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Wirecard-Blamage Deutschland versagt als Finanzplatz

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Wo sind die fehlenden 1,9 Milliarden Euro?

(Foto: imago images/Lackovic)

Wirecard erleidet einen Totalschaden. Finanzaufsicht, Investoren und Bank-Analysten haben im Bilanz-Skandal verheerende Fehler gemacht.

Der ehemalige Wirecard-Chef Markus Braun wird wegen des Verdachts der Bilanzfälschung und der Marktmanipulation festgenommen, eine Untersuchungsrichterin lässt ihn nur gegen eine Millionenkaution frei. Der Fall des Startups zeigt, wie massiv der Finanzplatz Deutschland kollektiv versagt hat.

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Wirecard-Milliarden sind verschwunden oder haben nie existiert. Milliarden an Börsenwert haben sich in Luft aufgelöst. Das Vertrauen in Aktien als Geldanlage ist erschüttert. Der traumhafte Aufstieg eines Startups endet mit einem spektakulären Crash.

Zur Erinnerung: Seit Jahren veröffentlicht die überaus renommierte "Financial Times" gut recherchierte Artikel, die Fragen zum Geschäftsmodell von Wirecard aufwerfen. Das Unternehmen wies die Berichte über angeblich vorgetäuschte Umsätze und gefälschte Verträge immer wieder zurück, sprach von Verleumdung und leitete juristische Schritte ein. Der Aktienkurs fuhr Achterbahn.

Doch nicht nur Wirecard sprach der Zeitung die Glaubwürdigkeit ab. Die deutsche Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin sprang dem Unternehmen zur Seite und verbot sogenannte Leerverkäufe, mit dem Investoren auf fallende Kurse wetten. Sie begründete das damit, dass dadurch das Vertrauen in den deutschen Aktienmarkt ernsthaft bedroht sei. Das klang damals kurios, heute klingt es absurd.

Viel Geld versenkt

Damit nicht genug. Die Bafin erstattete sogar Anzeige gegen Journalisten. Der Verdacht: Sie hätten mit Leerverkäufern gemeinsame Sache gemacht. So trug die Bafin dazu bei, dass Anleger weiter ihr Geld in Wirecard-Aktien steckten. Immerhin hat Bafin-Chef Felix Hufeld nun Fehler eingeräumt und das alles als "Desaster" bezeichnet.

Ganz anders Finanzminister Olaf Scholz. Erstaunlicherweise kommt er zu dem Schluss, dass die Aufsichtsorgane "sehr hart gearbeitet und ihre Aufgabe erfüllt" haben. Für eine stärkere Regulierung sei der Fall Wirecard kein Anlass.

Und dann sind da noch die Wirtschaftsprüfer, die Wirecard jahrelang bescheinigten, mit der Bilanz sei alles in bester Ordnung. Nicht zu vergessen die Analysten, die Wirecard als Erfolgsstory feierten und trotz aller Ungereimtheiten fröhlich die Aktie zum Kauf empfahlen. Dazu gesellen sich Fondsgesellschaften, die unverdrossen sehr viel Anleger-Geld in Wirecard-Aktien steckten - und damit versenkt haben.

Eine von ihnen kündigte an, Wirecard auf Schadenersatz zu verklagen. Es ist wie so häufig in der Finanzindustrie: Schuld sind immer die anderen.

Quelle: ntv.de