Wirtschaft

Aktie mit historischem Einbruch Wirecard löst blankes Entsetzen aus

109f46a44457f72050b49528100df059.jpg

Wirecard-CEO und Großaktionär Markus Braun gerät immer mehr unter Druck.

(Foto: REUTERS)

Zum vierten Mal muss der Dax-Konzern Wirecard die Vorlage seiner Bilanz verschieben. Die Prüfer verweigern das Testat. Für ein Viertel der Summe fehlen Belege. An der Börse erlebt das Papier einen beispiellosen Crash. Anleger wollen Klagen prüfen. Der Konzern sieht sich als Opfer.

Der Zahlungsdienstleister Wirecard kann wegen milliardenschwerer Unklarheiten in der Bilanz seinen Jahresabschluss erneut nicht vorlegen. Die beauftragte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY habe das Unternehmen darüber informiert, dass über die Existenz von Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro keine ausreichenden Prüfungsnachweise vorlägen, teilte der Dax-Konzern mit. Damit geht es um etwa ein Viertel der gesamten Bilanzsumme. Einen neuen Termin für den Jahresabschluss nannte das Unternehmen nicht.

Vorstandschef Markus Braun sprach von möglichen "betrügerischen Vorgängen". Ein Vorstandsmitglied wurde mit sofortiger Wirkung freigestellt. Sein Unternehmen werde Anzeige gegen unbekannt stellen, kündigte Braun am Unternehmenssitz im bayerischen Aschheim bei München an. Wirecard reagierte zudem mit einem Vorstandsumbau und gab am Abend die Freistellung des Vorstandsmitglieds Jan Marsalek bis Ende des Monats bekannt. Zugleich berief das Unternehmen James Freis mit sofortiger Wirkung zum Compliance-Vorstand. Ursprünglich sollte er den neu geschaffenen Posten erst Anfang Juli antreten.

Wirecard
Wirecard 3,44

Die Summe entspricht laut Unternehmen in etwa einem Viertel der Konzernbilanzsumme und war von Tochtergesellschaften als Garantie für das Risikomanagement von Händlern hinterlegt worden, für die Wirecard Zahlungen abwickelt. Die beiden kontenführenden Banken hätten mitgeteilt, dass "die betreffenden Kontonummern nicht zugeordnet werden konnten", hieß es. Es gebe Hinweise, dass ein Treuhänder "zu Täuschungszwecken" falsche Bestätigungen vorlegt habe, um ein falsches "Vorstellungsbild" der Guthaben zu geben. Der Aktienkurs brach daraufhin um fast zwei Drittel ein.

Der Konzern muss seine bereits mehrfach - zuletzt auf diesen Donnerstag - verschobene Vorlage des Jahresabschlusses für 2019 daher erneut vertagen. Ein neues Datum steht noch nicht fest. "Der Vorstand arbeitet mit Hochdruck daran, den Sachverhalt in Abstimmung mit dem Abschlussprüfer weiter aufzuklären", hieß es. Sollte der Konzern einen testierten Abschluss bis Freitag nicht vorlegen, könnten Kredite der Wirecard AG in Höhe von etwa zwei Milliarden Euro gekündigt werden, warnte das Unternehmen.

Druck auf Braun steigt massiv

Damit steigt der Druck auf Vorstandschef und Großaktionär Markus Braun massiv. Dem Konzern werden seit geraumer Zeit immer wieder Bilanztricksereien vorgeworfen. Ein vom Unternehmen selbst in Auftrag gegebenes Gutachten bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hat zwar keinen Korrekturbedarf für die Bilanzen 2016 bis 2018 gefunden, dem Konzern jedoch organisatorische Mängel vorgeworfen.

Wirecard hatte ursprünglich geplant, seinen Geschäftsabschluss am 8. April zu veröffentlichen. Im März war dieser Termin auf den 30. April verschoben worden, Ende April dann auf den 4. Juni. Auch dieser Termin ließ sich nicht einhalten. Die Finanzaufsichtsbehörde Bafin zeigte Wirecard deswegen Anfang Juni wegen des Verdachts der Marktmanipulation an. Die Staatsanwaltschaft München I durchsuchte damals den Firmensitz in Aschheim bei München. Die Bafin erklärte, ihre laufende Untersuchung nun ausweiten zu wollen. "Selbstverständlich fließt der aktuelle Sachverhalt in unsere noch laufende Marktmanipulationsuntersuchung ein", sagte eine Sprecherin der Behörde auf Anfrage.

Anleger fordern Ermittlungen der Staatsanwaltschaft

Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) kündigte an, Schadenersatzansprüche von Aktionären wegen möglicher Pflichtverletzungen zu prüfen und gegebenenfalls zu bündeln. Die Anlegervereinigung DSW fordert wegen des Betrugsverdachts bei Wirecard eine Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft. "Das ist ein rabenschwarzer Tag", sagte DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler. "Wir sind in der Situation, dass Wirecard selbst nicht mehr für Aufklärung und Vertrauen sorgen kann." Die Vorgänge sollten nach Einschätzung der DSW von Ermittlern aufgeklärt werden: "Da muss jetzt die Staatsanwaltschaft rein", sagte Tüngler.

"Jetzt ist auch der Aufsichtsrat gefordert", sagte Tüngler. "Was bedeutet das personell, was bedeutet das für die Aufstellung des Konzerns?" Wichtig sei auch die Rolle der Prüfer bei EY, sagte Tüngler. In der Vergangenheit habe EY Wirecard auf gleicher Informationsbasis das Testat ausgestellt.

Mehr zum Thema

Wirecard stand seit seiner Gründung 1999 immer wieder im Zentrum von Aktienspekulationen. Im vorigen Jahr schrieb die britische "Financial Times" wiederholt über angeblich vorgetäuschte Umsätze und gefälschte Verträge bei Wirecard in Singapur. Wirecard wies die Anschuldigungen stets als verleumderisch zurück. Wegen der Berichte ging die Aktie des Dienstleisters auf Achterbahnfahrt.

Die Initiative Minderheitenaktionäre sprach nun von einem "unternehmerischen Offenbarungseid" und forderte den Rücktritt von Unternehmenschef Braun. Derzeit erfülle das Unternehmen "nicht die Voraussetzung für eine vertrauensvolle Kapitalanlage".

Quelle: ntv.de, kst/jwu/rts/DJ/dpa/AFP