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Meryl Streep bei der Berlinale 2012 mit dem "mittelteuren Blumenstrauß von der Tankstelle" von Dieter Kosslick.
Meryl Streep bei der Berlinale 2012 mit dem "mittelteuren Blumenstrauß von der Tankstelle" von Dieter Kosslick.(Foto: dpa)

Berlinale und das Recht auf Glück: Im Wettbewerb gibts "Mordsspaß"

Von Nadine Emmerich

Meryl Streep, George Clooney, Tilda Swinton, Jude Law: viel Glamour gibts bei der Berlinale. "Wir wollen es aber nicht nur auf dem roten Teppich krachen lassen", sagt Festivalchef Kosslick - und ruft das Motto "Recht auf Glück" für das Filmfestival aus.

Mit der Grande Dame Meryl Streep ist Dieter Kosslick ein echter Coup gelungen. Noch nie zuvor saß die dreifache Oscar-Preisträgerin in einer Jury, bei der 66. Berlinale hat sie nun sogar den Vorsitz. Dabei ist es Kosslick noch immer peinlich, dass er zur Verleihung des Goldenen Ehrenbären an Meryl Streep 2012 nur "mit einem mittelteuren Blumenstrauß von der Tankstelle" angehastet kam. Die Fans feierten sie derweil so ab, dass Kosslick heute artig dem Publikum dankt, es habe Streep mit seiner Begeisterung zurückgeholt.

Am Kino Zoopalast wird noch gebaut - bald geht auch hier die 66. Berlinale los.
Am Kino Zoopalast wird noch gebaut - bald geht auch hier die 66. Berlinale los.(Foto: imago/STPP)

Mit dem roten Teppich kann das Filmfest in diesem Jahr protzen: Mit George Clooney, Tilda Swinton, Josh Brolin, Isabelle Huppert, Jude Law, Colin Firth, Kirsten Dunst, Channing Tatum, Emma Thompson, Spike Lee, Tim Robbins und vielen mehr wird es dort rappelvoll. Das kompensiert das obligatorische Vorab-Mäkeln an der Filmauswahl: Nur ein einziger originär deutscher Beitrag im Wettbewerb - Krise! Starreiche internationale Produktionen vor allem außer Konkurrenz – zweitklassiger Wettbewerb!

Doch spätestens wenn am Donnerstag "Hail, Caesar!", die mit Clooney, Swinton, Brolin und Scarlett Johansson üppig besetzte Coen-Brüder-Komödie über das Filmbiz das Festival eröffnet, wird Berlin im Bären-Fieber sein. Dabei wird es politisch wie immer – vielleicht sogar noch etwas mehr. Das diesjährige Filmfest sei aber keine Flüchtlings-Berlinale, sagt Kosslick. Er spricht lieber vom "Recht auf Glück" und der Suche danach. Auch der ganz privaten: Im deutschen Wettbewerbsbeitrag "24 Wochen" von Anne Zohra Berrached erwartet ein Paar ein Kind mit Down-Syndrom und denkt über eine Abtreibung nach.

Komödie aus Saudi-Arabien

Viele der insgesamt 434 Produktionen drehen sich jedoch um Flucht und deren Gründe. Ganz explizit etwa im italienischen Wettbewerbsbeitrag "Fuocoammare" von Dokumentarfilmer Gianfranco Rosi, der zwei Jahre lang auf Lampedusa drehte. Sektionsübergreifend gibt es einen Fokus auf dem arabischen Raum. Im Wettbewerbsfilm "Hedi" soll ein junger Tunesier zwangsverheiratet werden, der Panorama-Beitrag "Lantouri" erzählt von einem Säure-Attentat auf ein junges Mädchen in Teheran. In "La route d'Istanbul" versucht eine belgische Mutter, ihre in den Dschihad gezogene Tochter in Syrien zu finden und nach Hause zu holen.

Auch der deutsche Schauspieler Lars Eidinger ist Mitglied der Berlinale-Jury 2016.
Auch der deutsche Schauspieler Lars Eidinger ist Mitglied der Berlinale-Jury 2016.(Foto: dpa)

Für den Generation-Film "Life on the Border" drückte Regisseur Bahman Gobadi seine Kamera Kindern in einem türkischen Flüchtlingslager in die Hand. Sogar ein Film aus Saudi-Arabien, wo Kinos verboten sind, ist im Forum zu sehen: "Barakah Meets Barakah" ist eine schrille Komödie über die Romanze eines Beamten mit einer wilden Schönheit.

18 von 23 Wettbewerbsfilmen gehen ins Bären-Rennen. Die Trophäen, über die der deutsche Schauspieler Lars Eidinger mitentscheidet, werden am 20. Februar vergeben. Statt etlicher schwerer Sozialdramen wird es dieses Mal einiges zu lachen geben. Kosslick empfiehlt "Saint Amour" mit Gérard Depardieu, ein Vater-Sohn-Trip durch französische Weinberge, als "Mordsspaß". Überhaupt ist Familie ein großes Thema und mit dem ironischen Frauenporträt "L'avenir" und "Des nouvelles de la planete Mars" über einen überforderten Vater von den Franzosen besetzt.

Rekord: Acht-Stunden-Film

Den Goldenen Bären gewinnen amüsante Filme erfahrungsgemäß jedoch selten. Auch US-(Ko-)Produktionen gehörten bisher nicht zu Jury-Lieblingen. Damit dürfte " Genius" über den exzentrischen Autor Thomas Wolfe mit Firth, Law und Nicole Kidman direkt raus sein. Iran gewann mit Jafar Panahis "Taxi Teheran" erst 2015, das könnte die Chancen für "A Dragon Arrives!" über den Selbstmord eines politischen Gefangenen und "Soy Nero" über mexikanische "Green-Card-Soldiers" in den USA stark schmälern. Die Doku "Zero Days" über moderne Kriege im Cyberspace wiederum könnte der Jury ein bisschen zu nerdig sein.

In deren Beuteschema passten da schon eher "Letters from War" über den Kolonialkrieg Portugals in Angola, "Crosscurrent" über die mystische Reise eines chinesischen Kapitäns auf dem Jangtse, "Death in Sarajevo" über den 100. Jahrestag des als Auslöser für den Ersten Weltkrieg geltenden Attentats oder "United States of Love" über die Umbrüche 1990 in Polen – und vielleicht auch das Nazi-Widerstandsdrama "Alone in Berlin" mit Daniel Brühl. Und Stichwort politische Korrektheit: Während Regisseur Spike Lee die Oscar-Verleihung boykottiert, weil nur weiße Schauspieler nominiert sind, lud Kosslick ihn mit "Chi-Raq" mit Wesley Snipes und Samuel L. Jackson in den Wettbewerb ein.

Für ganz hartgesottene Filmfreaks ist übrigens der philippinische Wettbewerbsbeitrag "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" zu empfehlen: Das Drama von Lav Diaz über die Suche nach dem Körper von Andrés Bonifacio, dem Vater der philippinischen Revolution gegen Spanien, geht acht Stunden lang. Dazu wird der rote Teppich bereits um 9.30 Uhr ausgerollt.

Quelle: n-tv.de

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