Unterhaltung
"Dickie" feiert Erfolge in flämischen und niederländischen Zeitungen - zur Buchmesse erscheint ein Sammelband des schwarzhumorigen Strips auf Deutsch.
"Dickie" feiert Erfolge in flämischen und niederländischen Zeitungen - zur Buchmesse erscheint ein Sammelband des schwarzhumorigen Strips auf Deutsch.(Foto: Pieter de Poortere / Avant Verlag)

Comics zur Buchmesse: Lächelnde Panter und schießende Preußen

Von Markus Lippold

Die Katze ist tot, es lebe der Panter. Doch was, wenn das charmante Tier plötzlich zur Bestie wird? "Panter" ist einer von vielen Comics aus Flandern und den Niederlanden, den Gastländern der Buchmesse. n-tv.de stellt einige vor.

Wer an europäische Comics denkt, hat zuerst franko-belgische Arbeiten im Sinn: Asterix, Lucky Luke und Tim und Struppi gehören ohne Frage zu den bekanntesten Figuren. Doch auch der flämische Teil Belgiens und die Niederlande verfügen über eine reiche Comickultur. Das wurde angesichts vieler Neuerscheinungen schon auf dem diesjährigen Comicsalon in Erlangen deutlich und erlebt nun auf der Frankfurter Buchmesse, wo beide Regionen als Gastländer auftreten, einen weiteren Höhepunkt.

Der Panter kommt aus der Kommode: Das gleichnamige Buch von Brecht Evens gehört zu den Comic-Highlights der Buchmesse.
Der Panter kommt aus der Kommode: Das gleichnamige Buch von Brecht Evens gehört zu den Comic-Highlights der Buchmesse.(Foto: Brecht Evens / Reprodukt)

Natürlich werden die Comickünstler, vor allem die flämischen, stark von den französischsprachigen Kollegen beeinflusst. Und doch gibt es Eigenheiten, die Autoren aus Flandern und den Niederlanden auszeichnen. Da wäre etwa der oftmals tiefschwarze, respektlose Humor, der vor Traditionen und vermeintlichen Autoritäten nicht Halt macht. Vor allem aber zeichnet die Werke ein starker künstlerischer Anspruch aus, der viele avantgardistische Werke entstehen lässt, die Grenzbereiche der Comickunst ausloten.

Der zwielichtige Panter

Eines der grafisch schönsten Werke ist dabei "Panter" von Brecht Evens. Der Belgier verzichtet auf herkömmliche Panels. Nur lose stellt er die Bilder nebeneinander, meist vor weißem Hintergrund. Oft strukturiert er die Seiten dafür mit geometrischen Formen und Mustern, mit bunten Tapeten, gepunkteten Flächen oder ganzseitigen Collagen.

"Panter" ist bei Reprodukt erschienen, 120 Seiten im Großformat, 39 Euro.
"Panter" ist bei Reprodukt erschienen, 120 Seiten im Großformat, 39 Euro.

Diese anfangs fröhliche Farbigkeit kontrastiert die düstere Geschichte von "Panter": Im Mittelpunkt steht das Mädchen Christin, dessen Katze eingeschläfert werden muss. Sie verkriecht sich in ihrem Zimmer, wo plötzlich ein Panter aus der Kommode steigt. Er stellt sich als Octavianus Abracadolfus Pantherisu vor, Kronprinz von Panterland. Das Tier umschmeichelt Christin, unterhält sie mit fantastischen Geschichten. Und doch umgibt ihn eine dunkle Seite: Je länger der Panter Christin umgarnt, desto mehr mischt er sich in ihr Leben ein, entfremdet sie von der realen Welt, bis die Geschichte eine alptraumhafte Wendung nimmt.

Die Zwielichtigkeit des Tiers stellt Evens wunderbar durch dessen verschiedene Formen dar: Mal wirkt der Panter wie ein Kuscheltier, mal trägt er lustige Kostüme, dann aber wird er wieder zur Bestie oder trägt verzerrte Masken. Entsprechend ändern sich die Farben von warmen Orange und Gelb bis zu giftigem Grün. Abgehoben ist dieser künstlerische Ausdruck nie, er dient vielmehr der psychologisch komplexen Geschichte, die sich einer konkreten Deutung entzieht, aber vielleicht gerade deshalb ihre beklemmende Wirkung erzielt.

"Panter" bei Amazon bestellen. Leseprobe hier.

Der preußische Kadett

Das Tagesprogramm folgt einer strengen Ordnung: Nachmittags wird geschossen.
Das Tagesprogramm folgt einer strengen Ordnung: Nachmittags wird geschossen.(Foto: Simon Spruyt / Carlsen Verlag Hamburg)

"So ist es geschehen. Oder doch so ungefähr", steht auf dem Rücken von "Junker" von Simon Spruyt. Es ist die Geschichte eines Kadetten einer preußischen Militärakademie. Ludwig von Schlitt entstammt altem Adel. Der Vater hat sich verdient gemacht, deshalb bekommen die Jungen ihre militärische Ausbildung umsonst. Der sensible Ludwig hadert jedoch, anders als sein Bruder, mit der militärischen Strenge der Kadettenanstalt. Bis er sich als Meisterschütze erweist - und als begnadeter Waffeningenieur.

Spruyts Buch ist eine glänzende, kluge Skizze einer Gesellschaft, die auf einen Krieg zusteuert, der ihr Untergang sein wird. Der Autor verurteilt das nicht einmal. Vielmehr wirkt er als Beobachter, der die sozialen Zwänge entlarvt, denen die Figuren ausgesetzt sind. Wobei gerade die von einem kühlen Blau beherrschten Zeichnungen einen subtilen Humor entfalten. Abgesehen von den Hauptpersonen tragen etwa alle Figuren kleine Smileys als Gesichter. Ihre kantigen Formen nähern die Figuren Objekten an - Menschen verschwinden im Apparat, in der Masse.

"Junker" ist bei Carlsen erschienen, 192 Seiten, 24,99 Euro.
"Junker" ist bei Carlsen erschienen, 192 Seiten, 24,99 Euro.

Im Untertitel von "Junker" heißt es: "Ein preußischer Blues." Spruyts stellt eine Familie alten Landadels dar, wie es einige gab im alten Preußen. Eine Familie, die sich dem historischen Malstrom nicht entziehen kann, die dem neuen Bürgertum weichen muss, aber dennoch ihre (militärischen) Traditionen pflegt. Den einbeinigen Vater kleidet Spruyt denn auch oft in die Rüstung eines Ritters des Deutschen Ordens. Spruyt spielt mit historischen Symbolen, dekonstruiert preußische Mythen. Und wartet am Ende noch mit einem völlig unerwarteten, überraschenden Finale auf. "So ist es geschehen. Oder doch so ungefähr."

"Junker" bei Amazon bestellen.

Das verlorene Finale

Nach der WM: Jonas ist deprimiert.
Nach der WM: Jonas ist deprimiert.(Foto: Guido van Driel / Avant-Verlag 2016)

Der 8. Juli 1974 war ein Montag und ist vielen Niederländern in schlechter Erinnerung. Es war der Tag nach dem verlorenen Finale der Fußball-Weltmeisterschaft. Auch Jonas ist deprimiert, trotz Sommerferien. Erst Schulkamerad Daan reißt ihn aus der Lethargie. Die beiden ziehen ziellos durch die Gegend, albern herum und messen ihre pubertären Kräfte. Aber etwas stimmt nicht: Mitschülerin Helene ist seit Tagen verschwunden. Helene, in die Jonas heimlich verliebt ist.

In "Als wir gegen die Deutschen verloren haben" spielt Fußball eine untergeordnete Rolle, auch wenn die Niederlage gegen die "Scheißdeutschen" allgegenwärtig ist. Autor und Zeichner Guido van Driel stellt vielmehr die Freundschaft der beiden Protagonisten in den Mittelpunkt seines autobiografischen Comics. Nur langsam nähern sich die unterschiedlichen Charaktere an. Und nur langsam flechtet van Driel die Ereignisse um das schreckliche Schicksal von Helene in die Geschichte ein.

"Als wir gegen die Deutschen verloren haben" ist bei Avant erschienen, 96 Seiten, 19,95 Euro.
"Als wir gegen die Deutschen verloren haben" ist bei Avant erschienen, 96 Seiten, 19,95 Euro.

Durch genaue Beobachtungen und Details erhält diese ihre erzählerische Tiefe. Ihre Atmosphäre schöpft sie aber ganz aus den beeindruckenden Bildern, deren verblasste Farbigkeit ihnen nicht nur einen melancholischen Anstrich verleiht, sondern sie auch wie Gemälde aussehen lässt - was durch sichtbare Pinselstriche und variierende Panelanordnung verstärkt wird. Stellenweise erinnert van Driels Stil an Vertreter der Leipziger Schule mit ihren nüchternen, unterkühlten Bildern. Das passt perfekt zu dem Tag nach einem verlorenen WM-Finale. Und zum Verschwinden der ersten Liebe.

"Als wir gegen die Deutschen verloren haben" bei Amazon bestellen. Leseprobe hier.

Der verhinderte Held

"Dickie" ist bei Avant erschienen, 216 Seiten im Querformat, 29,95 Euro.
"Dickie" ist bei Avant erschienen, 216 Seiten im Querformat, 29,95 Euro.

Mal ist er Cowboy, mal afrikanischer Herrscher, mal amerikanischer Astronaut und immer wieder ein einfältiger Bauer: "Dickie" schlüpft in alle möglichen Rollen, zu allen möglichen Zeiten. Stets gleich bleiben seine Halbglatze, sein Schnurrbart - und sein Talent, in jedes Fettnäpfchen zu treten und für Katastrophen zu sorgen. Mal rettet "Dickie" einen Mann vor dem Selbstmord, nur um ihn dann im Rausch zu überfahren. Mal pinkelt er in der Arktis in den Schnee, woraufhin sich eine Scholle löst, wegen der die Titanic sinkt. Mal haut er erst amerikanische Ureinwohner mit billigem Schmuck übers Ohr, um dann selbst auf einem Eiland zu stranden (siehe Strip ganz oben). Das Schicksal meint es nicht gut mit "Dickie" - und der Leser hat seinen Spaß daran.

Der Comicstrip "Dickie" von Pieter De Poortere erinnert an "Vater und Sohn" von e.o.plauen. Er kommt nahezu ohne Worte aus und erzählt seine Geschichten in immer gleichen Panels. Zudem zielt auch De Poorteres Dramaturgie stets auf eine überraschende Pointe am Ende. Freilich ist der Humor von "Dickie" bei weitem derber - sarkastisch und tiefschwarz. Nicht selten bedient sich De Poortere auch bei Vorurteilen und Stereotypen, die Dickie am Ende selbst treffen - oft genug liegt der "Held" dann tot am Boden. Aber er steht immer wieder auf, um sich in das nächste abstruse Abenteuer zu stürzen. Ganz wie ein echter Comicheld eben.

"Dickie" bei Amazon bestellen. Leseprobe hier.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen