Kommentare

VW-Chef Diess ist kaltgestellt Gnadenbrot in Wolfsburg

132012336.jpg

Mitten in der Corona-Krise angezählt: VW-Chef Diess verliert die Hoheit über die Kernmarke VW.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ausgerechnet in der größten Krise muss Volkswagen-Chef Herbert Diess die Führung der Kernmarke abgeben. Der übermächtige Betriebsrat hat den engagierten Automanager kaltgestellt. Das hat System in Wolfsburg.

Das ist mehr als eine Personalie. Es ist ein Abschied auf Raten. Eine im "System Wolfsburg" seit Jahrzehnten erlebte Demontage eines für den übermächtigen Betriebsrat zu unbequem gewordenen Vorstandschefs. Mittendrin im Kampf gegen den durch Diesel-Betrügereien, zu spät entwickelte Elektroautos und Corona-bedingtem Einbruch der Absatz- und Umsatzzahlen ausgelösten Bedeutungsverlust des Volkswagen-Konzerns muss Konzernchef Herbert Diess die Führung der wichtigsten Konzernmarke Volkswagen abgeben. Auf sie entfallen die meisten Fahrzeuge im VW-Universum. Neuer Chef der Autos mit dem VW-Logo wird Ralf Brandstätter, der bislang das operative Geschäft der Marke leitet. Brandstätter, der in Wolfsburg mit einer Lehre zum Betriebsschlosser startete und sich hocharbeitete, gilt als gewerkschaftsnah.

Nach einer Mitteilung des Unternehmens werde Diess künftig "mehr Freiraum für seine Aufgaben als Konzernchef" bekommen. Das ist natürlich PR-Sprech. Im VW-Reich sind die verschiedenen Chefs der Konzernmarken überaus mächtig. Der frühere VW-Chef Bernd Pischetsrieder kann ein Lied davon singen. Er wurde auf ähnliche Weise entmachtet, bis er schließlich auch als Konzernchef ersetzt wurde. Ohne direkten Zugriff auf die Kernmarke und deren Produkte hat ein Konzernlenker in Wolfsburg wenig zu sagen. Die Rochade kommt für Diess deshalb einem Wechsel auf den Posten eines Frühstücksdirektors gleich.

Diess hat gekämpft bis zuletzt. Im Strafverfahren um eine mögliche Marktmanipulation als Folge des Dieselskandals vor dem Landgericht Braunschweig hatte er vor ein paar Tagen sogar einem Vergleich zugestimmt – um den schwelenden Reputationsschaden für das Unternehmen zu begrenzen. Und wegen der Probleme beim Produktstart gleich mehrerer Modelle intern massiv Druck gemacht, um die Probleme zu lösen. Es brachte nichts. Der einflussreiche Betriebsratschef Bernd Osterloh, den Diess bei seinem Amtsantritt im Jahr 2015 eigentlich in die Schranken weisen wollte, hat sich durchgesetzt.

In Wolfsburg gewinnt nur einer: Osterloh

Egal wie stürmisch die Zeiten auch sein mögen: Wenn es zum Machtpoker in Wolfsburg kommt, gewinnt nur einer - Osterloh. Gegen ihn und die IG Metall sind in den deutschen VW-Werken einschneidende Struktur- und Personalentscheidungen kaum möglich. Das VW-Gesetz, das dem Land Niedersachsen 20 Prozent der Stimmrechte und damit viel Einfluss bei dem Unternehmen sichert, gilt als ein Grund. Besonders bizarr: Die ranghohen Arbeitnehmervertreter, die traditionell in viele Entscheidungen eingebunden werden, verstehen sich als gut bezahlte Co-Manager des Konzerns - in guten Zeiten. Läuft es schlechter, sind die Vorstände schuld.

Es könnte einer von Osterlohs letzten Coups sein, den er da durchzieht. Wie viele andere Branchen steckt auch die Autoindustrie in einem gewaltigen und folgenschweren Umbruch - Abbau von Arbeitsplätzen und geringere Profitabilität inklusive. Das macht es nicht einfacher, den strukturellen Wandel ohne Rücksicht auf Verluste zu blockieren.

Quelle: ntv.de