Wirtschaft

Fatale Debatte um Lockerungen Wirtschaft und Leben sind kein Gegensatz

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Ungewisse Zukunft: Kaufhäuser und viele andere Geschäfte sind in Deutschland noch auf unbestimmte Zeit geschlossen.

(Foto: imago images/Jens Schicke)

Müssen die Einschränkungen des öffentlichen Lebens gelockert und mehr Opfer der Pandemie hingenommen werden, um die Wirtschaft zu retten? Die Debatte über den Vorrang von Profiten oder Menschenleben beruht auf falschen Annahmen und setzt beides aufs Spiel.

Die Stimmen werden lauter und die Hilferufe dramatischer, die vor den wirtschaftlichen Folgen des Kampfes gegen die Corona-Pandemie warnen. Je länger der Lockdown anhalte, desto größer und möglicherweise irreparabel werde der Schaden für viele Unternehmen. Die Reaktion auf solche Warnungen wiederum ist oft Empörung: Wie kann man nur über finanzielle Schäden reden, wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen? Tatsächlich allerdings beruht die Argumentation beider Seiten auf falschen Grundannahmen. Der in dieser Debatte um eine Exit-Strategie beschworene Gegensatz zwischen Wirtschaft und maximalem Einsatz gegen die Pandemie existiert gar nicht.

Einerseits scheinen manche zu glauben, die Wirtschaft, das seien Aktionäre, Dax-Manager und reiche Investoren, die nun mal gefälligst ein paar Verluste hinnehmen sollten, um die "Kurve abzuflachen", die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. In Wirklichkeit sind wir alle zusammen - unsere Arbeitsplätze, unsere Wohnungen, unsere Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung - diese ominöse Wirtschaft. Dies alles schützen zu wollen, ist durchaus gleichrangig mit der Pandemiebekämpfung.

Aber ohne massive Einschränkungen unseres wirtschaftlichen Lebens geht es nicht. Versuche wie in Großbritannien oder Schweden, die Epidemie ohne Kontaktsperren, Geschäftsschließungen und andere Maßnahmen auszusitzen, sind selbst nach Einschätzung der dortigen Regierungen gescheitert. Auch sie schwenkten nach stark steigenden Fallzahlen und einer sich abzeichnenden Überlastung des Gesundheitssystems auf restriktive Maßnahmen um. In Deutschland dagegen, Österreich und vor allem China, die mit massiven Einschränkungen reagiert haben, hat sich die Ausbreitung des Virus zumindest spürbar abgeschwächt. Die Pandemie ohne solche drastischen Einschnitte bekämpfen zu können, ist eine gefährliche Illusion.

Schnelle Erholung durch konsequente Maßnahmen

Ebenfalls eine Illusion ist aber auch die Vorstellungen mancher Wirtschaftsvertreter und Befürworter, dass man der Wirtschaftskrise entkommen oder sie abmildern könne, wenn man nur bereit sei, mehr Opfer hinzunehmen, und geschäftsschädigende Maßnahmen schnell lockere. Das Gegenteil ist der Fall: Ein halbherziger Kampf gegen das Virus führt nicht nur zu mehr Todesopfern, sondern verschärft mittelfristig auch die Probleme der Wirtschaft. Das legt unter anderem eine Studie der Wirtschaftswissenschaftler Sergio Correia und Stephen Luck von der US-Notenbank und Emil Verner vom Massachussetts Institute of Technology (MIT) nahe.

Die Ökonomen haben die Reaktionen US-amerikanischer Städte auf die Spanische Grippe 1918 unter die Lupe genommen und große Unterschiede bei den getroffenen Maßnahmen, der Zahl der Todesopfer und den wirtschaftlichen Folgen festgestellt. Ihr Fazit: Alle Städte erlitten einen deutlichen Wirtschaftseinbruch. Diejenigen aber, die früher und länger als andere das öffentliche Leben einschränkten, hatten nicht nur weniger Todesopfer zu beklagen, sondern erholten sich auch wirtschaftlich rascher von der Krise. Städte, die zehn Tage früher einschränkende Maßnahmen wie Versammlungsverbote, Schul- und teilweise Geschäftsschließungen erließen, hatten im Durchschnitt nach der Pandemie eine um fünf Prozent geringere Arbeitslosigkeit als andere.

Die Spanische Grippe und Covid-19 unterscheiden sich ebenso wie das Gesundheitssystem und die Gesellschaftsstruktur in US-amerikanischen Städten 1918 und im heutigen Deutschland. Vor allem starben damals zu einem Großteil junge Männer im arbeitsfähigen Alter, während Covid-19 mehrheitlich ältere, nicht mehr erwerbstätige Menschen tötet. Doch die Grundaussage der Studie bleibt gültig: Die Pandemie trifft die Wirtschaft in jedem Fall hart, indem sie Millionen Menschen tötet, wenn sie nicht mit drastischen Maßnahmen bekämpft wird. Selbst wenn "nur" eine Minderheit als Arbeitskräfte ausfallen würde, hätte das Konsequenzen für die Wertschöpfungskette in Deutschland. Zudem wäre auch das massenhafte Sterben der älteren Generation nicht nur eine menschliche Tragödie, sondern würde ganze Branchen mit in den Abgrund reißen. Nicht zuletzt würden auch alle Nicht-Betroffenen ihr Leben, ihr Konsum- und Arbeitsverhalten in Reaktion auf eine sich ungehindert ausbreitende Epidemie drastisch ändern, wenn die Regierung nicht eingriffe. Ein konsequentes und vor allem frühzeitiges Vorgehen - zumal kombiniert mit den finanziellen Förder- und Hilfsmöglichkeiten, die Deutschland heute hat - schafft dagegen wenigstens Voraussetzungen für eine schnelle Erholung.

Quelle: ntv.de