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Meldet sich nach dem ESC-Rummel musikalisch zurück: Xavier Naidoo.
Meldet sich nach dem ESC-Rummel musikalisch zurück: Xavier Naidoo.(Foto: picture alliance / dpa)

"Muslime tragen Judenstern": Xavier Naidoo spaltet mit neuem Song

Von Volker Probst

Wenige Tage nach dem Rummel um seine geplatzte Nominierung für den Eurovision Song Contest veröffentlicht Xavier Naidoo einen neuen Song. "Nie mehr Krieg" lautet der scheinbar nur friedensbewegte Titel. Doch die Aktion hat es in sich.

Mit "Ein bisschen Frieden" gewann Nicole 1982 den Eurovision Song Contest (ESC). Ein brav-naives Liedchen einer 17-Jährigen, das inmitten des Kalten Kriegs dennoch den Nerv der Zeit traf. Xavier Naidoo indes ist weniger unbedarft. Nicht nur, weil der 44-Jährige das Teenager-Alter längst hinter sich gelassen hat. Der Sänger hat sich auch mit politischen Fragen schon intensiver auseinandergesetzt - bekanntlich mit reichlich umstrittenen Ergebnissen.

Dementsprechend hat es auch wenig mit Einfalt zu tun, dass Naidoo mit seiner Gruppe Söhne Mannheims ausgerechnet jetzt einen Song namens "Nie mehr Krieg" publiziert. Zeitpunkt, Text und Zusammenhang der Veröffentlichung sind wohlweislich gewählt. Bezüge lassen sich dabei ebenso zum gerade erst ausgestandenen Hick-Hack um seine ESC-Nominierung herstellen wie zur Bundestagsentscheidung über den Einsatz in Syrien.

Kooperation mit Jürgen Todenhöfer

Naidoo hat den Song nicht etwa als erstes auf seiner Facebook-Seite, auf Youtube oder im iTunes-Store eingestellt. Nein, er übergab das Werk dem Publizisten Jürgen Todenhöfer, der es am Donnerstag auf seiner Facebook-Seite postete mit den Worten: "Liebe Freunde, Xavier Naidoo hat mir gestern dieses ergreifende, noch unveröffentlichte Lied geschickt: 'NIE MEHR KRIEG!' Wir posten es heute gemeinsam hier auf Facebook. DENN WIR SIND GEGEN KRIEG! Bitte helft mit, diese Botschaft zu verbreiten."

Todenhöfer nahm dabei direkt Bezug auf die da noch bevorstehende (und mittlerweile gelaufene) Abstimmung über den Syrien-Einsatz: "Morgen entscheidet der Bundestag über den Krieg in Syrien. Aber nicht wirklich um den IS zu bekämpfen. Da gibt es klügere Strategien." Und: "Wir leben im Jahr 2015 - doch unseren Politikern fällt nichts anderes ein als Krieg. Dazu haben wir sie nicht gewählt. Noch mehr Krieg in Syrien bedeutet: Noch mehr Leid, noch mehr Hass, noch mehr tote Zivilisten, noch mehr Terroristen und noch mehr Flüchtlinge. Deshalb protestieren wir. 14 Jahre Antiterrorkrieg sind genug. NIE MEHR KRIEG! Euer JT & Eure Söhne Mannheims."

"Dazu bin ich nicht bereit"

Die ersten Textzeilen des Liedes klingen wie an die Kritiker des Sängers gerichtet, deren Thematisierung umstrittener Äußerungen des Mannheimers die ESC-Nominierung Naidoos zu Fall brachte: "Ich hab' gelernt, ich soll für meine Überzeugungen einstehen und meinen Glauben nie leugnen. Warum soll ich jetzt, nach so langer Zeit, davon Abstand nehmen, dazu bin nicht bereit."

Daran anschließend schlägt Naidoo die textliche Brücke zur aktuellen politischen Situation - mit einem äußerst fragwürdigen Vergleich: "Muslime tragen den neuen Judenstern, alles Terroristen, wir haben sie nicht mehr gern. Es ist einfach nur traurig, die alten Probleme im dritten Jahrtausend nach Christus." Im Refrain heißt es: "Nie mehr Krieg, nie mehr Krieg. Wenn wir das nicht sagen dürfen, dann läuft doch etwas schief. Wer vom Krieg profitiert, ist irritiert, wenn er seinen Propagandakrieg verliert."

Schillernde Persönlichkeit: Jürgen Todenhöfer.
Schillernde Persönlichkeit: Jürgen Todenhöfer.(Foto: imago/Hoffmann)

Der Song brachte es in nicht mal 24 Stunden auf mehr als zwei Millionen Abrufe. In den Kommentaren stößt er auf viel Zustimmung. "Das Lied ist klasse … Nur leider wird's die Macht- und Kriegsgeilen aus der Politik nicht interessieren", meint etwa ein Nutzer. Und ein anderer schreibt: "Egal, was man im Moment über XN denkt und redet, DIESE Aussage gehört jedem fuckin' Politiker ins Ohr geblasen!!!"  Doch es gibt auch kritische Stimmen: "Dann geht ihr doch hin zum IS und verhandelt bei Tee und Gebäck mit deren Vertretern über eine humanitäre Lösung. Bei Uneinigkeit werft einfach mit Wattebäuschchen ... Das trifft sie hart und lenkt zum Umdenken ein."

Profit-Interessen und Propagandakrieg

Was auf den ersten Blick als rein friedensbewegte Hymne daherkommt, wie es sie wahrscheinlich zu Tausenden gibt, hat es durchaus in sich. Der zwischen den Zeilen zu lesende Vorwurf, der Westen habe am Krieg in Syrien vor allem Profit-Interessen und greife zu den Mitteln eines "Propagandakriegs", dürfte eher spalten als einen. Naidoo begibt sich damit in ähnliche Untiefen wie  bei seiner Aussage über die Anschläge vom 11. September 2001: "Wer das als Wahrheit hingenommen hat, was da erzählt wurde, der hat den Schleier vor den Augen, ganz einfach." Und eine Passage wie "Wenn wir das nicht sagen dürfen, dann läuft doch etwas schief", schließt wenig zweideutig an die von "besorgten Bürgern" zuletzt immer wieder formulierte Behauptung an, es gebe Meinungsverbote in Demokratien wie Deutschland.

Auch die Kooperation mit Todenhöfer bei der Veröffentlichung des Songs ist nicht ganz ohne. Einst strammer Rechter der CDU tut er sich mittlerweile seit vielen Jahren als Publizist mit kritischer Haltung gegenüber der Interventionspolitik der USA und ihrer Verbündeten im Nahen Osten und Afghanistan hervor. Ex-US-Präsident George W. Bush warf er vor, mehr Menschen auf dem Gewissen zu haben als der frühere Al-Kaida-Chef Osama bin Laden. Vergangenes Jahr reiste er in den sogenannten "Islamischen Staat", um dort mit hochrangigen Vertretern der Organisation Gespräche zu führen, die ihm einen "authentischen" Einblick für ein neues Buch geben sollten.

Todenhöfers Engagement wird von Beobachtern schillernd wahrgenommen. Während die einem ihm eine zutiefst pazifistische Haltung attestieren, verorten ihn andere im Spektrum der antiamerikanischen politischen Rechten.

Quelle: n-tv.de

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