Kolumnen

Politisches Gemetzel Die Wall Street verliert den Glauben

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Zu Besuch an der Börse: Lars Halter trifft Marco Rubio.

Die Republikaner dominieren das politische Theater in den USA, und alle paar Wochen debattieren sie im Fernsehen. Da schaltet sogar die einst so parteitreue Wall Street ab.

Amerika steckt mitten im Wahlkampf, und an dem politischen Gemetzel kommt auch die Wall Street nicht vorbei. Zumal die Kandidaten sich manchmal bis aufs Parkett bemühen. Zuletzt war Marco Rubio zu Gast. Der Senator aus Florida stattete der New York Stock Exchange jüngst einen Besuch ab, saß bei CNBC zum Interview und plauderte mit Händlern.

Ich war eher zufällig in der Nähe, um mich auf die nächste Live-Schalte vorzubereiten, als Rubio vorbeikam – und wurde ihm prompt vorgestellt. Man stieß mich freundlich in Richtung Kandidat. "This is one of our reporters", sagte ein Freund, der im Management der Börse sitzt und den Besucher betreute. "He's from Germany." Vom amerikanischen Dauerwahlkampf gründlich genervt, fiel es mir ein, Rubio deutsche Gepflogenheiten zu erläutern. "In Deutschland", sagte ich, während Rubio professionell lächelnd meine Hand schüttelte, "da dauert der Wahlkampf nur zwei Monate. Würde Ihnen das nicht auch gefallen?" – Noch nie habe ich ein so lautes, offenes und ehrliches "Ja!" gehört.

Man darf ruhig glauben, dass der amerikanische Wahlkampf die ambitionierten Politiker genau so nervt wie das Volk... Es muss unheimlich anstrengend sein, zwei Jahre lang die gleichen Parolen in jedes Mikrofon zu sprechen. Die Republikaner haben es in diesem aktuellen Wahlkampf noch schwerer als sonst: Sie müssen sich gegen ein Dutzend Mitbewerber durchsetzen, und dazu müssen sie sich so weit rechts wie möglich aufstellen, um im Vorwahlkampf bei der Basis zu punkten. Genießen werden das die wenigsten: Donald Trump vielleicht, der Egomane, der das Publikum sucht wie die Motte das Licht... Auch Ben Carson scheint das Rampenlicht nichts auszumachen. Dem einst gefeierten Gehirnchirurgen fällt ja nicht auf, welchen immensen Schaden er und seine Parteikollegen mit ihrer fremden- und frauenfeindlichen Rhetorik anrichten.

Kalkül statt Leidenschaft

Dabei sind die Folgen vor allem für die Partei riesig – die verliert nämlich Wähler. Auch die Wall Street wählte einst überzeugt republikanisch, doch heute finden sich auf dem Parkett nur noch wenige, die offen einen Kandidaten der "Grand Old Party" unterstützen. Die meisten schauen peinlich berührt zur Seite, wenn man sie nach einer der unzähligen Fernseh-Debatten auf ihre politischen Optionen anspricht. Immer mehr nennen sich ganz offen Demokraten, und selbst der bekennende Sozialist Bernie Sanders findet Unterstützer.

Das politische Umdenken bei den Menschen schlägt sich langsam auch auf die Firmen an der Wall Street durch – die unterstützen mittlerweile beide Parteien fast gleichermaßen. Dahinter steckt natürlich weniger Leidenschaft als Kalkül: Von einem Sieg der Demokraten 2016 kann man angesichts der Selbstdemontage des politischen Gegners fast sicher ausgehen, da empfiehlt es sich für Corporate America, von vorneherein auch auf dieser Seite vertreten zu sein. Finanzriesen von Goldman Sachs über Bank of America bis zur Citigroup gehören zu den Hauptspendern für beide Parteien – in anderen Branchen gibt es hingegen noch unterschiedliche Gewichtungen: die Medien- und Kommunikationsriesen unterstützen überwiegend Demokraten, während Öl- und Rüstungsindustrie nach wie vor fest im Lager der Republikaner sind.

Quelle: n-tv.de

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