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Hemingway am Schreibtisch: Das Leben als Comiczeichner ist im Paris der 20er Jahre nicht leicht.
Hemingway am Schreibtisch: Das Leben als Comiczeichner ist im Paris der 20er Jahre nicht leicht.(Foto: Jason/Verlag Reprodukt 2011)

"Lost Generation" trifft auf "Pulp Fiction": Hemingway ist ein Hund

von Markus Lippold

Großwildjagd? Stierkampf? Chauvinismus? Was Ernest Hemingway ausmachte, passt nicht ins 21. Jahrhundert. Der Autor, der sich vor 50 Jahren das Leben nahm, ist dafür Held einer Graphic Novel, die seine Jahre in Paris mit viel Humor darstellt - zwischen Café, Pingpong und Schwanzvergleich.

Am 2. Juli 1961 nahm Literaturnobelpreisträger Ernest Hemingway seine Lieblingsflinte, lud sie, steckte sich den Lauf in den Mund und drückte ab. Dass der Tod kein Unfall war, wie seine Ehefrau lange behauptete, war Vielen sofort klar. Das literarische Schwergewicht war nicht so selbstsicher, wie es seine Romane, seine Kriegsabenteuer und seine Erlebnisse als Reporter, Großwildjäger und Hochseeangler suggerieren. Hinter dem Machoimage und den Frauengeschichten versteckte sich ein Mann mit Depressionen und einem großen Alkoholproblem.

Porträt des Künstlers als Mann: Ernest Hemingway.
Porträt des Künstlers als Mann: Ernest Hemingway.(Foto: dpa)

Vielleicht war es eine gewisse Verlorenheit, die den Autor so zerbrechlich machte. Er gehörte schließlich zu einer Gruppe amerikanischer Intellektueller, die die Schriftstellerin Gertrude Stein als "Lost Generation" bezeichnete. Das waren desillusionierte Literaten, teilweise Teilnehmer des Ersten Weltkriegs, die in der Zwischenkriegszeit in Paris eine neue, auch geistige Heimat fanden. Dazu zählten neben Hemingway unter anderem F. Scott Fitzgerald, T.S. Eliot, Ezra Pound und viele andere, unbekanntere Künstler.

"Nehmen Sie auf jeden Fall einen Blaustift"

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Hemingway setzte dieser "Verlorenen Generation" mit seinem ersten großen Erfolg "Fiesta" (im Original: "The Sun Also Rises") ein Denkmal. Auch hier treffen sich US-Emigranten in Pariser Cafés, debattieren, suchen nach Geldquellen und fahren nach Spanien zum Stierkampf. Der Roman war Hemingways Durchbruch und wurde als "Zwischen Madrid und Paris" mit der wunderbaren verfilmt. Dass eine der Hauptfiguren - ein impotenter Journalist und Kriegsteilnehmer - einige Parallelen zum Autor aufweist, sei nur am Rande erwähnt. Hemingway selbst nannte sein Werk "eine verdammt traurige Geschichte, in der aufgezeigt wird, wie Menschen zugrunde gehen".

Termine, Termine: Ezra Pound (l) trifft Hemingway.
Termine, Termine: Ezra Pound (l) trifft Hemingway.(Foto: Jason/Verlag Reprodukt 2011)

"Fiesta" ist auch das liebste Hemingway-Buch des norwegischen Zeichners Jason. Er hat das Leben der "Verlorenen Generation" zu einer höchst amüsanten Graphic Novel verarbeitet, die schlicht "Hemingway" betitelt und im Verlag Reprodukt erschienen ist. Höchst amüsant ist sie nicht nur, weil die amerikanischen Schriftsteller zu Hunden werden (nur der Ire James Joyce ist ein Rabe), sondern auch weil die Herangehensweise erfrischend ist. Denn die Geschichte ist gleichzeitig ein Kommentar aus heutiger Perspektive.

Hauptfigur ist natürlich der titelgebende Autor, der sich hier als Comiczeichner (!) durchs Leben schlägt. Er unterhält sich mit Fitzgerald über die Arbeit, holt sich Tipps von Gertrude Stein - "Nehmen Sie auf jeden Fall einen Blaustift" - oder spielt mit Ezra Pound Pingpong. Permanent plagen ihn Geldsorgen, schließlich hat er nebenbei auch noch eine Familie zu versorgen. Jason erzählt das mit wunderbar einfachem Strich, mit viel Humor, aber auch viel Liebe für die orientierungslosen Intellektuellen. Kenntnisreich flechtet er die damaligen Treffpunkte ein: die Buchhandlung "Shakespeare and Company", das Café "Les Deux Magots" und die "Dingo"-Bar.

Probleme, Probleme: Fitzgeralds Frau Zelda ist unleidlich.
Probleme, Probleme: Fitzgeralds Frau Zelda ist unleidlich.(Foto: Jason/Verlag Reprodukt 2011)

Wie Jason die "Verlorene Generation" darstellt, zeigt aber auch, wie deren Lebensstil und Einstellungen heute gesehen werden. So werden Machotum und Chauvinismus ad absurdum geführt, als Fitzgerald mit Hemingway die Länge seines Penis' untersucht. Der Zeichner macht sich allerdings nicht über seine Figuren lustig. Auch deren Kriegserlebnisse, deren existenziellen Sorgen und Selbstzweifel werden eingearbeitet.

"Wir sind am Arsch"

Hervorragend gelingt es Jason, die Verlorenheit seiner Protagonisten darzustellen. Skizzenhaft reiht er einzelne Begegnungen und Begebenheiten aneinander. Teilnahmslos verfolgen die Literaten dabei das Leben um sich herum und stellen sich selbst in Frage - "Warum machen wir Comics?", fragt Pound. "Wir sind am Arsch", stellt James Joyce lakonisch fest.

"Hemingway" ist bei Reprodukt in Berlin erschienen, hat 48 Seiten und kostet 13 Euro (D).
"Hemingway" ist bei Reprodukt in Berlin erschienen, hat 48 Seiten und kostet 13 Euro (D).

Doch dann hat Hemingway eine Idee: Warum sollte man nicht die Kasse eines Boxkampfs rauben und so alle Probleme lösen? Die bisher anekdotenhafte Geschichte wird hier zum wendungsreichen Krimi, den Jason nacheinander aus den Perspektiven aller Beteiligten erzählt. Die "Lost Generation" trifft auf "Pulp Fiction" und "Lola rennt". Ein schöner, zeitgemäßer Kommentar auf die "Verlorene Generation" und auf Hemingway, der vor 50 Jahren seine Lieblingsflinte zur Hand nahm ...

"Hemingway" ist der Auftakt einer Reihe mit Werken von Jason. Im November erscheint bei Reprodukt der Band "Ich habe Adolf Hitler getötet". Man darf gespannt sein.

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Quelle: n-tv.de

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