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Lemmy Kilmister, Frontmann von Motörhead, ist mit 70 Jahren gestorben.
Lemmy Kilmister, Frontmann von Motörhead, ist mit 70 Jahren gestorben.(Foto: imago stock&people)
Dienstag, 29. Dezember 2015

Sex, Suff und Drogenexzesse: Keiner war so wie Lemmy

Von Christoph Rieke

Es schien, als würde er ewig leben: Allen körperlichen Problemen zum Trotz kehrt Lemmy Kilmister immer wieder auf die Bühne zurück. Nun erwischt es die Legende doch. Mit 70 stirbt der einzigartige Frontmann von Motörhead.

Irgendwie musste man damit rechnen. Und das schon seit einigen Jahren. Dennoch ist die Nachricht ein Schock: Ian "Lemmy" Kilmister ist tot. Nur zwei Tage nach seinem 70. Geburtstag erliegt der Frontmann von Motörhead einem Krebsleiden, von dem er laut seinen Bandkollegen erst wenige Tage zuvor erfahren hatte. Es sei ein "kurzer Kampf mit einem äußerst aggressiven Krebs" gewesen, ist auf der Facebook-Seite von Motörhead zu lesen.

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Noch bis Anfang Dezember tourt Lemmy mit seiner Band durch Europa, um das 40-jährige Jubiläum zu zelebrieren. "Das ist wohl das letzte Mal, dass Lemmy nach Berlin kommt" - dessen waren sich viele Fans Jahr für Jahr sicher gewesen. Nach etlichen gemeinsamen Konzertbesuchen sollten sie diesmal recht behalten.

Tatsächlich ist es die deutsche Hauptstadt, in der Lemmy sein allerletztes Konzert spielt. Zwar wird er am 11. Dezember in der ausverkauften Max-Schmeling-Halle frenetisch gefeiert. Doch schaut man genau hin, so ist zu erkennen, dass er größte Mühe hat, sein Programm zu absolvieren. Gitarrist Phil Campbell und Drummer Mikkey Dee spielen zahlreiche Soli, um ihren sichtlich abgemagerten Sänger und Bassisten zu entlasten. Lemmy versagt immer wieder die Stimme. Dennoch hält er das immerhin rund 80-minütige Konzert durch bis zum Schluss.

Der personalisierte Rock'n'Roll

Genau das macht den selbsternannten "49 % Motherfucker, 51 % Son of a Bitch" aus: Mit jedem Atemzug stemmt sich Lemmy gegen Krankheit und Tod. Born to lose, live to win.

Tatsächlich drängte sich der Verdacht auf, dass er ewiges Leben hat. Sein exzessiver Lebensstil hatte wohl schon so manchen seiner Ärzte zur Verzweiflung getrieben. Eine Flasche Whisky mit Cola gehört bis ins hohe Alter zu seinen täglichen Grundnahrungsmitteln - genau wie eine Portion Speed. In "Lemmy: The Movie" verrät sein Sohn Paul: "Er hat zu mir gesagt: Versprich' mir, dass du nie koksen wirst! Irgendwann habe ich es versprochen. Er sagte: Gut. Speed ist viel besser für dich." Nachdem ihm die Ärzte besorgt raten, wenigstens keinen Whisky mehr zu trinken, gibt er schweren Herzens klein bei - und freundet sich mit Wodka und Rotwein an. Im Jahr 2000 wird bei ihm Diabetes diagnostiziert, 2013 bekommt er einen Defibrillator eingesetzt. Dennoch spielt Lemmy immer weiter. Overkill.

Lemmy ist nicht nur eine Ikone des Rock'n'Roll, er war Rock'n'Roll. Und dazu gehören natürlich auch jede Menge Frauengeschichten. Der von zwei Geschwülsten in der linken Gesichtshälfte gezeichnete Mann mag auf den ersten Blick nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen. Dennoch sind die Frauen verrückt nach ihm. In seinem bewegten Leben hat er angeblich mit über eintausend Frauen geschlafen. Dazu meint er einmal trocken: "Das hört sich viel an, aber wenn man genau nachdenkt, ist das gar nicht so viel." Unvergessen bleibt auch das Gespräch mit Sohn Paul, in dem beide gemeinsam rekapitulieren, mit welcher Frau sie beide jeweils im Bett waren. Paul ist einer von zwei offiziellen nicht-ehelichen Söhnen. Die Dunkelziffer an inoffiziellen Sprösslingen dürfte weit höher sein.

Geschrammel, wie "ein Unfall"

Motörhead bestand zuletzt aus Phil Campbell, Lemmy Kilmister und Mikkey Dee.
Motörhead bestand zuletzt aus Phil Campbell, Lemmy Kilmister und Mikkey Dee.(Foto: picture alliance / dpa)

Ein Blick zurück: Am Heiligen Abend 1945 kommt Lemmy als Ian Fraser Kilmister im englischen Stoke-on-Trent zur Welt. Ab dem 12. Lebensjahr bringt er sich das Gitarre spielen selbst bei. Nach dem drogengeschwängerten Missverständnis bei der Band "Hawkwind" gründet er 1975 seine eigene Band und benennt diese nach dem letzten Song, den er für "Hawkwind" geschrieben hat: Motörhead. Ein Jahr später kommt die gleichnamige Debütplatte heraus. Die musikalische Marschrichtung ist nicht eindeutig. Mit einer Mischung aus Rock'n'Roll, Punk und Heavy Metal schafft Lemmy einen vollkommen neuen Musikstil.

Seinen Bass malträtiert er, als hätte er eine Gitarre zwischen seinen knochigen Fingern. Heraus kommt das wohl beste Geschrammel der Welt. Dazu ein rauchiges Genuschel, das über die Jahre immer stärker wird. Es ist ein ohrenbetäubender Lärm, der einzigartig ist. Wer sich darunter nichts vorstellen kann, bekommt eine Definition von Lemmy persönlich: "Ein Unfall, bei dem Motorrad, Auto und Bulldozer aufeinander krachen. Das Ganze eine Terz tiefer. Und wieder hoch. Nur der Motorradfahrer überlebt", verriet er in einem Interview. Die meisten Bandshirts ziert nicht ohne Grund der Slogan "Everything louder than everything else".

Im Studio und auf der Bühne umgeben Lemmy zunächst immer wieder unterschiedliche Personen. Prägend für die Geschichte von Motörhead sind außer ihm hauptsächlich Gitarrist Eddie Clarke und Drummer Phil Taylor. Clarke verlässt die Band 1982, Taylor wird 1992 durch Mikkey Dee ersetzt. Der Schlagzeuger mit der markanten blonden Mähne steht wie Gitarrist Phil Campbell (seit 1984) bis zum letzten Tag an Lemmys Seite.

Härteste Band der Welt

Der Durchbruch gelingt Lemmy und Motörhead 1979 mit der Platte "Overkill". Was dann folgt, ist eine Erfolgsgeschichte. Mit "Bomber" (1979), "Ace of Spades" (1980) und "Iron Fist" (1982) übertrumpft die Band ihre jeweiligen Vorgängeralben. Es sind nicht nur die gleichnamigen Songs, die Motörhead international berühmt machen. Mit "No sleep 'til Hammersmith" erreichen sie 1981 als erste Band überhaupt den ersten Platz der englischen Albumcharts mit einem Livealbum.

Motörhead erspielt sich fortan den Ruf als härteste Band der Welt; nicht zuletzt wegen des unaufhaltsamen Dröhnens aus den Boxen und Lemmys aggressiv gespielten Basses. Der als "Bloke from Stoke" betitelte Sänger peitscht seine Band von Erfolg zu Erfolg - und arbeitet kontinuierlich an seinem Kultstatus. Bei seinen Auftritten reckt er den Kopf an das viel zu hoch eingestellte Mikrofon. Zunächst lässt er sich von einem Ventilator Luft ins Gesicht blasen, sodass seine Haare verwehen. Später trägt er einen schwarzen Hut mit einem Totenkopfemblem, der zu einem seiner vielen Markenzeichen werden soll.

Ein weiteres Markenzeichen ist das Eiserne Kreuz, das um seinen Hals hängt. Ohnehin hat Lemmy eine Vorliebe für Nazi-Devotionalien. In seinem Zuhause in Los Angeles hortet er von SS-Uniformen bis hin zu Waffen unzählige Überbleibsel aus dem Dritten Reich. Dass er dafür nicht nur aus Deutschland harsche Kritik einstecken muss, schert Mr. Kilmister wenig. Auch im Bandnamen will er auf eine Anspielung auf Deutschland nicht verzichten. Statt des "oe" muss Motörhead ein "ö" beinhalten, "weil es einfach böse aussieht".

"Play Lemmy’s music LOUD"

Im Laufe der Jahre gesellen sich zu den Altrockern zunehmend jüngere Fans in die Konzerte von Motörhead, darunter erstaunlich viele Frauen. Zeit seines Lebens besitzt Lemmy eine magische Anziehungskraft. Ein rentenfähiger Mann, der sich auf der Bühne die Seele aus dem Leib nuschelt und dazu ohrenbetäubende Musik in die Boxen schießt, kann offenbar ziemlich sexy sein.

In den vergangenen Jahren muss Lemmy seinem exzessiven Lebensstil wiederholt Tribut zollen. Mehrmals muss er - wie 2013 in Wacken - Auftritte abbrechen, absagen oder gar Tourneen verschieben. Mal sind es Atemprobleme, mal ist es einfach nur Schlafmangel.

"I don't want to live forever" grölt Lemmy in seinem bekanntesten Song, "Ace of Spades". Dennoch macht er immer weiter. Dass ihn seine gesundheitlichen Probleme dahinraffen würden, schien zwar mit jedem zusätzlichen Lebensjahr immer wahrscheinlicher. Glauben konnte man es dennoch irgendwie nicht. Erst in diesem Jahr spielt er mit Motörhead zum 40. Jahrestag ein neues Album ein. "Bad Magic" ist die insgesamt 22. Platte von Motörhead - und Lemmys musikalischer Abschied.

Der erste Song auf "Bad Magic" heißt "Victory or Die" - Sieg oder Tod. Ihren letzten Kampf hat die Legende Lemmy verloren. Sterben wollte er eigentlich auf der Bühne. Stattdessen endet sein turbulentes Leben im Kreise seiner Familie an einer Spielkonsole. Mit seinem Tod ist eine der markantesten Stimmen der Musikwelt für immer verstummt. Lemmy hätte jedoch nicht gewollt, dass man um ihn trauert. Die Band rät, vielmehr einen Drink auf Lemmy zu nehmen. Und: "Play Motörhead loud, play Hawkwind loud, play Lemmy’s music LOUD."

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Quelle: n-tv.de

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