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Humphrey Bogart prägte als Privatdetektive Sam Spade eine klassische Figur des Film Noir.
Humphrey Bogart prägte als Privatdetektive Sam Spade eine klassische Figur des Film Noir.(Foto: 1941 First National Pictures Inc., Warner Bros. / TASCHEN )

Die besten Streifen des Film Noir: Hollywoods tiefschwarze Seele

Von Markus Lippold

Selten war Hollywood so dunkel und depressiv wie zur Zeit der "schwarzen Serie". Verkrachte Detektive und brutale Gangster bestimmen die Werke des Film Noir. Doch das Genre ist beileibe nicht tot, wie ein neues Standardwerk beweist.

Man nehme einen Privatdetektiv - am besten einen heruntergekommenen Ex-Cop -, eine schöne Frau mit dunklem Geheimnis, eine Handvoll skrupelloser Gangster und ein paar korrupte Polizisten. Man setze sie ins Los Angeles der 1940er- oder 1950er-Jahre und warte auf die erste Leiche. Fertig ist er, der Film Noir.

Die Frauen der "schwarzen Serie" haben meist nicht weniger Geheimnisse als die männlichen Protagonisten. Hier Claire Trevor und Dick Powell in "Murder, My Sweet".
Die Frauen der "schwarzen Serie" haben meist nicht weniger Geheimnisse als die männlichen Protagonisten. Hier Claire Trevor und Dick Powell in "Murder, My Sweet".(Foto: 1944 RKO / TASCHEN)

Hört man den Begriff "Film Noir", denkt man natürlich zuerst an Humphrey Bogart und den Malteser Falken, an Edward G. Robinson, James Cagney und Robert Mitchum. Man denkt an den Blick von Lauren Bacall, an die Handschuhe von Rita Hayworth und die Skandale von Lana Turner. Man hat Filme von John Huston und Billy Wilder, von Orson Welles und Alfred Hitchcock vor Augen.

Doch der "schwarze Film" ist weit vielseitiger, wie das Buch "Film Noir. 100 All-Time-Favorites" beweist. Der umfangreiche und gewichtige Band aus dem Taschen-Verlag stellt die wichtigsten Filme der Stilrichtung vor. Man kann sicher an der einen oder anderen Stelle über die Auswahl diskutieren, doch insgesamt deckt er alle wichtigen Akteure ab. Vor allem aber beschränken sich die Herausgeber Paul Duncan und Jürgen Müller nicht auf die klassische Phase der 40er und 50er. Vielmehr beziehen sie auch Vorbilder wie den deutschen Stummfilm der 20er-Jahre und Nachfolger wie Quentin Tarantino und Takeshi Kitano mit ein.

Scharfe Kontraste sind eines der Stilmittel des Film Noir. In "The Big Combo" spielen Jean Wallace und Cornel Wilde.
Scharfe Kontraste sind eines der Stilmittel des Film Noir. In "The Big Combo" spielen Jean Wallace und Cornel Wilde.(Foto: 1955 Allied Artists / TASCHEN)

Deshalb werden auch "Das Cabinett des Dr. Caligari" und "M - eine Stadt sucht einen Mörder" besprochen. Deshalb taucht hier nicht nur "Taxi Driver" von Martin Scorsese auf, sondern auch der Science-Fiction-Film "Blade Runner", der Erotikthriller "Basic Instinct", das japanische Gangsterdrama "Hana-Bi" und sogar der Batman-Film "The Dark Knight".

Filmstills, Fakten und Originalplakate

Nach einer Einleitung von Paul Schrader, dem Autor von "Taxi Driver", wird jeder der 100 ausgewählten Filme (im Anhang findet sich noch eine Auflistung mit 1000 Streifen) in einem mehrseitigen Text von einem Filmkritiker vorgestellt und analysiert. Einige legen dabei mehr Wert auf die Handlung, andere auf die Umstände oder die Machart des Films. Flankiert wird dies nicht nur von etlichen Filmstills und Infoboxen mit Kurzbiografien und Filmfakten, sondern auch von Originalplakaten - wofür Fans des Genres besonders dankbar sein dürften. Denn natürlich weisen auch diese einen besonderen Stil und Ton auf.

Zu den modernen Klassikern des Film Noir zählt "Drive" mit Ryan Gosling.
Zu den modernen Klassikern des Film Noir zählt "Drive" mit Ryan Gosling.(Foto: 2011 Bold Films, Oddlot Entertainment, Marc Platt Productions, Motel Movies / TASCHEN)

Doch wenn die Bandbreite des Film Noir so groß ist, gibt es dann überhaupt noch gemeinsame Elemente? In der klassischen Phase des Film Noir ist dies noch relativ klar. Zu ihr zählt man alle Filme der sogenannten "schwarzen Serie" von Hollywood zwischen 1941 und 1958. "Die Spur des Falken" mit Bogart gilt als erster Höhepunkt. Es folgten Klassiker wie "Frau ohne Gewissen", "Gilda", "Tote schlafen fest", "Rächer der Unterwelt", "Die Lady von Shanghai" und "Der dritte Mann".

Diese kriminalistisch geprägten Filme - nicht wenige entstanden nach Romanen von Raymond Chandler, Dashiell Hammett und Co. - wurden langsam durch subtile, psychologische Streifen abgelöst, die das Innenleben der Protagonisten ausloten. So zählen aus den 50ern Filme wie "Boulevard der Dämmerung", "Das Fenster zum Hof", "Vertigo", "Die Nacht des Jägers" und "Im Zeichen des Bösen" zur "schwarzen Serie", die Ende des Jahrzehnts ihr Ende fand.

Dreck am Stecken und Blut an den Händen

"Film Noir" ist bei Taschen erschienen, 688 Seiten im Hardcover, 39,99 Euro.
"Film Noir" ist bei Taschen erschienen, 688 Seiten im Hardcover, 39,99 Euro.

Diese Filme eint, dass sie überwiegend in Schwarz-Weiß gedreht wurden, ähnliche Stilelemente wie das extreme Spiel mit Kontrasten aufweisen und meist im urbanen Raum der Großstädte spielen. Doch auch die Charakterzeichnung der Protagonisten ähnelt sich. Es gibt zwar (nahezu ausschließlich männliche) Hauptdarsteller, doch Helden sind diese keineswegs. Sie sind korrupt, bestechlich, haben Dreck am Stecken oder Blut an den Händen. Und sie schrecken - genau wie ihre Gegenspieler - nicht vor Gewalt zurück. Darin spiegelt sich die dunkle, desillusionierte Weltsicht der Filme, die von den Krisen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt ist.

Diese gebrochenen Charaktere sind es, die nach 1960 und bis heute Filme den "Neo Noir" ausmachen. Mal ist es ein psychopatischer Mörder wie in "Psycho", mal ein brutaler Ex-Knacki wie in "Ein Köder für die Bestie". Im französischen Film "Der eiskalte Engel" steht ein Profikiller (Alain Delon) im Mittelpunkt, in "Chinatown" von Roman Polanski die klassische Figur des Privatdetektivs, in "Taxi Driver" mit Robert De Niro ist es ein Veteran des Vietnamkriegs, in "Bad Lieutenant" spielt Harvey Keitel einen abgewrackten Polizisten.

Doch es sind nicht nur diese realistischen Filme, die Elemente des Film Noir in sich tragen. Der Science-Fiction-Streifen "Blade Runner" von Ridley Scott dreht sich ebenfalls um einen desillusionierten Cop, nur dass dieser in einer dystopischen Welt ermittelt. Auch zwei Comicverfilmungen finden sich unter der Auswahl, schließlich hat auch dieses Medium von jeher dunkle Stoffe verarbeitet. In "Sin City" geben sich korrupte Polizisten und blutgierige Gangster die Klinke in die Hand, in "The Dark Knight" spielt Heath Ledger einen teuflisch guten Joker.

All diese Figuren hätten auch in den klassischen Werken des Film Noir auftauchen können. Sie stehen für Gewalt und Irrsinn, für Entfremdung und Orientierungslosigkeit, für Nihilismus und Depression. Es sind klassische Figuren geworden, die immer wieder auf der Leinwand auftauchen werden. Das Buch aus dem Taschen-Verlag setzt ihnen und einem ganzen Filmgenre ein Denkmal. "Film Noir" ist ein neues Standardwerk zum Thema, das ganz nebenbei noch durch seine schöne Gestaltung auffällt.

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Quelle: n-tv.de

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