Auto

Fiat und Chrysler Monopoly auf Italienisch

29.12.2010, 13:48 Uhr

Glück, überlegenes Können oder Geistesgegenwart? Vermutlich war von allem etwas dabei, als Fiat-Chef Sergio Marchionne 20 Prozent von Chrysler erhielt, ohne dafür zur Bank gehen zu müssen. Doch schafft der Italo-Kanadier, woran sich Daimler und Cerberus zuvor die Zähne ausbissen?

Wie eine reife Frucht ist Chrysler dem Fiat-Konzern in die Hände gefallen. Im

Jahr 1983 hatte sich Fiat vom US-Markt verabschiedet - nun kehren die Italiener

in der Position des Triumphators zurück, einen 20-prozentigen Anteil am Chrysler-Konzern

im Gepäck. Den Anteil gab es nicht umsonst: Die Erwartung der Amerikaner lautet

"Know-how-Transfer" - zugunsten von Chrysler, wohlgemerkt.

Für Fiat wird mit der neuen Allianz mit einem Federstreich der US-Markt aufgeschlossen.

Noch verkauft Chrysler in den USA pro Monat rund 100.000 Fahrzeuge - und zwar über

ein lange etabliertes und funktionsfähiges Händlernetz. Über das kann Fiat jetzt

so richtig Gas geben - ein riesiger Vorsprung gegenüber jedem anderem Newcomer,

der sich auf dem US-Markt etablieren möchte. Schon deshalb war es ein cleverer Schachzug

von Fiat, über die Möglichkeit der "geldlosen" Beteiligung an Chrysler

den amerikanischen Markt erschlossen zu bekommen.

Gute Chancen für Alfa

Als erstes wird die Marke Fiat den Neustart wagen, die Vorhut macht der kleine

Cityflitzer Fiat 500 - vorsichtshalber wird er vorher noch auf die Bedürfnisse der

Amerikaner getrimmt. Produziert wird der Kleinwagen in Mexiko. Es ist gut möglich,

dass bald noch eine Modellvariante 600 mit vier Türen nachgeschoben wird, um die

Verkaufszahlen mit einem erweiterten Käuferkreis anzukurbeln. Smart beschreitet

gerade einen ähnlichen Weg in USA. Außerdem wird an einem vollelektrischen Fiat

500 gearbeitet - und zwar bei Chrysler. Hier läuft der Technik-Transfer bereits

umgekehrt.

Die sportliche Tochter Alfa Romeo hat vielleicht die besten Chancen, als italienischer

Exportschlager ab 2012 die amerikanischen Käuferherzen zu erobern - und in Sachen

Marketing an die guten alten (Renn-)Zeiten sowie an den unvergessenen Spider aus

dem Film "The Graduate" zu erinnern. Den Anfang soll der Nachfolger des

159 machen, anschließend kommt eine Kombivariante, ein neuer Spider und ein SUV.

Der US-Marktstart von Alfa Romeo steht übrigens unter Vorbehalt: Es ist durchaus

möglich, dass dieses Thema - wie die gesamte Marke - vom VW-Konzern übernommen wird.

Chrysler und Dodge sterben in Europa

In Europa hat Fiat schon zum 1. Juni 2010 die Vertriebsverantwortung für die

Chrysler-Gruppe einschließlich Dodge und Jeep übernommen. Zu diesem Zeitpunkt ist

gleichzeitig allen Fiat- und Lancia-Händlern gekündigt worden. Die Zielsetzung:

Ein neues Netz von Fiat, Alfa Romeo und "New Lancia", Vertriebsstart soll

dann ab 1. Juni 2011 sein. Bis dahin werden die Marken unter den bisherigen Namen

weitergeführt.

Vom Chrysler-Modellprogramm bleibt anschließend nur Jeep übrig: die Marken Dodge

und Chrysler verschwinden. Das wird vor allem bei Dodge nicht weiter auffallen,

denn der Marktanteil der Marke tendierte bislang gegen Null. Der nächste Chrysler

300 und der Sebring-Nachfolger 200 werden als Lancia - der 200 eventuell auch als

Fiat - auf den europäischen Markt kommen und die bemerkenswert kleine Lücke füllen,

die der Thesis und früher einmal der Lybra hinterlassen haben. An die Stelle des

Phedra, einer umetikettierten Variante von Fiat Ulysse, Peugeot 807 und Citroen

C8, tritt der Nachfolger des Chrysler Voyager, der nach gleichem Prinzip zum Lancia

wird.

Jeep wird aufgefrischt

Immerhin wird die Marke Jeep in Europa einen Relaunch bekommen. Der Kultmarke

sollen wieder mehr Leben und Attraktivität eingehaucht werden. Begonnen wird mit

dem Grand Cherokee, der mit neuen Antriebsaggregaten auf Kundenfang geht. Der Wrangler,

der seine Anhänger seit jeher durch die Abwesenheit jeglichen Luxus im Fun-Segment

angelt, bekommt ein Facelift und als neuen Motor einen 2,8 Liter-Vierzylinder-Diesel

mit Fiat-Common-Rail-Technologie und 147 kW/170 PS. Ebenfalls einem Facelift unterzogen

werden die Jeep-Modelle Patriot und Compass, beide ausgestattet mit Motoren des

Ex-Partners Daimler- einem 2,1 Liter Diesel mit 125 kW/170 PS.

Interessant wird es bei den zukünftigen Modellgenerationen. Wie in einer guten

Ehe soll es eine gemeinsame Kasse für die Einkäufe geben, die zu Skaleneffekten

führt: Die Zusammenlegung der Einkaufsvolumina der beiden Hersteller soll nach Informationen

aus dem Fiat-Konzern Einsparungen von bis zu 1,6 Milliarden Euro bringen. Dazu kommt

eine neue Plattformstrategie: 2012 und 2013 werden vier neue Chrysler- und drei

neue Dodge-Modelle auf Fiat-Plattformen in die US-Showrooms rollen.

Neuer V6 aus den USA

Die Entwicklungskompetenz für den Bereich Elektro- und Hybridantriebe bleibt

bei Chrysler in den USA - eine unfreiwillige Mitgift des Ex-Partners Daimler, von

der Fiat nun profitieren kann. Fiat kommt jedoch auch zu neuen Verbrennungsmotoren.

Besonders interessant dürfte der Pentastar-V6 sein - denn einen eigenen V6 haben

die Italiener schon seit Jahren nicht mehr.

Was Fiat an Chrysler liefern kann, sind kleine und sparsame Diesel und Benziner.

Die optimistische Annahme: Hohe Benzinpreise würden in den USA einen Umdenkprozess

einleiten und kleine Motoren attraktiv machen. Inzwischen stellt sich die Situation

wieder anders dar: Große, bequeme, hubraumstarke Fortbewegungsmittel scheinen einfach

Teil der amerikanischen DNA zu sein. Und auch der Diesel ist immer noch ein schwer

zu vermittelnder Kandidat.

Wenn kleine Motoren in den USA weiterhin nicht laufen, was bleibt vom Technologie-Transfer

für Chrysler übrig? Vorteile im Einkauf, die Modernisierung der Chrysler-Fabriken

sowie der Verkauf von V6-Motoren an Fiat. Immerhin. Jedenfalls sind die Amerikaner,

so ist aus Auburn Hills zu hören, auch nach dem ersten Ehejahr zufrieden. Die zweite

Ehe, so sagt man, sei beständiger als die stürmische DaimlerChrysler-Liaison. Die

Zeit der Unsicherheit scheint endlich vorbei: Man ist - bis auf weiteres - zufrieden

mit dem neuen italienischen Lover.

Quelle: sp-x