Wirtschaft

"Krise ist strukturell"Westeuropa zählt mehr Firmenpleiten als nach Finanzkrise

05.05.2026, 11:37 Uhr
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In Deutschland stieg die Zahl der Insolvenzen im Jahresvergleich um rund ein Zwölftel. (Foto: picture alliance / Ipon)

Das vierte Jahr in Folge müssen mehr Unternehmen in Westeuropa Insolvenz anmelden als im Jahr zuvor. Dabei trifft es die Schweiz besonders heftig, auch Deutschland ist vorne mit dabei. Andere Länder hingegen können sich über einen Rückgang freuen.

Die Wirtschaftskrise hat für Unternehmen in Westeuropa schwerwiegende Folgen: Laut der Wirtschaftsauskunftei Creditreform stieg die Zahl der Firmenpleiten im vergangenen Jahr auf den höchsten Stand seit Beginn der Erhebung im Jahr 2002. Demnach wurden 2025 gut 197.610 Insolvenzen gezählt. Das sind 4,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Es war der vierte Anstieg in Folge.

"Die Krise ist nicht nur konjunkturell, sie ist strukturell. Ein schwacher Welthandel und geopolitische Risiken setzen Europas Unternehmen zu", sagte der Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung, Patrik-Ludwig Hantzsch. Zugleich lähmten hohe Energiepreise und Bürokratie die Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen - vor allem im Vergleich mit den USA und China. "Diese doppelte Belastung frisst sich tief in die Substanz vieler Betriebe." Für dieses Jahr wird eine weitere Zunahme der Fälle erwartet.

Das Insolvenzniveau in Westeuropa liegt Hantzsch zufolge höher als nach der Finanzkrise 2008/2009. In den vergangenen Jahren stiegen die Zahlen deutlich. Zuletzt schwächte sich die Dynamik etwas ab, den Experten zufolge aber auf hohem Niveau.

Im vergangenen Jahr hat die Zahl der Firmenpleiten in den meisten westeuropäischen Ländern zugenommen. Besonders stark fiel der Zuwachs in der Schweiz aus, wo ein Anstieg von 35,3 Prozent verzeichnet wurde. Laut Creditreform geht dies vor allem auf eine Gesetzesänderung zu Jahresbeginn 2025 zurück. Die Vollstreckung öffentlich-rechtlicher Forderungen sei verschärft worden, heißt es. Dadurch sinke die faktische Hürde für Konkurse.

Ein überdurchschnittlich hoher Anstieg der Insolvenzen wurde 2025 auch in Griechenland beobachtet. Ihre Zahl stieg um ein knappes Viertel. In Finnland wurde eine Zunahme der Insolvenzen von knapp einem Achtel verzeichnet, in Deutschland eine Zunahme von rund einem Zwölftel. Hier wurden gut 24.000 Fälle gezählt - der höchste Stand seit 2014.

Schwache Konsumneigung und anhaltender Preisdruck

In sechs Ländern allerdings sank die Zahl der Insolvenzen - darunter in den Niederlanden, Irland und Norwegen. "Europa entwickelt sich zunehmend auseinander, und die wirtschaftliche Schwäche der zentralen Industrieländer wirkt als Belastungsfaktor für den gesamten Kontinent", sagte Hantzsch dazu. Auch in Mittel- und Osteuropa ist die Zahl der Insolvenzen zuletzt gesunken. Die Experten sehen darin Nachholeffekte infolge der Corona-Pandemie. In vielen Branchen sei das Insolvenzniveau weiterhin hoch.

Bei der Insolvenzquote liegt Deutschland im Mittelfeld. Die Aussagekraft dieser Kennzahl ist jedoch begrenzt, etwa weil sich das Insolvenzrecht der Länder teils erheblich unterscheidet und die Statistiken nur bedingt vergleichbar sind.

Die Insolvenzen entwickelten sich in den Hauptwirtschaftsbereichen zuletzt unterschiedlich dynamisch. Bei Dienstleistern stieg die Zahl der Insolvenzen schneller an als im verarbeitenden Gewerbe, im Handel und Gastgewerbe. Im Bau stieg sie kaum an.

Die Krise beschränke sich längst nicht mehr auf die Industrie, sagte Experte Hantzsch. Eine schwache Konsumneigung und anhaltender Preisdruck träfen vor allem konsumnahe Branchen. Die meisten Firmenpleiten entfielen 2025 mit einem Anteil von gut 43 Prozent erneut auf den Dienstleistungssektor.

Quelle: ntv.de