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Erwachsenwerden und erste Liebe in der finnischen Provinz: Davon erzählt Petteri Tikkanen in "Blitzkrieg der Liebe".
Erwachsenwerden und erste Liebe in der finnischen Provinz: Davon erzählt Petteri Tikkanen in "Blitzkrieg der Liebe".(Foto: Petteri Tikkanen / Avant-Verlag)

Das Gastland auf der Buchmesse: Finnische Fantasie verzaubert Frankfurt

Von Markus Lippold

Frankfurt ist wieder das Zentrum des Literaturbetriebs. Im Fokus steht diesmal Finnland. Doch so frostig sich der Auftritt auch inszeniert: Die Literatur des Landes bietet viel mehr. Zum Beispiel Comics zwischen Mumins, Paradies und Blitzkrieg in der Provinz.

Im vergangenen Jahr kam Brasilien als Ehrengast zur Frankfurter Buchmesse. Im hellen Pavillon, in dem die Literatur des Landes vorgestellt wurde, gab es warme Farben, Hängematten und Samba-Musik, zu der man sanft hin- und herschaukeln konnte. In diesem Jahr nun stellt Finnland seine Bücher und Autoren vor. "Finnland. Cool" lautet das doppeldeutige Motto. Es verweist einerseits auf die Klischees über das Land im hohen Norden, auf die Kälte und den Schnee. Doch es spielt auch auf die moderne, weltoffene Literatur an.

Mit dem Mumintal hat Tove Jansson einen Ort der Fantasie geschaffen. Wirklich friedlich ist es aber selten.
Mit dem Mumintal hat Tove Jansson einen Ort der Fantasie geschaffen. Wirklich friedlich ist es aber selten.(Foto: Tove Jansson / Reprodukt)

In Finnland leben fast 200 Millionen weniger Menschen als in Brasilien. Doch Bücher spielen hier eine so große Rolle wie in kaum einem anderen Land. An die 10.000 Neuveröffentlichungen gibt es pro Jahr. Zur Buchmesse wurden nun etliche Klassiker und Neuerscheinungen auch ins Deutsche übersetzt. In den folgenden Tagen stellt n-tv.de aus diesem Anlass einige Bücher aus Finnland vor.

Abenteuer im Mumintal

Die Reise beginnt mit einem Klassiker: den Mumins. Die putzigen Trolle feiern in diesem Jahr ein Jubiläum, denn ihre bemerkenswerte Schöpferin Tove Jansson wäre 100 Jahre alt geworden. So wird auch in Frankfurt gefeiert. Denn die Bücher, Comics, Stücke und Serien um die Sippe der liebenswerten Mumins kommen offenbar nicht aus der Mode. Das liegt nicht nur daran, dass die Mumins alltägliche Abenteuer bestehen und durch ihren leisen Humor bestechen.

"Ein Urwald im Mumintal" ist bei Reprodukt erschienen.
"Ein Urwald im Mumintal" ist bei Reprodukt erschienen.

Vor allem verbreitete Tove Jansson, die aufgrund ihrer Bisexualität selbst gesellschaftlich stets aneckte, in ihren Büchern eine allgemeingültige Menschlichkeit, die keine Grenzen kennt, keine Schubladen und die stets über die Gefahren siegt, die da von außen in das Mumintal einbrechen. Erschienen sind die Mumins zunächst als Bücher, die derzeit im Arena-Verlag auf Deutsch vorliegen. Doch auch die späteren Comics sind unbedingt lesenswert. Der Berliner Verlag Reprodukt bringt dabei nicht nur eine Gesamtausgabe heraus, die mittlerweile sieben Bände umfasst. Zuletzt hat man auch kleine Bände vorgelegt, die einzelne Geschichten aus Janssons Stripserie erstmals koloriert zeigen. So kindlich das auch erscheinen mag - Janssons Bücher richten sich an alle Altersklassen.

Das Buch "Willkommen im Mumintal" und den Comic "Ein Urwald im Mumintal" bei Amazon bestellen.

Leben in der vierten Welt

In Europa erlebt Rashid die Hölle auf Erden - ohne Schutz muss er in den Gewächshäusern Pestizide versprühen.
In Europa erlebt Rashid die Hölle auf Erden - ohne Schutz muss er in den Gewächshäusern Pestizide versprühen.(Foto: Ville Tietäväinen / Avant-Verlag)

Einem äußerst ernsten Thema widmet sich dagegen Ville Tietävänen. Seine Graphic Novel "Unsichtbare Hände" aus dem Avant-Verlag zählt zu den wichtigsten Comic-Veröffentlichungen in diesem Jahr. Vor einem realen Hintergrund erzählt Tietävänen die Geschichte des marokkanischen Flüchtlings Rashid, der die gefährliche Reise nach Spanien auf sich nimmt, nur um dort in eine moderne Form der Sklaverei zu geraten.

In düsteren Tönen gehalten, folgt der Comic Rashid durch die ausufernden Obstplantagen von Almeria, sieht die harten Lebensbedingungen der Einwanderer und erlebt seinen körperlichen wie psychischen Verfall. Es ist das Leben unzähliger Tagelöhner, die völlig rechtlos mitten in der Europäischen Union ein menschenunwürdiges Dasein fristen. "Als ich diese gewaltige Ungerechtigkeit sah, fühlte ich mich verpflichtet, sie darzustellen", erzählte Tietävänen im Gespräch mit n-tv.de. Sein Buch, für das er in Marokko und Spanien recherchierte, rüttelt auf und hallt sehr lange nach.

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"Unsichtbare Hände" (l.) ist bei Avant erschienen, "Comic Atlas Finnland" wird von Reprodukt verlegt.
"Unsichtbare Hände" (l.) ist bei Avant erschienen, "Comic Atlas Finnland" wird von Reprodukt verlegt.

Auch Tietävänen profitierte davon, dass seine Arbeit an dem Comic staatlich gefördert wurde, etwa mit Stipendien. Im Kulturhaushalt ist dafür ein eigenes Budget vorgesehen. So entstand in dem Land eine Comicszene, die sich künstlerisch austoben, die neue Wege gehen und experimentieren konnte. Es ist "eine Art Musterfall der Entfaltung einer eigenwilligen europäischen Comickultur", heißt es denn auch im Vorwort des "Comic Atlas Finnland", den Reprodukt zusammen mit der Finnish Comics Society herausgebracht hat.

Absurde Welten

Marko Turunen liefert im "Comic Atlas" einen so bunten wie absurden Beitrag ab.
Marko Turunen liefert im "Comic Atlas" einen so bunten wie absurden Beitrag ab.(Foto: 2014 Finnish Comics Society / Reprodukt)

Der wuchtige Sammelband präsentiert Ausschnitte aus dem Werk von zwölf Künstlern, deren Beiträge mal 10, mal mehr als 30 Seiten umfassen. Stilistisch als auch inhaltlich sind die Beiträge äußerst unterschiedlich - obwohl die Natur und deren Wechselspiel mit den Menschen ein wiederkehrendes Element ist. Gleich zum Auftakt schickt Marko Turunen sein Alter Ego mit einer Schildkröte durch eine absurde Welt voller sonderbarer Wesen und Abenteuer. Das spiegelt sich in den wundervoll kolorierten, immer wieder aufgebrochenen Panelfolgen, die strenge Formalien über Bord werfen und ein fantasievolles Kaleidoskop entwerfen.

Es folgt eine durch die sanfte violette Einfärbung nostalgisch wirkende Geschichte von Reetta Niemensivu um finnische Liebeszauber auf einer Mittsommerfeier. Auch andere Zeichner nehmen finnische Sagen und Folklore auf. Mika Lietzén dagegen erzählt in einem schlichten, schwarz-weißen Stil eine beeindruckende Geschichte vom übermäßigen Druck in der modernen Arbeitsgesellschaft, während Tommi Musturis Beitrag von der Einsamkeit im Alter handelt, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Matti Hagelberg wiederum, der als Wegbereiter der finnischen Comicszene gilt, liefert eine avantgardistische Abfolge abstrakter Szenen, die er in der Schabkarton-Technik anfertigte. So wie jene von Hagelberg sind nicht alle Geschichten leicht zugänglich, auch die verschiedenen Techniken können durchaus herausfordern - aber der Band ist eine faszinierende Entdeckungsreise durch eine lebendige Szene.

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Provinz und Paradies

"Paradies" (l.) ist bei Reprodukt erschienen, "Blitzkrieg der Liebe" bei Avant.
"Paradies" (l.) ist bei Reprodukt erschienen, "Blitzkrieg der Liebe" bei Avant.

Wem der "Comic Atlas" zu uneinheitlich ist oder wer lieber eine eigenständige, längere Geschichte lesen will, der sei noch auf zwei Einzelwerke verwiesen. Eine Coming-of-Age-Geschichte aus der finnischen Provinz legt Petteri Tikkanen bei Avant vor. Im Mittelpunkt von "Blitzkrieg der Liebe" steht Eero, der damit hadert, dass seine etwas ältere Sandkastenfreundin Kanerva nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Doch er bleibt hartnäckig und versucht, sich selbst erwachsener zu geben - doch dazu muss er seine Kindheit hinter sich lassen.

Erste Liebe, Enttäuschung, Abnabelung und Rebellion: Tikkanen gelingen Szenen, die einfühlsam und liebevoll den schwierigen Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein einfangen. Doch seine großflächigen, farblich monoton gehaltenen Zeichnungen thematisieren auch das triste Leben von Jugendlichen in der finnischen Provinz, wo Bushaltestellen zum Treffpunkt werden und Rockmusik die einzige Form der Rebellion darstellt.

Ville Ranta wiederum, der ebenfalls im "Comic Atlas" vertreten ist, legte bereits vor zwei Jahren bei Reprodukt den wunderbar respektlosen Band "Paradies" vor. Farbenfroh und mit leichtem, skizzenhaften Stil erzählt er die Schöpfungsgeschichte nach. Mit viel Witz schildert Ranta, wie Adam und Eva die körperlichen Genüsse entdecken und damit Gott erzürnen. Doch der kann sich auch nicht so recht entscheiden: Will er selbstständig denkende Wesen oder doch lieber ahnungslose Gläubige? Das sind die großen Fragen des Lebens. Dieses Paradies - es erinnert da stellenweise irgendwie an das Mumintal.

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Quelle: n-tv.de

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