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Neue Lust am Nüchternbleiben Kein Alkohol ist auch eine Lösung

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Ein guter Cocktail muss nicht mehr zwangsläufig mit Alkohol sein.

(Foto: imago images / Stephan Wallocha)

Wer auf Alkohol verzichten will, muss abends in der Bar längst nicht mehr nur Wasser, Apfelschorle oder Cola trinken. Inzwischen gibt es nämlich neben Bier und Wein ohne Umdrehung auch Gin und Wodka, die am nächsten Tag keine Kopfschmerzen machen.

Jahr für Jahr trinken die Deutschen weniger Alkohol. Anstoßen ohne Promille ist längst zur Normalität geworden. Dank der neuen Lust am Nüchternbleiben ist die Auswahl an alkoholfreien Spirituosen-Alternativen in den vergangenen Jahren immer größer geworden. Inzwischen gibt es nicht nur Bier, Wein und Sekt ohne Umdrehungen, sondern Anbieter haben sich auch an die Herstellung von Gin und Wodka ohne Alkohol gewagt.

Branchen-Pionier Seedlip aus England ist schon 2016 mit einer alkoholfreien Gin-Alternative an den Start gegangen. Mittlerweile sind rund 70 andere Mitstreiter auf den Trend aufgesprungen. Sie richten sich mit ihrem Angebot an eben jene, die sich ohne schlechtes Gewissen den einen oder anderen Drink genehmigen wollen - und am nächsten Morgen gut auf den Kater verzichten können.

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Christian Zimmermann und Stella-Oriana Strüfing.

Genau so ging es auch der Gründerin des Food-Tech-Startups Laori, Stella-Oriana Strüfing. Die 34-Jährige saß eines Abends mit Freunden in einer Berliner Bar und wollte, um am nächsten Tag fit zu sein, keinen Alkohol trinken. Doch die Alternativen - Limo, alkoholfreie Saft-Cocktails oder Wasser - langweilten sie. "Ich wollte doch einfach nur einen Gin Tonic ohne Alkohol", sagt Strüfing ntv.de. Schließlich begann sie vor zwei Jahren in ihrer heimischen Küche einen alkoholfreien Gin zu destillieren. Strüfing experimentierte dafür mit Wacholder, Kardamom, Koriander und Angelikawurzeln herum. "Viele sagen immer ganz gerne, alkoholfreie Alternativen seien nur kalter Tee. Das sind sie aber gerade nicht. Denn wenn ich Wacholder mit heißem Wasser aufgieße, kommt geschmacklich dabei nur relativ wenig rum."

Geschmacklich näher am Original?

Bei der Produktion von alkoholfreien Spirituosen-Alternativen gibt es unterschiedliche Herangehensweisen. Bei einem Verfahren wird beim Destillieren der Alkohol einfach durch Wasser ersetzt. Das Problem: Alkohol löst die Aromen und fungiert auch als Geschmacksträger. Das Ergebnis kommt deswegen oft nicht an einen Gin mit Promille heran. In einem anderen Verfahren wird der Alkohol nachträglich dem Getränk entzogen, genau wie beim alkoholfreien Bier. Schon in der eigenen Küche merkte Strüfing schnell: Damit ein alkoholfreier Gin auch nach Gin schmeckt, muss sich die Herstellungsweise ändern.

Gemeinsam mit dem Lebensmitteltechnologen Christian Zimmermann entwickelte Strüfing dann deswegen ein neues Verfahren, das mehr Aromen und Kräuter auf natürliche Weise extrahieren kann. Strüfing und Zimmermann haben dafür eine Technik aus der Parfümherstellung adaptiert. "Wir destillieren Kräuter und Gewürze mit Wasserdampf, weil wir so viel besser auf die Eigenheiten der einzelnen Zutaten eingehen können." Schließlich brauche ein zarter Lavendel eine andere Behandlung als eine harte Wacholderbeere, um das Aroma zu entfalten.

Durch das neue Herstellungsverfahren verspricht die alkoholfreie Alternative von Strüfing zwar, geschmacklich näher am Original zu sein, pur kann man sie aber auch nicht trinken. Während des Entwicklungsprozesses mussten sich die Gründer entscheiden: Soll die Gin-Alternative pur getrunken werden oder eine Zutat in einem Cocktail oder Longdrink sein? Eine alkoholfreie Alternative zu produzieren, die pur getrunken werden kann, hätte laut Strüfing viel Zeit in Anspruch genommen. Laori sei aber noch ein junges Startup. "Wir können es uns nicht leisten, zwei Jahre im stillen Kämmerlein zu entwickeln, schließlich wollen wir auch bald profitabel sein."

Auch traditionelle Spirituosen-Hersteller haben Trend erkannt

Auch wenn der Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie den Markt als eher "marginal" bezeichnet: Das Marktpotenzial von alkoholfreien Spirituosen ist nicht zu verachten, schließlich trinken rund 60 Prozent der Bevölkerung keinen Alkohol. Auch in Deutschland bleiben immer mehr Menschen freiwillig nüchtern. In den vergangenen fünf Jahren haben deutsche Jugendliche zehn Prozent weniger Alkohol getrunken. Das bekommt auch die Spirituosenbranche zu spüren. In diesem Frühjahr wurde - auch bedingt durch die Corona-Krise - deutlich weniger Alkohol verkauft als sonst. Nach der Steuerstatistik ging der Absatz von Bier kräftig zurück, im Mai sogar um 62 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

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Dafür ist in den vergangenen zehn Jahren die Produktion von alkoholfreiem Bier gestiegen. Im Jahr 2019 wurden laut Statistischem Bundesamt insgesamt gut 4,2 Millionen Hektoliter alkoholfreies Bier produziert. Damit habe sich die zum Absatz bestimmte Produktionsmenge seit 2009 mit 97 Prozent fast verdoppelt. Der Trend zeigt: "Selbst die traditionellen Spirituosen-Unternehmen setzen immer mehr auf alkoholfreie Alternativen", sagt Strüfing. Schließlich würden auch Menschen, die sonst Alkohol trinken, phasenweise auf ihn verzichten. Sei es durch Krankheit oder Schwangerschaft.

Während Strüfing vor zwei Jahren von dem Angebot an alkoholfreien Getränken noch gelangweilt war, gibt es inzwischen sogar Bars, die ausschließlich Getränke ohne Promille anbieten. In Berlin hat vor ein paar Wochen die erste alkoholfreie Bar Deutschlands eröffnet - die Gin-Alternative von Strüfing gibt es dort auch bald.

Quelle: ntv.de