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Minus mal minus ist nicht immer plus ...
Minus mal minus ist nicht immer plus ...(Foto: Robert Zuckerman)

"Flight", Koks & Co.: Abstürzen mit Denzel Washington

"Flight" - dieser Film ist nichts für Angsthasen! Auf der einen Seite dürfte er die spektakulärste Flugzeugabsturz-Szene aller Zeiten beinhalten, zum anderen erzählt er von den Dämonen in uns, die Alkohol und Drogen auslösen können. n-tv.de trifft Hauptdarsteller Denzel Washington und Regisseur Robert Zemeckis.

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"Im Adlon ist Brad Pitt und der Washington Denzel, im Autohaus in Schwedt ist heut' Achim Menzel ...", sang schon Rainald Grebe in seiner Hymne "Brandenburg". Aber wir schweifen ab - wir wollten nur sagen, dass wir Denzel Washington und Robert Zemeckis tatsächlich im plüschigen Hotel Adlon getroffen und uns dort in aller Ruhe über den Film unterhalten haben, der dem sympathischen Hauptdarsteller eine satte Oscar-Nominierung eingebracht hat. Doch es sind nicht nur die Oscars: Für Zemeckis und Washington hat es sich gelohnt, nicht die übliche Gage zu verlangen.

Denzel Washington: Ja, Bob und ich wollten den Film unbedingt machen, und daher haben wir beschlossen, auf einen Teil des Geldes zu verzichten, dafür aber am Gewinn beteiligt zu werden. (Das hat sich gelohnt: Der Streifen hat in den USA bereits am ersten Wochenende über 25 Millionen an den Kinokassen eingespielt.) Aber das war kein Problem (lächelt), um das nochmal klarzustellen. Ich habe mich schon vor dem Dreh total auf die Rolle gefreut. Endlich mal eine Rolle, die nicht eindeutig zu definieren ist.

n-tv.de: Ist es denn nicht schwer, den Film ans Publikum zu bringen, wenn man die Hauptrolle nicht einordnen kann? Sonst waren Sie ja immer eher der "Good Guy", oder der Action-Star, jetzt dieser Alkoholiker, der in seinem Zustand dennoch so viele Menschenleben rettet.

Das war einfach ein gutes Drehbuch, das ist schon die halbe Miete. Als ich es gelesen habe, habe ich mir gar keine Gedanken darüber gemacht, wie sich der Film an den Kinokassen machen würde. Um so etwas muss sich eigentlich auch eher das Studio Gedanken machen und nicht ich (lacht).  Aber das Studio lag wohl richtig, obwohl das für diese Art von Film eher eine Low-Budget-Produktion war. Keine Ahnung, ob da was anderes rausgekommen wäre, wenn wir 60 oder 70 Millionen Dollar reingesteckt hätten. Es hat ja funktioniert. Und das liegt an Robert Zemeckis, der den Film so aussehen lässt, als wäre er viel teurer. Vor allem die Absturz-Sequenz. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie er das angestellt hat. Ich war nur bei der Cockpit-Szene dabei, und einmal, als ich rausgegangen bin, um mit den Passagieren zu sprechen, aber den Rest habe ich erst im Kino gesehen.

Und waren Sie dann überrascht?

Allerdings. Beim Dreh sieht man nur den Green Screen, wenn man aus dem Fenster schaut. Allerdings war es tatsächlich so, dass wir kopfüber gedreht haben, das Cockpit wurde so gebaut, dass wir beim Dreh um 180 Grad gewendet wurden. Aber trotzdem: Das Endergebnis zu sehen war "wow!". Ich hab' mich echt gefragt, wie Bob das bloß wieder angestellt hat. Und das mit dem wenigen Geld (lacht). 

Die Klienten dieses Anwalts (Don Cheadle) gehen nicht in den Knast.
Die Klienten dieses Anwalts (Don Cheadle) gehen nicht in den Knast.(Foto: Robert Zuckerman)

Eine Wendung macht auch die Geschichte, und zwar immer wieder: Am Anfang sehen wir den Piloten mit einer Frau, Alkohol und Koks im Bett, Washington sogar ziemlich uneitel mit Bauchspeck und aufgeqollenem Gesicht. Wir sehen, wie er sich noch einmal Drogen reinzieht, bevor er zur Arbeit geht. Doch in diesem Zustand, der für ihn, Captain Whip Whitaker, der Normal-Zustand seit Jahren ist, schafft er es, ein Flugzeug auf spektakulärste Art und Weise zu landen und Dutzende von Menschenleben zu retten.

Nach dem spektakulären Absturz ändert sich die Richtung des Films eher in eine Art Charakterstudie. War es nicht schwer, die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu behalten?

Washington: Zum Glück ist das der Job des Regisseurs, die Spannung aufrechtzuerhalten (lacht). Und im Schnitt kann man auch noch einiges machen, mit der Musik natürlich vor allem.

Robert Zemeckis: Ja, die Musik!!! Die Rolling Stones, mit denen kann man nichts falsch machen. Aber viele Vorschläge kamen auch vom Drehbuchautor. Der fand, dass die Stones, oder auch die Red Hot Chili Peppers, gut passen. Whip selbst, der Pilot, hat gar keine Musik im Kopf, er ist viel zu sehr mit sich beschäftigt. Er hört nur die Musik, die die anderen hören. Aber das Härteste an einem Dreh sind eigentlich immer die Dinge, die man nicht planen kann. Wie zum Beispiel das Wetter, oder auch die Schauspieler (lacht). Obwohl das nun wieder auch nur ein Drittel des Films ausmacht, wenn man es genau nimmt. Das anderes Drittel sind natürlich die Vorbereitung und dann der Schnitt.

Haben Sie "Flight" chronologisch gedreht?

Zemeckis: Ja, man versucht das immer weitestgehend, aber es klappt eigentlich nie (lacht).

"I'm on the guestlist!"
"I'm on the guestlist!"(Foto: Robert Zuckerman)

Washington: Ich habe jedenfalls nicht plötzlich mal hier oder da schneller gesprochen, um die Aufmerksamkeit zu erhalten (lacht), das war seine, Bobs, Verantwortung. Aber als ich das Script gelesen habe, war mir klar, dass die Spannung niemals abstürzen wird, obwohl der Flugzeugabsturz gleich am Anfang zu sehen ist. Drehbuchautor John Gatins hatte früher Alkoholprobleme und auch immer eine gewisse Flugangst. Er ist seit Jahren trocken und er fliegt auch wieder (lacht), der wusste also genau, wovon er da spricht. Die spannende Frage ist doch - und natürlich hätte die Hauptfigur ein trinkender Journalist, Drehbuchautor oder Lehrer sein können, aber ein Pilot ist jemand, der so viel Verantwortung für andere Menschenleben hat - und wir alle fliegen hin und wieder und begeben uns in die Hand eines Piloten -, dass man sich fragt, wie kann das nur passieren, ein trinkender Pilot, der mit Alkohol besser funktioniert als ohne?

Ein moralischer Konflikt.

Ja, na klar, und später kommt ja auch heraus, dass andere Testpiloten der Situation in keiner Weise gewachsen waren. Das heißt aber nicht, dass er das Flugzeug nur so landen konnte, weil er betrunken war, sondern, dass er das konnte, weil er so viel Erfahrung hatte.

War es schwer, sich auf die Rolle vorzubereiten?

Ich habe mich intensiv mit einem Piloten unterhalten und mich in einem Simulator trainieren lassen, damit ich die ganze Sprache mit dem Co-Piloten, dem Tower und den Passagieren draufhabe. Die Gestik eines Piloten, das lässige Handhaben von höchstkompliziertem Equipment. Die Kunst, einen Betrunkenen zu spielen aber liegt vor allem darin, so zu tun, als sei man die ganze Zeit NICHT betrunken. Verstehen Sie? Kein Alkoholiker will, dass Sie ihn eine Meile gegen den Wind erkennen. Außerdem denkt Whip anfangs ja auch gar nicht, dass er Alkoholiker ist, er streitet das vehement vor sich und seiner Umwelt ab. Obwohl man es nicht außer Acht lassen kann, dass sein Zustand ihm ganz sicher dabei geholfen hat, das Flugzeug irgendwie zu landen - er war ja viel relaxter als sein Co-Pilot, der ihn tatsächlich für einen Irren hält. Und wieder muss ich das Drehbuch loben: Ich musste mich einfach nur daran halten, was dort stand. Ich habe dann in den jeweiligen Situationen mal mehr und mal weniger den Alkoholisierten gegeben.

Haben Sie versucht, Mr. Zemeckis, Einfluss auf die Rollengestaltung zu nehmen, oder lassen Sie Ihre Schauspieler "einfach machen"?

So lange man atmet, gibt es Hoffnung! Der Regisseur und sein Star (der sich selbst nicht so sieht) bei der Premiere in Deutschland.
So lange man atmet, gibt es Hoffnung! Der Regisseur und sein Star (der sich selbst nicht so sieht) bei der Premiere in Deutschland.(Foto: Christian Schulz)

Zemeckis: Das Drehbuch hat alles vorgegeben. Und dann nehmen alle an dem Prozess teil: Autor, Produzent, Regisseur und natürlich der Schauspieler. Entscheidend ist, wie viel man am Ende zeigt: Wenn Denzel zum Beispiel anfängt zu trinken, wie lange beobachte ich ihn dann mit der Kamera? Einen Drink, zwei Drinks, fünf Drinks lang? Oder zeige ich nur Anfang und Ende, wenn er nicht mehr kann? Wie viel überlasse ich der Fantasie der Zuschauer?

Glauben Sie, Mr. Washington, dass es genug Bewusstsein gibt, um auf Alkoholiker aufmerksam zu werden oder tut man im Alltag nicht doch eher so, als würde man das nicht sehen?

Washington: Es ist aber auch schwierig. Selbst wenn man etwas bemerkt, wird man die Person nicht sofort ansprechen, das stimmt schon. Was, wenn es ein Irrtum ist? Dann hätte man ein echtes Problem. Und für den Film: Ich glaube, einige wussten, dass der Pilot ein Trinker war, andere nicht, er hatte sich gut im Griff. Es ist auch eine Frage der Relation, was Menschen akzeptabel finden. Hier ein bisschen Gras, da ein bisschen Koks ... für einige ist das nicht so schlimm.

Haben Sie jetzt eigentlich Flugangst?

Nein! Niemals. Ich fliege ja auch so oft (lacht).

Hatten Sie schon jemals richtig Angst in einem Flugzeug?

Oh ja! Schon ein paar Mal! Fehllandungen, Blitzeinschläge, und einmal musste ich einer Stewardess beistehen, sie wurde richtig hysterisch. Ich habe mit ihr gebetet, schreien bringt ja nichts (lacht).

Was ist Ihre Lieblingsszene in dem Film?

Ehrlich gesagt die im Krankenhaus, wo ich mit Kelly Reilly im Treppenhaus rauche und der Typ aus dem Krebstrakt dazukommt. Diese Unterhaltung ist essenziell, legendär, für mich die beste Szene. Da wird eigentlich alles gesagt. Vor allem für mich ist es einfach, weil ich fast die ganze Zeit nur zuhören muss (lacht). Aber James (Badge Dale, der den Patienten spielt, Anm. d. Red.) hält einen Monolog, der nicht zu stoppen war. Und er ist so gut!

Was macht eine gute Geschichte aus, Mr. Zemeckis?

Zemeckis: Es muss immer etwas sein, womit der Zuschauer sich identifizieren kann, womit er persönlich etwas anfangen kann. Selbst wenn es eine Tragödie ist. Wie bei "Flight": Selbst wenn man sich mit dem Hauptdarsteller nicht identifizieren möchte, nimmt man an seinem Leben teil, lässt sich fangen, hofft für ihn und fragt sich: Wie würde ich handeln?  Außerdem muss es einen Hoffnungsschimmer geben. Eine Geschichte ohne Hoffnung ist keine gute Geschichte.

Starten Sie eigentlich das Jahr auch immer mit so guten Vorsätzen, wie "weniger Alkohol trinken", "aufhören zu rauchen", "mehr Sport machen"?

Washington: Nicht jedes Jahr (lacht laut)! Dieses Jahr zum Beispiel. Dabei sollte ich unbedingt anfangen (klatscht sich auf den Bauch). Die Rolle, die ich als nächstes spiele, ist die eines Mannes, der sich wie ein Mönch verhält, sehr asketisch. Ich bin immer noch viel zu sehr  im "Flight"-Modus (lacht immer noch). Nächste Woche fange ich mit dem Training an!

Was bedeutet es für Sie, einen Preis zu bekommen oder - wie jetzt - für den Oscar nominiert zu sein?

Ja, schön ist das, aber zuerst einmal denke ich, dass es gut ist für den Film, es bringt sehr viel Aufmerksamkeit. Das Drehbuch ist auch für den Oscar nominiert, zu Recht! 

Haben Sie denn eigentlich "Wetten, dass..?" gut überstanden?

(lacht) Ja, man hat mir gesagt, dass es länger dauern könnte, aber ich konnte zwischendurch ja mal Brezeln verteilen. Die Leute in dem Kino haben mich anfangs allerdings gar nicht erkannt. Es hat eine Weile gedauert, bis sie angefangen haben, ihre Handykameras anzumachen.

Aber so schlimm wie Tom Hanks und Halle Berry fanden Sie es nicht?

Nein, ich hatte auch einen Übersetzer, das hat funktioniert. Aber es natürlich schwer, jeden Witz zu verstehen. Oder wenn alle durcheinander reden.

Anderes Thema: Wollen Sie auch mal wieder Regie führen?

Bitte anschnallen! Schon mal was von "Brace brace" gehört?
Bitte anschnallen! Schon mal was von "Brace brace" gehört?

Oh ja, 2015 werde ich hinter der Kamera stehen. Aber ich kann noch nicht darüber sprechen. Ich brauche auch noch Geldgeber (lacht). Und auf dem Broadway werde ich bald wieder zu sehen sein.

Wie schaffen Sie es, sich so aus der Boulevardpresse herauszuhalten?

Ich bin ein ganz normaler Typ, denke ich. Ich bereite mich auf einen Dreh vor, dann geh' ich zur Arbeit, dann geh' ich wieder nach Hause. So einfach ist das. Wenn andere das anders sehen, ist das deren Ding, ich bin nicht daran interessiert, ein Star zu sein. Meine Frau und ich haben versucht, unsere vier Kinder so gut es geht zu erziehen, und ich glaube, das hat ganz gut geklappt. Und unsere Ehe hat so lange gehalten, weil ich von den letzten dreißig Jahren nur die Hälfte davon zu Hause war (lacht). Ich nehme meine Arbeit sehr ernst, aber ich nehme mich selbst nicht allzu ernst, das hilft in den meisten Fällen.

Mr. Zemeckis, Sie haben gesagt, Denzel ist ein Genie. Was macht ihn zu einem Genie?

Zemeckis: Er ist einfach unglaublich nuanciert. Es ist atemberaubend, ihm dabei zuzugucken, wie er sich in eine Person hineinversetzt.

Haben Sie sich auf das Thema Alkoholismus besonders vorbereitet?

Ja, schon, ich meine, wir alle kennen doch Menschen, in der Familie oder im Freundeskreis, die damit zu kämpfen hatten oder haben, es ist nicht so ungewöhnlich. Mein Pilot ist ein Anti-Held, mit dem jeder etwas anfangen kann.

Und zur Unterstützung kommt noch John Goodman, der Drogenlieferant?

Der bringt einen anderen Ton in den Film, er macht es leichter, entertainiger. Sonst wäre es viel zu anstrengend (lächelt).

Mit Robert Zemeckis und Denzel Washington sprach Sabine Oelmann

"Flight" startet am 24. Januar in den deutschen Kinos

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Quelle: n-tv.de

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