Auto

So fühlt sich der "Bulli" heute an : Ein Oldtimer frisch vom Band

Von Axel F. Busse

In Europa ist er Gegenstand liebevoller Pflege, in Südamerika treues Arbeitspferd: der Bulli. In Brasilien ist der Blick auf den Volkswagen T2 frei von nostalgischer Verklärung. Bericht über die Fahrt mit einem fabrikneuen Oldtimer.

1957 war der Bulli das erste Fahrzeug, das bei Volkswagen do Brasil vom Band lief.
1957 war der Bulli das erste Fahrzeug, das bei Volkswagen do Brasil vom Band lief.(Foto: Axel F. Busse)

Höchstes Autofahrerglück verspricht der Besitz eines Oldtimers. Aber auch Verdruss. Mal ist der Veteran zur Frühlingsausfahrt unpässlich, mal ist ein Ersatzteil unauffindbar. Mal zeigen sich verdächtige Ölspuren am Garagenboden und mal ist das Verdeck plötzlich undicht. Besser, der Oldie wäre frisch vom Band, dann gäbe es diese Probleme nicht. Unmöglich? Nein, es gibt ihn, den fabrikneuen Oldtimer, er heißt schlicht "Kombi" und ist von Volkswagen.

In einschlägigen Kreisen ist er hierzulande besser als "T2" bekannt. Und es ist leider mit gewissem Aufwand verbunden, ihn zu fahren. Entweder man reist nach Brasilien, wo er jahrein, jahraus in Sao Bernardo do Campo in einer Auflage von 120 Stück pro Tag vom Band läuft oder man wendet sich vertrauensvoll den holländischen Importeur, der ihn seit 2010 in Europa vertreibt. Die im Ursprungsland gebräuchliche Bezeichnung Kombi klingt zwar deutsch, ist es aber nicht. Sie ist so authentisch südamerikanisch wie "Fusca", was einst den Käfer identifizierte und heute für den New Beetle gilt.

Große Veränderungen am Wagen sind nicht geplant.
Große Veränderungen am Wagen sind nicht geplant.(Foto: Axel F. Busse)

Der Versuch, einem Brasilianer zu erklären, dass ein Bulli schützenswertes automobiles Kulturgut sei, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Als solides Gebrauchsfahrzeug hat es seit Jahrzehnten seinen festen Platz im Verkehrsgeschehen des Landes und es gehört mit dem ebenfalls von VW produzierten Modell Gol zu den häufigsten Erscheinungen im Straßenbild. 1957 war der Bulli das erste Fahrzeug, das bei Volkswagen do Brasil vom Band lief – noch vor dem Käfer. Weit über 1,5 Millionen Stück sind seither gebaut, die meisten davon wurden in Brasilien selbst verkauft. Die Fortsetzung dieser Erfolgsgeschichte steht laut Entwicklungschef Egon Feichter "überhaupt nicht infrage". Weder sind ein Ersatzmodell geplant noch schwerwiegende Veränderungen am Vorhandenen. Der Kombi tut das, was der Käfer mit seinem Produktionsende unterlassen musste: Er "läuft und läuft und läuft ..."

Komfort? Unnötig!

Umgerechnet 17.150 Euro kostet der fabrikneue Oldie.
Umgerechnet 17.150 Euro kostet der fabrikneue Oldie.(Foto: Axel F. Busse)

Er tut dies auf fast die gleiche Weise, wie er es bis 1979 auch in Deutschland tat. Wesentlicher Unterschied: Statt eines luftgekühlten Boxermotors ist unter der Ladefläche im Heck jetzt ein wassergekühlter 1,4-Liter-Reihenmotor untergebracht. Das Antriebsaggregat ist das Modernste, was die betagt anmutende Karosseriehülle verbirgt. Der Motor ist auf den Betrieb mit Bio-Sprit ausgelegt – wie die meisten in Brasilien zugelassenen Pkw. Entweder fährt er mit einer Benzin-Alkohol-Mischung (E22) oder mit reinem Ethanol. Das typische Rasselgeräusch, Jahrzehnte lang akustische Visitenkarte der frühen VW-Modelle, ist deshalb allenfalls zu erahnen, wenn man mit dem Kombi unterwegs ist.

Viel Komfort bietet der VW Kombi nicht.
Viel Komfort bietet der VW Kombi nicht.(Foto: Axel F. Busse)

An mangelnder Lautstärke von Ansaug- oder Verbrennungsgeräusch liegt das nicht. Zweckmäßigerweise ist man sowieso mit offenem Seitenfenster unterwegs. Dass der Bulli seine Insassen mit allzu viel Komfort verwöhnt, kann man nicht sagen. Zum Justieren der Rückspiegel müssen die Scheiben heruntergekurbelt werden, gut, wenn ein Beifahrer dabei helfen kann. Ausstellbare Dreiecksfenster ersetzen die Klimaanlage, das freistehende Rohr der Lenksäule wird am unteren Ende von den Pedalen eingerahmt, die wie Gummiblüten an einem Metallstängel aus dem Boden ragen.

Unverfälschtes Oldie-Feeling, wohin man blickt: "In den siebziger Jahren" so Egon Feichter, habe es die einzigen nennenswerten Änderungen am Auto gegeben: ein höheres Dach und eine Schiebetür auf der rechten Seite. Geblieben sind ein nahezu waagerecht stehendes, airbagfreies Hartplastik-Lenkrad, darunter bleistiftdünne Lenkstockhebel für Blinker und Scheibenwischer. Vier Gänge sind Herausforderung genug, denn sie mit dem 60 Zentimeter langen, gertendürren Schalthebel in den teigigen Untiefen des Getriebes zu treffen, verlangt ein wenig Übung. Das Aufbäumen des Vorderwagens beim Anfahren ist ebenso drollig wie das Schmirgelgeräusch der hinteren Trommelbremsen. Mit seinen 80 PS spurtet der Bulli bis auf 130 km/h, wenn's sein muss.

Umgerechnet 17.150 Euro muss ein brasilianischer Kunde für seinen fabrikneuen Oldie hinlegen. Das ist geringfügig mehr, als aktuell in den gängigen Oldtimer-Börsen für gepflegte Bullis des Jahrgangs 1969 gezahlt werden. Aber dafür ist auf dem brasilianischen Neuwagen ja noch Garantie.

Quelle: n-tv.de

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