Auto
Ein schwieriger Spagat: Der Toyota Land Cruiser will einerseits seine bewährten Offroadqualitäten bewahren und andererseits mehr Kunden der SUV-Käuferschaft für sich gewinnen.
Ein schwieriger Spagat: Der Toyota Land Cruiser will einerseits seine bewährten Offroadqualitäten bewahren und andererseits mehr Kunden der SUV-Käuferschaft für sich gewinnen.(Foto: Markus Mechnich)

Toyota Land Cruiser in der Praxis: Der Weltenbummler

Markus Mechnich

Bereits seit rund 60 Jahren prägt der Land Cruiser das Image der Marke Toyota. Auch in seiner Neuauflage versucht sich der auf allen Kontinenten zu findende Offroader am Spagat zwischen Schotterpiste und Prachtboulevard. Wir haben dem Evergreen in der Praxis auf den Zahn gefühlt.

Bilderserie

Wenn es ein Auto gibt, das wirklich auf der ganzen Welt zu finden ist, dann ist das der Land Cruiser von Toyota. Ob in der Arktis, in der Sahara, auf mexikanischen Schotterpisten oder auf oberbayerischen Bergstraßen, der Japaner bahnt sich überall seinen Weg. Die Gründe dafür sind einfach: Er ist flexibel einsetzbar, in allen nur denkbaren Variationen erhältlich, gilt als zuverlässig und ist für relativ kleines Geld zu haben. Zumindest war das früher so. Der neue Land Cruiser, der im Dezember letzten Jahres vorgestellt wurde und mit einem Basispreis von knapp 37.000 Euro zu Buche schlägt, ist sicher nicht zu den billigen Autos zu zählen.

Seit Anfang des Jahrtausends die großen City-SUVs bei den Käufern abräumen, sieht sich der Land Cruiser zu einem gewagten Spagat gezwungen. In der Nische reiner Geländewagen lässt sich nämlich seitdem nicht mehr wirklich auf interessante Absatzzahlen kommen. Daher versucht Toyota den Geländegänger, spätestens seit dem Modellwechsel 2002 näher an den Boulevard zu bringen. Er soll eben auch ein bisschen SUV sein. Gleichzeitig darf das Urgestein seine Geländefähigkeiten nicht verlieren, die schließlich Grundlage des Erfolgs sind.

Beharren auf Leiterrahmen

Keine einfache Aufgabe, die sich den Ingenieuren da seitdem stellt. Denn schließlich rühren die Offroad-Qualitäten nicht zuletzt vom einfachen Karosserieaufbau des Fahrzeugs. Ein einfacher Leiterrahmen trägt die Karosserie, während sich ansonsten die selbsttragende Karosseriekonstruktion durchgesetzt hat. Das nötigt Toyota allerdings auch dazu, mit jeder neuen Generation weiter am Leiterrahmen und damit am Kompromiss zwischen Komfort und Gelände zu arbeiten. Auch bei der Neuauflage Ende 2009 wurde an der Torsionssteifigkeit und mit merklich verbreiterten Längsträgern am Komfort geschraubt.

Der Auftriitt des Land Cruisers ist wuchtig: Selbst große SUV-Konkurrenten stellt der Japaner in den Schatten.
Der Auftriitt des Land Cruisers ist wuchtig: Selbst große SUV-Konkurrenten stellt der Japaner in den Schatten.(Foto: Markus Mechnich)

Das Ergebnis ist durchaus bemerkenswert, denn der Land Cruiser zeichnet sich zwar durch bauhöhenbedingte Wankbewegungen der Karosse, aber auch durch eine sehr schluckfreudige Aufhängung derselben aus. Selbst Kopfsteinpflaster lässt diese mit einer relativ weichen Federung gepaarte Verknüpfung von Fahrwerk und Rahmen so gut wie gar nicht an die Insassen. Verantwortlich dafür ist aber auch maßgeblich die Luftfederung an der Hinterachse. Gleichzeitig hat der Land Cruiser seine Qualitäten abseits der Straßen bewahrt, auch aufgrund zahlreicher elektronischer Helferlein. Aber dazu später mehr.

Wuchtiger Auftritt

Geht man auf den Land Cruiser zu, so beeindruckt zunächst der wuchtige Gesamtauftritt des Autos. Das Trittbrett unter den Türen und die Haltegriffe an A- und B-Säulen, aus der Ferne vielleicht als übertriebener Offroad-Pomp abgestempelt, bekommen durch die enorme Höhe von 1,88 Metern ein neue Bedeutung. Personen unter 1,75 Meter Körpergröße sind durchaus ernsthaft darauf angewiesen, wenn sie das Gestühl erklimmen wollen. Ist der Platz hinterm Steuer erst mal eingenommen, dann wird auch auf der Straße schnell klar, dass es von den Abmessungen kaum ein Auto mit dem Japaner aufnehmen kann. Selbst ein Porsche Cayenne sieht neben dem Land Cruiser fast mickrig aus. So lässt sich auch Respekt auf der Straße verschaffen.

Der Drei-Liter-Diesel ist bei 173 PS mit den mehr als zwei Tonnen des Autos gut beschäftigt.
Der Drei-Liter-Diesel ist bei 173 PS mit den mehr als zwei Tonnen des Autos gut beschäftigt.(Foto: Markus Mechnich)

Die ersten Kilometer auf normalen Straßen absolviert der opulente Japaner mit einer ausgesprochen großen Gelassenheit. Einerseits der souveräne Auftritt und ein sehr geringes Maß an Geräuschen im Innenraum. Auf der anderen Seite wird aber schnell klar, dass das mehr als zwei Tonnen schwere Fahrzeug mit dem Drei-Liter-Diesel und 173 PS wahrlich nicht übermotorisiert ist. Vielmehr schleppt sich der Land Cruiser beim häufigen Anfahren im städtischen Verkehr eher gemächlich von dannen. Ist der Landmann dann mal in Bewegung, dann lässt es sich zwar durchaus flott voran kommen, doch auch dann wird noch kein Sportler daraus. 11,7 Sekunden verstreichen mindestens, bis die 100 Stundenkilometer erreicht sind. Bei 175 km/h ist Schluss mit dem Vortrieb.

Gewaltiges Drehmoment

Dass der Land Cruiser aber durchaus kräftig ist, belegen die gewaltigen 410 Newtonmeter Drehmoment, die der Selbstzünder auf die Achsen wuchtet. Der Antrieb des Geländegängers ist auf Offroad ausgelegt, wo er das schwere Gefährt mit seiner geballten Kraft auch mühelos nach vorne schiebt. Das demonstriert er uns, nachdem wir die befestigten Straßen verlassen und brandenburgische Feldwege angesteuert haben. Auch wenn der heiße und trockene Sommer uns so rechte Schlammpisten verwehrt, so darf sich der Land Cruiser doch durch schlecht befestigte Wege und abgemähte Stoppelacker wühlen. Und das macht er mit Bravour.

Der Innenraum des Toyota zeigt sich nicht unbedingt hochwertig, aber gut verarbeitet und funktional.
Der Innenraum des Toyota zeigt sich nicht unbedingt hochwertig, aber gut verarbeitet und funktional.

Die luftgefederte Hinterachse dämpft dabei nicht nur, sondern reguliert auch automatisch das Niveau am Heck. Eine Bodenfreiheit von 21,5 Zentimetern nimmt zusätzlich die Furcht vor übersehenen Steinen oder anderen, nicht sichtbaren Unwägbarkeiten, die den Unterboden beschädigen könnten. Das ist der entscheidende Unterschied zu den Edel-SUVs, die zumeist nur auf Gelände machen, aber in der Praxis oft schon an Bodenfreiheit oder fehlender Allradtechnik scheitern. Der Land Cruiser kann wirklich Gelände.

Jede Menge Geländetechnik

Das belegen auch weitere Fakten. So weist der Japaner einen beachtlichen Böschungswinkel, also der Grad an Steigung, den das Fahrzeug ohne Aufzusetzen bewältigen kann, von 32 Grad auf. Der Rampenwinkel zwischen Unterboden und den beiden Reifen beträgt 22 Grad und der Überhangwinkel bis zum Aufsetzen des Hecks beträgt mit Luftfederung immer noch 24 Grad. Das sind Zahlen, die echte Offroadfans durchaus begeistern können. Für die Gelände-Laien bedeutet das schlicht, dass man sich mit diesem Toyota wirklich was trauen kann, abseits befestigter Straßen.

Der kann was im Gelände: Jede Menge Offroadtechnik sorgt für fast grenzenloses Fahrvergnügen abseits der Straßen.
Der kann was im Gelände: Jede Menge Offroadtechnik sorgt für fast grenzenloses Fahrvergnügen abseits der Straßen.(Foto: Markus Mechnich)

Für den Vortrieb sorgt ein permanenter Allradantrieb mit Torsendifferential, der bei normalen Bedingungen die Kraft zu 60 Prozent auf die hintere und 40 Prozent auf die vordere Achse verteilt. Die vordere und hintere Differentialsperre können per Schalter manuell zugeschaltet werden. Der Hebel für das Untersetzungsgetriebe ist ebenfalls einem Schalter gewichen. Wem das immer noch nicht ausreichend Allradtechnik ist, der darf sich mit dem "Multi-Terrain-Select-System" vergnügen. In vier Einstellungen - Matsch und Sand, Schotter, Buckelpiste und Fels – reguliert die Elektronik den Schlupf der einzelnen Räder je nach Bedarf und ermöglicht so die Anpassung des Kraftverteilung an das zu Grunde liegende Gelände. Zudem gibt es noch neben dem Bergab- einen neuen Bergauffahrassistenten.

Durstiger Diesel

Nicht schlecht also, was der Toyota im Gelände alles leisten kann. Aber so viel Allradtechnik bringt nicht nur einiges an Gewicht mit sich. Der permanente Antrieb aller vier Räder macht sich ebenfalls an der Tankstelle bemerkbar. Mit einem Verbrauch von 8,4 Litern auf 100 Kilometern ist der Land Cruiser vom Hersteller angegeben. Davon waren wir auch beim Autobahnzyklus ziemlich weit entfernt, wo 9,75 Liter bei keinesfalls flotter Fahrweise gemessen wurden. Der erste Zyklus mit Stadtverkehr und flotterer Fahrt auf Landstraße und Autobahn trieb den Verbrauchswert gar auf 12,6 Liter Diesel hoch. Die Geländeausfahrten haben wir dabei nicht mitgemessen. Das sind auch für ein so großes und schweres Auto stramme Werte für einen Dieselmotor.

Der Land Cruiser braucht sich nicht zu verstecken: Aus dem Busch auf den Boulevard ist mit dem Toyota absolut machbar.
Der Land Cruiser braucht sich nicht zu verstecken: Aus dem Busch auf den Boulevard ist mit dem Toyota absolut machbar.(Foto: Markus Mechnich)

Werfen wir schließlich noch einen Blick in den Innenraum. Bei einer Länge von 4,76 Metern und der bereits angesprochenen Bauhöhe von 1,88 Metern sind das Ladevolumen und die Platzverhältnisse eher ein Nebenthema. 621 Liter im Normalzustand sind schon nicht schlecht, aber mit umgeklappter Rückbank werden daraus beachtliche 1934 Liter. Die maximale Zuladung beträgt üppige 565 Kilogramm, und mit einer erlaubten Anhängelast von 3000 Kilogramm bleiben hier eigentlich keine Wünsche offen. Auf dem vorderen Gestühl lässt es sich sehr geräumig sitzen. Auch auf der Rückbank können durchaus drei Erwachsene Platz nehmen. Das Ambiente rund um das Cockpit wird zwar von Hartplastik geprägt, das allerdings gut verarbeitet ist. Schalter und Instrumente sind übersichtlich angeordnet und erlauben schnelle Orientierung. Eine schöne Option ist das Festplatten-Navi mit JBL-Soundsystem, das in Sachen Entertainment kaum Wünsche offen lässt. Allerdings schlägt dieses mit satten 3900 Euro zu Buche.

Ein ganzer Kerl für einen stolzen Preis

Auch die versammelte Allradtechnik gibt es natürlich nicht zum Einstiegspreis von 39.700 Euro für den Fünftürer. Die Grundausstattung ist zwar durchaus beachtlich, doch die meisten werden zumindest die bereits unter anderem mit Rückfahrkamera, 18-Zoll-Rädern und Xenon-Scheinwerfern bestückte Variante Life ordern. Unser Testwagen in der Variante Executive mit Geländepaket kratzt schon hart an der Grenze zu den 60.000 Euro. Spätestens bei der Steuer macht sich auch schmerzlich bemerkbar, dass der Diesel-Motor leider nur die Euro Norm 4 erfüllt.

Fazit: Der Toyota Land Cruiser ist ein echter Kerl, das hat er uns in unserem Praxistest bewiesen und deshalb auch einen guten Eindruck hinterlassen. Im Gegensatz zu den schicken City-SUVs kann er wirklich was abseits befestigter Straßen, und malträtiert dennoch die Insassen nicht mit unnötigen Grobheiten. Im Gegensatz ist er auch ein bequemes Reisemobil, wobei man dabei allerdings nicht zu hohe Ansprüche an die Fahrleistungen stellen sollte. Im normalen Verkehr schmerzt auch der ziemlich hohe Verbrauch etwas. Der Nutzwert ist groß, aber die Materialien im Innenraum sind wiederum recht einfach. Auch der stolze Preis ist kein Pluspunkt. Unterm Strich aber fällt das Fazit positiv aus, denn wer Gelände braucht, bekommt einen fast perfekten Kompromiss aus Offroad- und Onroad-Qualitäten. Und ein solcher ist nicht oft zu finden.

 

Datenblatt

Toyota Land Cruiser 3.0 D-4D

Abmessungen L / B / H
4,79 / 1,80 / 1,49 m
Leergewicht
2035 kg
Sitzplätze
5
Ladevolumen
normal / maximal
621 / 1934 l
Maximale Zuladung
565 kg
Motor
4 Zylinder in Reihe,
2982 cm³ Hubraum
Antrieb und Getriebe
permanenter, variabler Allradantrieb,
5-Gang Automatikgetriebe
max. Leistung
173 PS (127 kW)
Kraftstoffart
Diesel
Tankinhalt
87 l
Höchstgeschwindigkeit
175 km/h
max. Drehmoment
410 Nm zwischen 1600 und 2800  U/Min
Beschleunigung 0 - 100 km/h
11,7 sek
Verbrauch pro 100 Kilometer (Innerorts/Außerorts/Schnitt)
Testverbrauch Zyklus 1/Zyklus 2
10,5 / 7,1 / 8,4 l
9,75 / 12,6 l                                                                    
CO2-Emissionen
220 g/km
Schadstoffklasse / Feinstaubplakette
EURO 4 / Grün
Grundpreis
Testwagenpreis
36.950 Euro
59.900 Euro

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen