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Hitler während einer Feier auf den Heldenplatz in Wien am 15. März 1938.
Hitler während einer Feier auf den Heldenplatz in Wien am 15. März 1938.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Robert Seethaler: "Der Trafikant": Freud und Leid

Von Samira Lazarovic

In den späten 30er Jahren kommt Franz Huchel nach Wien. Doch den ausbrechenden Wahnsinn nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland kann ihm selbst sein neuer Freund Sigmund Freud nicht erklären. Robert Seethaler, Autor des hoch gelobten Romans "Der Trafikant" spricht mit n-tv.de über leise Töne, seine Liebe zu Freud und seine Freude über Gerhard Polt.

Der Trafikant

Österreich 1937: Der 17-jährige Franz Huchel verlässt sein Heimatdorf im Salzkammergut, um in Wien als Lehrling in einer Trafik – einem Tabak-und Zeitungsgeschäft – zu arbeiten und seinen eigenen Weg zu finden. Dort begegnet er dem Stammkunden Sigmund Freud und ist fasziniert von dem berühmten Professor. Von dem „Deppendoktor“ hat selbst er, der unbedarfte Junge aus der Provinz, schon gehört. Als Franz sich unglücklich in die dralle, böhmische Varietétänzerin Anezka verliebt, sucht er bei Freud Rat. Doch dem weltbekannten Psychoanalytiker ist das weibliche Geschlecht ein mindestens ebenso großes Rätsel wie Franz. Dennoch – oder gerade darum – werden die ungleichen Männer Freunde. Sie haben sich eine schlechte Zeit dafür ausgesucht: Die folgenschweren politischen Umbrüche lassen Franz' neue Welt schneller auseinanderbrechen, als er sie gefunden hat. Wer wird am Ende die dunklen Zeiten überstehen?

Der Garten im Café Einstein in der Berliner Kurfürstenstraße ist grau und nass. "Im Sommer sitzt man da draußen wirklich schön", sagt Robert Seethaler, bevor er sich hinsetzt und einen Kaffee bestellt. "So müsste man wohnen, mit einem solchen Ausblick vom Schreibtisch aus", meint der österreichische Schriftsteller. Schon mal versucht, in bester Wiener Tradition im Kaffeehaus zu schreiben? "Versucht ja, natürlich, das ist ja der große Traum, einmal schreiben wie die ganz großen Köpfe, die vielen jüdischen Schriftsteller, die vor dem totalen Zusammenbruch die Kaffeehäuser bevölkert haben. Aber ich habe noch keine brauchbare Zeile in einem Café zustande gekriegt", gesteht er. "Da braucht nur eine schöne Frau im roten Rock vorbeizugehen und schon ist die Konzentration weg." Er lasse sich zu schnell ablenken, deshalb stehe sein Schreibtisch zu Hause nicht am Fenster, sondern an der Wand. "Seltsam dieser Beruf, man starrt auf eine weiße Wand und wartet, dass sich etwas bewegt." Beschweren will sich der 46-Jährige aber nicht: "Ich übe einen Beruf aus, der besser ist als meine Träume."

Obwohl er sich selbst als Faultier bezeichnet, dem die Disziplin eines Thomas Mann oder Max Frisch abgeht, hat Seethaler bereits als Drehbuchautor und Schauspieler gearbeitet, vier Romane veröffentlicht, und für seine Arbeit zahlreiche Preise und Stipendien erhalten. Von seinen Drehbüchern sei mit "Die zweite Frau" zwar nur eines tatsächlich verfilmt worden, das aber sehr gut, so Seethaler. Was die Schauspielerei angehe, habe er derzeit exakt sieben Drehtage im Jahr, in denen er in einer Krimireihe ("Ein starkes Team", Anm. der Redaktion) den Pathologen spiele, das sei alles, was von der Schauspielerei übrig ist. Was er nun sei? "Ich bin Schriftsteller, Spaziergänger und Papa", sagt Seethaler und erzählt von seinem kleinen Sohn. Und fügt sich seufzend drein, noch mehr Fragen zu seinem Buch zu beantworten – er hatte gehofft, alle bereits im Vorfeld schriftlich zur Genüge beantwortet zu haben. Anders als seine Romanfigur Franz Huchel, dem gerne "die Gedanken wild durcheinanderspringen" und der manchmal erst weiß, was ihm im Kopf rumgeht, wenn es laut aus ihm herausbricht, grübelt Seethaler gerne länger nach, bevor er einen Gedanken sorgfältig ausspricht.

Auch sonst ist Franz Huchel kein junges Alter Ego Seethalers, auch wenn man in den liebevoll skizzierten Kindheitserinnerungen an das Salzkammergut eigene Erfahrungen vermutet. "Es sind schon auch eigene Erinnerungen, man kann ja nur aus dem eigenen Erfahrungsgrund schöpfen, aber ich versuche, andere Bilder für bestimmte Empfindungen zu finden – so habe ich etwa nie wie der Franz im Sommer auf dem Grund eines Sees gesessen und dem Wasser gelauscht", so Seethaler. Auch die anderen fiktiven Gestalten hätten keine realen Vorbilder: "Ich renne nicht in der Gegend herum und schaue mir die Menschen nach ihrer literarischen Verwertbarkeit an."

Am Anfang war Freud

Mit edlen Zigarren besticht Franz seinen neuen Freund, damit er ihm das Geheimnis der Frauen verrät.
Mit edlen Zigarren besticht Franz seinen neuen Freund, damit er ihm das Geheimnis der Frauen verrät.

Eine sehr reale historische Gestalt hat sich dennoch in das Buch geschlichen: Der Psychoanalytiker Sigmund Freud, dem Franz Huchel in der Trafik begegnet und vor dem er zutraulich bald den ganzen Kummer eines Heranwachsenden mit dem rätselhaften anderen Geschlecht ausbreitet. Zunächst widerwillig, hört sich der berühmte Professor mit wachsender Zuneigung alles über den Liebeskummer des jungen Franz an und versorgt ihn mit denkbar einfachen, aber hilfreichen Ratschlägen: "Vergiss das Mädchen und wenn Du sie nicht vergessen kannst, dann hol sie Dir zurück." Zwischen Freud, der vor dem Ende seiner Karriere und seiner Emigration steht und dem jungen Trafikanten entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft in unruhigen Zeiten.

Welche Romanfigur war zuerst da? Der junge Franz oder der alte Sigmund? "Ich wollte zunächst ein Buch über Freud schreiben. Ich mag den Alten, auch wenn er nicht unproblematisch ist. So war etwa sein Frauenbild recht eigenartig. Und im Grunde ist ja diese ganze Psychoanalyse ein Hirngespinst, eine hanebüchene Idee – aber in sich stimmig!", meint der gebürtige Wiener und muss über den altmodischen Ausdruck "hanebüchen" lachen, der sich da - unbewusst? – in seine Antwort eingeschlichen hat. "Es gab schon Widerstände gegen die Idee ausgerechnet über Freud zu schreiben", fährt Seethaler fort. Und es sei auch tatsächlich schwierig gewesen, über eine derart bekannte Person etwas Neues zu schreiben. „Da hat aber der frische Blick durch die Augen des naiven Franz geholfen.“

In der Tat lernt man Sigmund Freud noch einmal abseits der Psychoanalyse kennen. Bekannte biographische Fakten, wie etwa Freuds Erkrankung an Gaumenkrebs, werden nicht einfach breitgetreten, an sie erinnern nur kleine, wie beiläufig eingestreute Beschreibungen, wie die von der schmerzenden Prothese, die von der liebevoll resoluten Tochter Anna schon mal zurecht gerückt werden muss.

"Schreien statt flüstern"

Bilderserie

Seethaler begleitet seine Protagonisten durch die Zeit des Anschlusses Österreichs an Deutschland. Österreich liegt vor Hitler "wie ein dampfendes Schnitzel auf einem Teller, das es zu zerlegen gilt." "Heil Hitler"-Rufe in den Strassen Wiens, Hakenkreuz-Fahnen, eine neue Ordnung. Freud, der Jude, muss Wien verlassen. Und der Trafikant Otto Trsnjek, der für den Kaiser in den Krieg zog und ein Bein verlor, wird verhaftet. Der junge Huchel, den Lehm des Salzkammergutes praktisch noch an den Schuhen, wird der neue Trafikant. Und macht seinen beiden Lehrmeistern alle Ehre.

Obwohl "Der Trafikant" in einer Zeit spielt, die dramatischer und folgenreicher nicht sein könnte, ist es ein leises Buch, voll feiner Ironie. Sind die leisen Töne effektiver, um den Irrsinn der NS-Zeit begreifbar zu machen? "Vielleicht werden die Auswüchse der NS-Zeit gar nie wirklich begreifbar", glaubt Seethaler. Der Irrsinn definiere sich ja über seine Unbegreiflichkeit. "Leise Töne können aber im Rückblick für das Verständnis gewisser Vorgänge das richtige Mittel sein. Aber angesichts des maßlosen Unrechts, dem wir auch heute oft gegenüberstehen, müsste man vielleicht eher schreien als flüstern", meint der Wiener.

Doch auch Franz Huchel schreit angesichts des zunehmenden Unrechts in seinem Umfeld nicht auf. Er nimmt es aber auch nicht hin – und bezahlt für seine unorthodoxe Art des Protestes einen hohen Preis. Der einfache Junge vom Lande mag zwar nicht viel Lebenserfahrung besitzen, dennoch fällt es ihm nicht schwer, den inneren Anstand zu bewahren. Er ist bemerkenswert immun gegen die Verführungen des von den Nationalsozialisten versprochen neuen Zeitalters nach dem Anschluss Österreichs. Hätte diese Romanfigur auch eine andere Richtung einschlagen können? Vielleicht wäre Franz schon bald anfälliger geworden, doch hatte er schlichtweg nicht die Zeit, meint der Autor. "Wahrscheinlich hat ihn gerade seine fast noch kindliche Unbedarftheit vor möglichen Verführungen geschützt. Franz staunt. Und die Verführung kommt oft erst nach dem Staunen."

Obwohl "Der Trafikant" auch eine klassische Coming-of-Age-Geschichte ist, tut sich Seethaler schwer mit dem Gedanken, dass Franz Huchel ein Vorbild für heutige Jugendliche sein könnte. Da stelle sich doch die Grundsatzfrage, ob Jugendliche überhaupt Vorbilder brauchen. "Ich hatte als Jugendlicher auch Vorbilder, aber Vorbildern nachzueifern bedeutet auch, dass die eigene Persönlichkeit weniger stark entwickelt wird." Schön wäre es, wenn junge Leser versuchten, Franz' Leben und vor allem sein Handeln zu verstehen.

Die Chancen dafür stehen gut, denn "Der Trafikant" kommt ohne erhobenen Zeigefinger aus. Auch dafür wurde Robert Seethaler mit Kritikerlob überschüttet, was ihn merklich freut. Das beispielsweise die Moderatorin und Journalistin Christine Westermann all seine Bücher so warmherzig bespricht, schmeichele ihm. "Sie scheint mit offenen Herzen zu lesen und das ist etwas sehr Schönes"; meint Seethaler.

Überwältigt hat ihn das Lob von Gerhard Polt: "Er vergleicht mich allen Ernstes mit Joseph Roth. Und mit Alfred Polgar, einen der größten österreichischen Schriftstellern. Und was soll ich sagen: Gerhard Polt ist selbst einer der Größten!"

Seethaler überzeugt mit dem "Trafikanten" aber nicht nur Gerhard Polt davon, dass man nicht zwangsläufig in einem Kaffeehaus sitzen und schreiben muss, um wie die großen Literaten fein, humorvoll und mit Tiefe zu erzählen. Und nicht nur Christine Westermann wird sich über ein weiteres Buch freuen. Ist etwas geplant? "Ich würde gerne eine Novelle schreiben. Ein ganzes Menschenleben in einer kurzen, kleinen Geschichte verpackt. Ich habe richtig Angst davor, aber wenn ich eines gelernt habe, dann ist es dies: Folge Deinen Interessen."

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Quelle: n-tv.de

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