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Goliath mag seinen Schreibtisch - zumindest mehr als den Krieg.
Goliath mag seinen Schreibtisch - zumindest mehr als den Krieg.(Foto: Tom Gauld / Reprodukt 2012)

Die Wahrheit über den Bibel-Riesen: Goliath und wie er die Welt sah

Von Markus Lippold

David gegen Goliath - wenn diese Phrase erklingt, sind die Sympathien schnell verteilt, schließlich kämpft der Kleine einen Kampf gegen eine vermeintlich böse Übermacht. Gar nicht wahr, meint dagegen Tom Gauld. Mit Lakonie schildert der Zeichner seine Version der biblischen Geschichte, in der Goliath ein sanftmütiger Riese ist.

Eines der bekanntesten Kinderlieder des Songschreibers Gerhard Schöne handelt vom Riesen Glombatsch aus Bibabombatsch, der "siebzehn Meter neunzig groß" ist. Aber trotzdem heult er, denn "er hat keinen Freund zum Spielen, alle reißen vor ihm aus", wie es in dem Lied heißt. "Vor ihm zittern alle Kinder, wie vorm Elefant die Maus. Alle denken, er ist böse, weil er 'n bisschen größer ist", singt Schöne weiter.

Deshalb versteht er auch gar nicht, was sein Hauptmann von ihm will.
Deshalb versteht er auch gar nicht, was sein Hauptmann von ihm will.(Foto: Tom Gauld / Reprodukt 2012)

Ob der singende Pfarrerssohn dabei Goliath im Sinn hatte - jenen biblischen Goliath, mit dessen Namen noch heute kriegerische Riesen, gierige Konzerne und überhaupt alles übermächtige Böse verbunden wird? Goliaths Gegner und Besieger ist der Hirtenjunge David, der spätere König der Israeliten. Der ist schmächtig, alles andere als ein perfekter Soldat und auf den ersten Blick Goliath - im wahrsten Sinne des Wortes - haushoch unterlegen. Doch gerade deshalb gehören ihm die Herzen der Menschen. Dabei spielt es auch gar keine Rolle, ob der biblische Goliath überhaupt gelebt hat, denn sein Kampf gegen David hat mittlerweile so oder so ein reges symbolisches Eigenleben entwickelt.

Es ist unwahrscheinlich, dass der britische Zeichner Tom Gauld, der vor allem für seine Karikaturen im "Guardian" bekannt ist, den Riesen Glombatsch kennt. Von Goliath aus Gath hat er aber ganz sicher gehört, er hat sogar seinen ersten längeren Comic nach ihm benannt, der nun auf Deutsch bei Reprodukt erscheint. Wobei es Gauld auch weniger um den historischen Goliath geht als um die sprichwörtliche Person.

Drei Meter groß

Die Bibel verrät ohnehin recht wenig über Goliath: Er war demnach an die drei Meter groß, trug bei seinem Kampf gegen David einen Helm und einen Schuppenpanzer aus Bronze und hatte zudem bronzene Schienen und ein Sichelschwert. Der Schaft von Goliaths Speer soll "so dick wie ein Weberbaum" gewesen sein und seine schwere Speerspitze war aus Eisen. Mit diesem martialischen Aussehen soll er im Auftrag des Königs der Philister den stärksten Kämpfer der Israeliten zum Kampf herausfordern und so den Krieg im Zweikampf entscheiden. So steht es zumindest in der Bibel, in den Büchern Samuel.

Wesentlich interessanter als der ohnehin bekannte Ausgang der Geschichte ist, was Gauld daraus macht. Denn während in der Bibel aus dem Aussehen auf den kriegerischen Charakter Goliaths geschlossen wird, zeigt Gauld den Menschen hinter der Rüstung: Goliath ist bei ihm der friedliche Schreiber seiner Armee, der mit den Kampfhandlungen gar nichts zu tun haben will. "Ich bin kein Krieger. Ich bin der fünftschlechteste Schwertkämpfer meiner Einheit", sagt er über sich selbst. Doch es nützt ihm nichts, er wird wegen seiner abschreckenden Größe dazu verdonnert, im Tal von Elah einen Israeliten zum Zweikampf herauszufordern, um so den Krieg zu entscheiden.

Kein strahlender Held

"Goliath" ist bei Reprodukt erschienen und hat 96 Seiten in Klappenbroschur. Der Band kostet 15 Euro (D).
"Goliath" ist bei Reprodukt erschienen und hat 96 Seiten in Klappenbroschur. Der Band kostet 15 Euro (D).

Gauld schildert nun, wie Goliath zusammen mit seinem Schildknappen im Tal auf einen Gegner wartet und langsam verzweifelt. Denn die List, die Israeliten mit dem Riesen abzuschrecken, geht zunächst auf - keiner will gegen den übermächtig scheinenden Mann kämpfen. So steht Goliath verloren zwischen den Heeren und wird langsam zum verwahrlosten Tier. Die Israeliten meiden ihn, während die Philister Geschichten über ihn erfinden, um Goliath noch mächtiger erscheinen zu lassen.

Dabei verzichtet Gauld darauf, Goliath große Worte in den Mund zu legen. Was soll ein Mann auch sagen, der nicht kämpfen will, aber gezwungen wird, für seinen König sein Leben aufs Spiel zu setzen. Auch die Bilder sind äußerst reduziert und karg wie das steinige Tal, in dem Goliath steht. Der Riese ist kein strahlender, kein kriegerischer Held, sondern ein zunehmend lakonischer Mann, dessen Loyalität und Lebenslust zerbröseln, während er auf den Kampf wartet.

Gauld gelingt es, mit einfachsten Mitteln und hintersinnigem Humor die Phrase "David gegen Goliath" auf den Kopf zu stellen. Sein Goliath entspricht nicht dem mächtigen Krieger, den wir angesichts der biblischen Geschichte vor Augen haben. Die Auslassungen und Sprünge in der Handlung überlassen es vielmehr der Phantasie des Lesers, sich ein eigenes Bild von dem riesenhaften Philister zu machen und eigene Vorurteile zu überdenken. Nicht zuletzt zeigt Gauld in "Goliath" die ganze Sinnlosigkeit des Krieges, die bis heute den Nahen Osten prägt.

"Goliath" direkt bei Amazon bestellen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Tom Gauld veröffentlicht seine Cartoons regelmäßig auf seinem Tumblr-Blog und auf seiner Webseite.

Quelle: n-tv.de

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