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Mäcke Häring ist unterwegs in die nächste Kneipe - natürlich rein beruflich.
Mäcke Häring ist unterwegs in die nächste Kneipe - natürlich rein beruflich.(Foto: Michael Schröter)
Sonntag, 02. November 2014

Mächtig was los im Milljöh: Mäcke Häring jagt Nazis und Ganoven

Von Markus Lippold

Die 1920er-Jahre sind nicht so golden, wie man denkt. Das weiß auch Privatdetektiv Mäcke Häring, der es in der Berliner Unterwelt mit Verbrechern, SA-Schlägern und reizenden Damen zu tun bekommt. So turbulent hat man Berlin selten gesehen.

Die Luft brennt im Berlin der 1920er-Jahre. In Jazzclubs und Varietés wird getanzt und gefeiert. Kunst und Kultur erleben eine einzigartige Blüte - im Kino, auf der Theaterbühne und in der Literatur. Doch auf den Straßen nehmen die politischen Auseinandersetzungen zu. Auch das Verbrechen gibt keine Ruhe - Mörder und kriminelle Ringvereine treiben ihr Unwesen. Und in den Mietskasernen und Hinterhöfen versuchen die einfachen Menschen, das Ganze unbeschadet zu überstehen.

Immer wieder durchstreift Häring das alte Berlin (Szene aus "Kristallschädel").
Immer wieder durchstreift Häring das alte Berlin (Szene aus "Kristallschädel").(Foto: Michael Schröter)

Mittendrin Mäcke Häring. Er ist Privatdetektiv, oder besser: Kriminaler, wie man so schön sagt. Mit Berliner Schnauze, Bauernschläue und einem Herz aus Gold löst er seine Fälle. Zur Not tun es natürlich auch mal seine beiden Fäuste. In der Freizeit hört er bevorzugt Jazz, am liebsten die neuesten Scheiben aus den USA. Häring ist eine Großstadtpflanze und er kennt jeden Winkel und jede zwielichtige Gestalt in seiner Stadt.

Durch Hinterhöfe und Bordelle

Der Berliner Zeichner Michael Schröter kennt sich auch aus in seiner Stadt. In mittlerweile drei selbstverlegten Bänden lässt er seinen berlinernden Helden Häring durch Berlin streifen, um Kriminalfälle zu lösen. Um es kurz zu machen: Vor allem die letzten beiden Bände, "Die Jagd nach dem Kristallschädel" und "Ein Fall mit falschen Fuffzigern", sind lesenswerte, äußerst liebevoll gestaltete Hommagen an das Berlin der 1920er-Jahre. Sie sind zwar fiktiv, nehmen aber - teils verfremdet - stets Bezug auf historische Ereignisse und Personen.

So nostalgisch wie humorvoll lässt Schröter ein Berlin wieder auferstehen, wie es sonst selten zu sehen ist. Hier geht es nicht um die großen politischen und gesellschaftlichen Ereignisse jener Zeit. Vielmehr schickt Schröter seine Hauptfigur durch Hinterhöfe, Schrebergärten, schummrige Kaschemmen und billige Bordelle. Im Mittelpunkt stehen die weniger glänzenden Seiten der "Goldenen Zwanziger": Tagelöhner und Kleinganoven, SA-Schläger, Berliner Ringvereine und Mörder wie die "Bestie vom Schlesischen Bahnhof".

Eine besonders gelungene Einzelseite aus Band 3.
Eine besonders gelungene Einzelseite aus Band 3.(Foto: Michael Schröter)

Nun gut, auch das eine oder andere gut gebaute Mädel läuft Häring über den Weg. Aber er hat halt auch seine Laster und Probleme (etwa Alpträume vom Ersten Weltkrieg) sowie einen Hang zur Unterwelt. Häring handelt meist aus purem Eigennutz und versucht, die verschiedenen Lager gegeneinander auszuspielen, immer in der Hoffnung auf das kleine Glück mit seiner geliebten Nelli. Trotz all dieser Macken und Schwächen bleibt Mäcke aber stets sympathisch.

Aber er lebt ja auch in einer faszinierenden Stadt. Eingebettet in die Kriminalgeschichten bieten die Bände einen gelungenen Blick auf die Zeit - von der Architektur über das Gewimmel auf den Straßen bis zu den Lebensverhältnissen in den Mietskasernen. Schröter beweist ein Auge für die Dinge des Alltags, für das Lebensgefühl der kleinen Leute. Nicht nur Gebäude, auch Laternen, Werbeschilder und Fahrzeuge sind authentisch dargestellt. Allerdings verfremdet Schröter hier und da Straßenzüge oder trickst etwas mit der Chronologie. Er hat nicht den Anspruch, ein Geschichtsbuch vorzulegen, er will vor allem unterhalten. Und das gelingt ihm.

Zwischen Zille und Dix

Schon im noch quadratischen und schwarz-weißen ersten Band spielt die Stadt eine Hauptrolle.
Schon im noch quadratischen und schwarz-weißen ersten Band spielt die Stadt eine Hauptrolle.(Foto: Michael Schröter)

Dazu tragen auch die schwungvollen, skizzenhaften Zeichnungen bei. Man merkt, wo der 1962 geborene Zeichner sein Handwerk gelernt hat: Ab Mitte der 80er-Jahre war er Teil des Mosaik-Kollektivs und zeichnete bis 2011 One-Pager für die Abrafaxe. Dementsprechend sind Schröters Figuren leicht überspitzt, die Charaktere vielseitig gestaltet - hier wimmelt es vor Typen, die auch von Heinrich Zille oder Otto Dix stammen könnten. Diese Freiheit nimmt sich der Künstler auch bei den Texten. Schröter verzichtet auf Sprechblasen, die Texte umfließen die Bilder und betonen die sehr gelungene Seitengestaltung. Auf immer neue Weise baut Schröter die Panels nebeneinander und streut ab und zu ganzseitige Zeichnungen ein. Dem ersten Band der Reihe merkt man allerdings an, dass Schröter hier noch nach einem Stil gesucht hat. "Ein Häring unter Haien" hat nicht nur ein anderes Format als die Folgebände (die in A4 erscheinen), sondern ist auch in Schwarz-Weiß gehalten und zeichnerisch noch nicht ganz ausgereift.

Zuletzt erschienen von "Mäcke Häring" die Bände "Die Jagd nach dem Kristallschädel" (l.) und "Ein Fall mit falschen Fuffzigern", jeweils 82 Seiten, A4, 18,50/17,50 Euro.
Zuletzt erschienen von "Mäcke Häring" die Bände "Die Jagd nach dem Kristallschädel" (l.) und "Ein Fall mit falschen Fuffzigern", jeweils 82 Seiten, A4, 18,50/17,50 Euro.(Foto: Michael Schröter)

Die beiden Folgebände - mit vergilbt wirkendem Papier und Aquarellkolorierung - sind dagegen ohne Einschränkung zu empfehlen. "Die Jagd nach dem Kristallschädel" ist dabei sowohl inhaltlich als auch zeichnerisch der gelungenere Band. Die Suche nach dem Schädel führt Häring zu okkulten Kreisen und der Lebensreformbewegung, nach Hiddensee und schließlich zum Potsdamer Platz, wo er ein paar Nazis gehörig eins auswischt. Im bisher letzten Teil der Reihe, "Ein Fall mit falschen Fuffzigern", hat es Häring dann mit einem Serienmörder, einer verschwundenen Frau und einer legendären Theateraufführung zu tun - wobei die Sprünge zwischen den Handlungssträngen teilweise etwas zu holprig geraten. Jeder Band ist dabei auch als Einzelwerk verständlich, auch wenn sie inhaltlich lose aufeinander aufbauen.

Die Bände sind auf der Seite von Michael Schröter erhältlich, zudem in Berlin im Kulturkaufhaus Dussmann, in der Georg Büchner Buchhandlung und im Comicladen Grober Unfug.

Punk und Terror in Westberlin

Wer von Berliner Geschichten nicht genug bekommen kann, dem sei noch ein weiterer Comic empfohlen: "Gleisdreieck" von Jörg Ulbert (Text) und Jörg Mailliet (Zeichnungen) erzählt eine dichte Geschichte in Westberlin zu Beginn der 80er Jahre. Die Stadt genießt als Frontstadt im Kalten Krieg einen Sonderstatus. Weil hier etwa die Wehrpflicht der Bundesrepublik nicht gilt, ist sie Anziehungspunkt für Wehrdienstverweigerer, Alternative und Freigeister - aber auch für Terroristen, die mitunter von der DDR unterstützt werden.

Die Stimmung im Berlin des Jahres 1981 ist aufgeheizt.
Die Stimmung im Berlin des Jahres 1981 ist aufgeheizt.(Foto: Berlin Story Verlag / Jörg Ulbert, Jörg Mailliet)

Die Stimmung ist in jenen Jahren angespannt. Wohnraum ist knapp und die steigenden Mieten führen zu Protesten. Immer wieder kommt es zu Kämpfen zwischen Polizei und Hausbesetzern. Eine kleine Gruppe von Linksterroristen will die revolutionäre Stimmung weiter anheizen - sie plant die Entführung von Innensenator Heinrich Lummer. Doch der frisch in die Stadt gekommene verdeckte Ermittler Otto soll sie stoppen. Auch er lebt sich ein im Milieu, zwischen Kreuzberger Kiez, Hausbesetzungen und Punkpartys - für die die Autoren übrigens eine Playlist mit den Untergrund-Hits jener Jahre zusammengestellt haben.

"Gleisdreieck. Berlin 1981" ist im Berlin Story Verlag erschienen, 128 Seiten, broschiert, 19,95 Euro.
"Gleisdreieck. Berlin 1981" ist im Berlin Story Verlag erschienen, 128 Seiten, broschiert, 19,95 Euro.

Akribisch haben die beiden Künstler recherchiert, um die Stimmung im Westberlin jener Jahre aufleben zu lassen. Die Stadt war ja keinesfalls ein abgeschlossenes Biotop. Offen oder verdeckt war sie Schauplatz von politischen Auseinandersetzungen: zwischen Ost und West oder Links und Rechts. Der Band stellt dies geschickt dar, auch die Rivalitäten zwischen verschiedenen linken Gruppen, und überzeugt daneben mit historischen Fakten, die in die ansonsten fiktive Handlung eingewoben werden.

Wie bei "Mäcke Häring" spielt auch in "Gleisdreieck" die Architektur der Stadt eine große Rolle. Es ist natürlich ein anderes, moderneres Berlin. Doch der Comic spielt auch hier mit den Zeichen des Untergrunds und der Subkultur. Poster und Graffitis gehören genauso zum Stadtbild wie Szenekneipen oder der Punkschuppen SO36. Das macht "Gleisdreieck" - neben der spannenden Polit-Geschichte - zum lesenswerten Berlin-Porträt aus der Zeit des Übergangs von den revolutionären 70ern zu den gesellschaftlichen wesentlich ruhigeren, bald schon erstarrenden 80ern.

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Quelle: n-tv.de

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