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"Diabolik" war ein italienischer Comicheld der 60er - in "Ein diabolischer Sommer" feiert er eine Wiederauferstehung.
"Diabolik" war ein italienischer Comicheld der 60er - in "Ein diabolischer Sommer" feiert er eine Wiederauferstehung.(Foto: Smolderen, Clerisse / Carlsen Verlag)

Comics über Spione und mehr: Das Leben ist ein Maskenball

Von Markus Lippold

Wer Masken trägt, hat etwas zu verbergen. Er will oder muss sich verstecken - aus Eigenschutz oder um andere zu täuschen. Vom Verstecken und Verstellen handeln auch diese Comics - es geht um Spione, Gastarbeiter und einen Chinareisenden.

Die Sixties stehen für Freude, Aufbruch und gute Musik. Dass sie auch die Hochzeit des Kalten Krieges waren, ist heutzutage nurmehr Thema in Geschichtsdokus. "Ein Diabolischer Sommer" von Thierry Smolderen und Alexandre Clerisse verbindet zum Glück beides: Aus jugendlicher Revolte und politischer Finesse weben beide eine so elegante wie unterhaltsame Zeitreise, freilich nicht ohne noch ihrer Vorliebe für maskierte Helden und Groschenhefte zu frönen.

"Ein diabolischer Sommer" ist bei Carlsen erschienen, 176 Seiten gebunden, 24,99 Euro.
"Ein diabolischer Sommer" ist bei Carlsen erschienen, 176 Seiten gebunden, 24,99 Euro.

Der Comic bedient sich eines erzählerischen Kniffs: Er gibt vor, der Erlebnisbericht der Hauptfigur zu sein - des 15-jährigen Antoine -, der 1967 nicht nur Sex, Drugs & Rock'n'Roll entdeckt, sondern auch das Geheimnis seines Vaters. Es beginnt mit einer Rangelei auf dem Tennisplatz zwischen den Vätern von Antoine und Erik, die im Laufe der Geschichte gute Freunde werden. Als erst Antoine und sein Vater auf einer nächtlichen Straße angegriffen werden, kurz darauf Eriks Vater auf mysteriöse Weise stirbt und schließlich ein Maskierter auftaucht, bekommt die heile Welt Risse - langsam enthüllt sich eine politische Intrige um einen sowjetischen Agenten, die Antoine aus der Bahn wirft.

Das Spiel mit dem Zeitgeist haben Smolderen und Clerisse bereits in "Das Imperium des Atoms" bravourös gemeistert. Spielten sie dort mit dem Design der Fünfziger, ist es nun die Zeit der Flower-Power: Autor Smolderen verbindet die sexuelle Freizügigkeit des ausgehenden Jahrzehnts und LSD-Rausch mit Agententhriller und Verweisen auf die Pulp-Comicfigur "Diabolik". Zeichner Clerisse spielt derweil auf Warhol und andere Pop-Art-Künstler an, schwelgt in Farben und Formen, vom Design früher Bond-Filme bis zu den wunderbar gestalteten Soundwörtern. Erst im Laufe der Geschichte weicht die Knalligkeit der Koloration einem düsteren Ton, der Pop und Politik vermengt.

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Im Berliner Polit-Sumpf

"Westend" ist im Berlin Story Verlag erschienen, 128 Seiten gebunden, 24,95 Euro.
"Westend" ist im Berlin Story Verlag erschienen, 128 Seiten gebunden, 24,95 Euro.(Foto: Ulbert, Mailliet / Berlin Story Verlag)

Noch ein Agent, noch eine Fortsetzung: "Westend" erzählt die Geschichte von "Gleisdreieck" weiter, auch wenn ein neues Thema aufgegriffen wird. Das verbindende Element ist Otto, ein verdeckter Ermittler des BKA im West-Berlin der frühen 1980er Jahre. Nach seiner Zeit im linksterroristischen Milieu verschlägt es ihn diesmal in eine Bhagwan-Gruppe. Dort soll er nach dem abgetauchten Bombenleger Wolfgang Preuss suchen. Gar nicht so einfach, steht der doch nicht mal auf der Fahndungsliste. Und dann kreuzt auch noch ein alter Bekannter aus Ottos letztem Auftrag auf. Damit wird's hochpolitisch, denn die Geschichte streift auch den Sumpf um den skandalträchtigen Schmücker-Prozess, den längsten Strafprozess der bundesdeutschen Geschichte.

Wie schon bei "Gleisdreieck" haben die Autoren Jörg Ulbert und Jörg Mailliet penibel recherchiert, um nicht nur Atmosphäre und Stadtansichten der Zeit authentisch zu gestalten, sondern auch die Geschehnisse akkurat abzubilden - etwa den Anschlag auf das Maison de France. Die Verbindung zwischen fiktiver Hauptgeschichte und historischem Hintergrund passt jedenfalls wieder gut, auch wenn die Story so ihre Tücken hat - schließlich spielt nicht nur das BKA seine Spielchen, sondern auch Berliner LKA und Verfassungsschutz, und deren V-Leute. Das macht die Geschichte stellenweise etwas kompliziert. Andererseits schildern die Autoren die Insel West-Berlin und ihre skurrilen Bewohner mit viel Sympathie und einer Prise Humor, was insgesamt eine unterhaltsame Geschichtsstunde bedeutet.

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Betrogene Gastarbeiter

Afrikanische Maske und deutscher Fußball-Wimpel - die "Madgermanes" sind verloren zwischen den Kulturen.
Afrikanische Maske und deutscher Fußball-Wimpel - die "Madgermanes" sind verloren zwischen den Kulturen.(Foto: Weyhe / Avant-Verlag)

Afrikanische Masken zieren das Cover von "Madgermanes". Auch im Band selbst taucht eine auf - gleich neben einem Wimpel des FC Rot-Weiß Erfurt. Es ist eines der stärksten Bilder, mit denen Birgit Weyhe von mosambikanischen Vertragsarbeitern in der DDR erzählt. Etwa 20.000 Menschen kamen ab Ende der 1970er aus dem südafrikanischen Land in den Osten Deutschlands. Doch statt ausgebildet zu werden, wurden sie als billige Arbeitskräfte in den Betrieben eingesetzt. Nach der Wende wurden sie entlassen, viele mussten Deutschland verlassen. Doch in ihrer Heimat, wo währenddessen Bürgerkrieg herrschte, waren sie nun ebenso fremd.

Weyhe, die für ihr Werk bereits den deutschen Comicbuchpreis erhielt, hat mit ehemaligen Gastarbeitern gesprochen, die sich selbst "Madgermanes" nennen. Aus deren Schicksalen hat sie die Biografien von drei fiktiven Personen destilliert, die sie in ihrem Buch vorstellt. Allen gemeinsam sind die Schwierigkeiten, sich in der Fremde zurechtzufinden: die Kälte, die harte Arbeit, der Fremdenhass, der ihnen entgegenschlägt, auch die bürokratischen Zwänge, die sie in Kleinstädte im Nirgendwo verschlägt. Die Protagonisten - José, Basilio, Anabella - gehen ganz unterschiedlich mit diesen Zwängen um, sie erleben Depression, aber auch glückliche Stunden.

"Madgermanes" ist bei Avant erschienen, 240 Seiten Klappenbroschur, 24,95 Euro.
"Madgermanes" ist bei Avant erschienen, 240 Seiten Klappenbroschur, 24,95 Euro.

Mitunter findet Weyhe, die selbst in Afrika aufwuchs, starke Bilder, die die Gegensätzlichkeit der Kulturen aufgreifen und das Verlorensein zeigen. Ihre mit Schwarz und Braun ausgeführten Zeichnungen sind mal bewusst trist, mal nehmen sie afrikanische Symbolik wie Masken oder Vögel auf. Doch immer wieder übertreibt es die Zeichnerin, etwa wenn sie Verpackungen, Etiketten oder sozialistische Plakate abzeichnet - sie werden zu Symbolen ihrer selbst, wirken wie leblose Museumsstücke - das ist ärgerlich. Hervorzuheben ist aber, dass Weyhe auf das Schicksal der Gastarbeiter aufmerksam macht. Denn ein Großteil ihres Verdienstes wurde damals einbehalten, es sollte später in Mosambik ausbezahlt werden - was nie geschah. So wurden die Arbeiter aus dem sozialistischen Bruderstaat von beiden Seiten betrogen.

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Verloren im Wald

Louis setzt seine Fuchs-Maske auf - und wird zum Tier.
Louis setzt seine Fuchs-Maske auf - und wird zum Tier.(Foto: Wouters, Ross / Avant-Verlag)

Auch Louis trägt eine Maske. Es ist die eines Fuchses, seines Totems. Verliehen bekommen hat er diese in einem Pfadfinderlager in den belgischen Ardennen. Doch das Sommercamp ist alles andere als ein Spaß. Louis wäre viel lieber bei seinem Bruder, der schwerkrank im Krankenhaus liegt. Außerdem wird er als Neuling von den Älteren getriezt - und es regnet in Strömen. Unsicherheit und zunehmende Wut machen Louis zu schaffen, bis er schließlich im Wald verschwindet und sich auf eine Reise zu sich selbst begibt.

Realität und Mystik verwischen in "Totem" von Autor Nicolas Wouters und Zeichner Mikael Ross. Was etwa hat es mit dem Leoparden auf sich, dem Louis im Wald begegnet - entspringt er seiner Phantasie oder ist es das entflohene Zootier, auf das eine Treibjagd stattfindet? Der Comic bietet die Möglichkeit, solche Fragen offen zu lassen: Louis wandelt zwischen den Welten, ist mal als Mensch, mal als Fuchs gezeichnet. Genauso verwischen die Grenzen zwischen kindlichem Abenteuer und seelischer Verarbeitung.

"Totem" ist bei Avant erschienen, 128 Seiten, gebunden im Großformat, 29,95 Euro.
"Totem" ist bei Avant erschienen, 128 Seiten, gebunden im Großformat, 29,95 Euro.

Die Autoren nehmen ihren Protagonisten ernst - nicht obwohl, sondern gerade weil er ein Kind ist. Wie "Totem" überhaupt von den vielschichtigen Figuren lebt, denen ihre vermeintliche Stärke im Laufe der Geschichte abhanden kommt. Ross erschafft dazu düstere Zeichnungen, die berühren, weil sie die Menschen vor der bedrohlichen Naturkulisse in ihrer ganzen Verletzbarkeit zeigen.

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Rätselhaftes China

Die Einheimischen: Sehen alle nahezu gleich aus. Die Sprache: Besteht lediglich aus Kringeln. Die Stadt: grau, laut, Smog-belastet. Für mehrere Monate reiste der Hamburger Sascha Hommer 2011 ins chinesische Chengdu. Dort arbeitete er etwa für ein Magazin für Ausländer oder sprach deutsche Texte ein, lernte aber auch die Stadt und den dortigen Alltag kennen. Seine Erlebnisse verarbeitete er zu einem Comic: "In China".

"In China" ist bei Reprodukt erschienen, 176 Seiten Klappenbroschur, 20 Euro.
"In China" ist bei Reprodukt erschienen, 176 Seiten Klappenbroschur, 20 Euro.

Hommer liefert jedoch weder einen Reisebericht, noch eine Analyse der Stadt. Sein Buch bietet vielmehr distanzierte Beobachtungen seiner Erlebnisse. Seine eigenen Meinungen verschweigt Hommer. Mehr noch: Die Figur, die ihn darstellt, trägt permanent eine Maske. Diese und weitere Verfremdungen machen das Buch etwas rätselhaft: Etwa, dass die Chinesen wie Puppen aussehen, die nahezu identisch sind, während die Ausländer verformte Tiere sind. Oder die Einschübe, in denen er Lektüre-Erfahrungen über China verarbeitet, von Marco Polos Reisebericht bis "Tim und Struppi: Der blaue Lotus".

Trotzdem entfaltet "In China" gerade in den Beobachtungen des Alltags seinen Reiz. Seien es die vollen Straßen, das permanent schlechte Wetter, der rauschende Verkehr, die nicht funktionierende Infrastruktur oder die (Chinesisch sprechenden) Kakerlaken in den Wohnungen - Hommer spielt durchaus mit Vorurteilen. Doch die Verfremdungseffekte - wozu auch die gerasterten, an Fotos erinnernden Stadtansichten gehören - zeugen davon, dass ihm als kurzzeitigem Besucher das Land fremd bleibt, ein wirkliches Verständnis in dieser kurzen Zeit kaum möglich ist. Er selbst - mit Maske - ist der Fremdkörper.

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Quelle: n-tv.de

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