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Szene wächst rasant Start-ups sind für Berlin unverzichtbar

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Inzwischen arbeiten 13.200 Menschen in Berliner Startups. Die Zahl hat sich im Vergleich zu 2012 nahezu verdoppelt.

(Foto: imago/Westend61)

In Berlin gegründete Firmen aus der Digitalbranche sind für multinationale Unternehmen zu unverzichtbaren Partnern geworden. In der Hauptstadt ist die Start-up-Szene rasant gewachsen - und beschäftigt immer mehr Menschen.

Sie liefern Essen, vernetzen Bauernhöfe und vermitteln Babysitter - in Berlin machen ständig kreative neue Unternehmen von sich reden. Doch im Jubel um die deutsche Start-up-Hauptstadt ist eigentlich nur eine Information recht verlässlich: Mit 2,1 Milliarden Euro Risikokapital avancierte Berlin im vergangenen Jahr europaweit zum Investorenliebling Nummer eins - weit vor den deutschen Rivalen München und Hamburg.

Ansonsten: "Kaum Infos zu Umsatz und Gewinn, unterschiedliche Informationen zur Anzahl der jungen Firmen und ihrer Mitarbeiter, die Quellen dafür meist unklar, die Definition des Begriffs Start-up ebenso", sagt Hergen Wöbken. Der Gründer des Instituts für Strategieentwicklung hat sich in einer Studie das Ökosystem der Hauptstadt-Start-ups genauer angeschaut. Wöbken fasst zusammen: "Es gibt einen Boom, aber Selbstüberhebung ist nicht angebracht."

Seine Zahlen verdeutlichen, wie rasant die Szene gewachsen ist. 620 Start-ups zählte er Anfang 2016, verglichen mit 270 im Jahr 2012 - wobei das Institut als Start-ups Unternehmen zählt, die ohne Internet nicht denkbar und nicht älter als fünf Jahre sind. Zudem müssen sie ein skalierbares Geschäftsmodell haben, also innerhalb kürzester Zeit expandieren können.

Wenig große und viele kleine Unternehmen

Die Zahl der Mitarbeiter hat sich der Studie zufolge von 6700 im Jahr 2012 auf mittlerweile 13.200 nahezu verdoppelt. Zusammengenommen wären die Start-ups damit der fünftgrößte Arbeitgeber der Stadt, gleich nach den Berliner Verkehrsbetrieben und noch vor Siemens, das an der Spree seinen weltgrößten Produktionsstandort hat.

Auffallend sei die Struktur mit wenigen großen und vielen kleinen Unternehmen. Doch während vor Jahren noch viele der großen Firmen aus dem Imperium der Brüder und Zalando-Finanziers Samwer stammten, trügen heute mehr Schultern die großen Unternehmen. Nach Erhebungen der Beratungsgesellschaft Ernst & Young gingen im vergangenen Jahr 70 Prozent (2,1 Milliarden Euro) des gesamten Risikokapitalvolumens in Deutschland an Start-ups in Berlin. Hamburg und Bayern liegen mit 300 beziehungsweise 260 Millionen Euro auf Platz zwei und drei in der Länder-Rangliste. Im europaweiten Ranking folgen London (1,7 Milliarden Euro), Stockholm (992 Millionen Euro) und Paris (687 Millionen Euro). "Es zeigt sich, dass wichtige Akteure in die Stadt gekommen sind", sagt Institutschef Wöbken.

Berlin ist kein klassischer Industriestandort

Ähnlich wie die Politik nach dem Regierungsumzug viele Verbände und Institutionen nach Berlin geholt habe, locke die Digitalbranche zahlreiche Investoren sowie Akteure der "Old Economy" und der internationalen Szene in die Stadt. Für Berlins Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer liegt darin die große Chance der Stadt. "Wir sind zwar kein klassischer Industriestandort", sagt die CDU-Politikerin. Aber schon heute seien in Berlin gegründete Unternehmen zu unverzichtbaren Partnern für multinationale Player geworden. Immer mehr Industriebetriebe investierten in Berlin, so etwa Daimler oder Bayer. "Es ist etwas entstanden, das nachhaltig wirkt", meint Yzer. "Die Start-up-Szene ist erwachsen geworden."

Auch Studienautor Wöbken sieht die Berliner Start-up-Szene in der Post-Pubertät, betont aber: "Berlin wird niemals das neue Silicon Valley werden." Zwar stehe die kreative Szene im Rampenlicht, aber "erfolgreicher agieren hier immer noch Firmen, die Ideen von anderen kopieren", sagt Wöbken mit Blick auf die Start-up-Fabrik der Samwer-Brüder, Rocket Internet.

Gegenüber Städten wie San Francisco oder New York habe Berlin aber eine soziale Durchlässigkeit. "Das ist ein großer Standortvorteil, weil sich dadurch Menschen mit völlig verschiedenen Hintergründen gegenseitig inspirieren und voneinander lernen können", sagt der Institutsgründer. Demnach fragt sich aber, wie lange das angesichts stark steigender Mieten in den angesagten Vierteln der Stadt noch möglich sei. Denn dort haben auch viele Start-ups ihren Sitz.

Quelle: ntv.de, Sarah Lena Grahn, dpa