "Die Preisunterschiede zwischen Sommer- und Wintergas gibt es auf dem globalen LNG-Markt kaum mehr", erklärt Georg Zachmann ntv.de, Energieexperte beim Thinktank Bruegel. "Das Einspeichern von Gas in großem Stil ist damit aktuell zu einem Minusgeschäft geworden."

Derzeit ist die Bevorratung von Gas besonders unattraktiv. Förderländer wie Katar und die USA haben massiv in die Ausweitung ihrer Kapazitäten investiert. Das Angebot auf dem Weltmarkt dürfte also weiter steigen und die Preise weiter sinken. Deutsche Gasversorger geben diese Entwicklung mit zeitlicher Verzögerung an ihre Kunden weiter. "Diese Gasschwemme erreicht auch die deutschen Verbraucher", so Zachmann.

Langfristig könnte der Gaspreis so weit sinken, dass er die europäische Energiepolitik und die angestrebte Transition von fossilen Energieträgern hin zu mehr erneuerbarer Energie behindern könnte. Sowohl für die Industrie als auch Privatverbraucher würde Gas wieder attraktiver als elektrische Alternativen - etwa die Gasheizung statt der Wärmepumpe. "Die im Ministerrat beschlossene Verschiebung des Emissionshandels kommt zur Unzeit", sagt Zachmann. Aufgrund des sinkenden Weltmarktpreises hätten Gasverbraucher dessen Einführung 2027 kaum gespürt. Der Verkauf von Emissionsrechten hätte aber sehr wohl für hohe zusätzliche Staatseinnahmen gesorgt. Mit diesen hätte der Staat beispielsweise den Stromnetzausbau fördern, und somit die Stromtarife für alle senken können.

Ist es also, anders also noch vor wenigen Jahren, egal wieviel Gas in den Speichern ist? Zwar bestehe keine Gefahr, dass Deutschland das Gas im Winter ausgehe, sagt Montel-Geschäftsführer Federico. Falls es aber zu einer Kältewelle nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und eventuell auch in anderen Teilen der Welt komme, könnte die erhöhte Nachfrage die Preise auf dem LNG-Markt kurzfristig in die Höhe treiben. "Wir haben kein Mengen-Risiko beim Gas", so Federico, "aber ein kurzfristiges Preisrisiko - für den Fall eines wirklich extremen Winters".

Bruegel-Wissenschaftler Zachmann sieht noch ein anderes Risiko. Ohne gespeichertes Gas als Puffer für die Versorgung schwächt Deutschland seine Verhandlungspositionen gegenüber den Lieferanten. Dabei geht es nicht nur um den Preis. Mit den USA und Katar etwa streitet die Bundesregierung gerade darüber, ob die europäische Lieferkettenverordnung auch für Erdgaslieferanten gilt. Sogar ein Lieferstopp steht im Raum. Zwar ist die Macht der einzelnen Anbieter beim LNG nicht vergleichbar mit der früheren Dominanz Russlands als Deutschlands Hauptgaslieferant. Aber: "Auch auf dem LNG-Markt gibt es Abhängigkeiten", so Zachmann. In Verhandlungen mit den Lieferanten mache es einen Unterschied, ob Deutschland Gasvorräte für wenige Tage oder viele Monate habe.

Quelle: ntv.de

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