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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auf dem Cover des Satiremagazins "Girgir": Es erschien, nachdem Leibwächter Erdogans Demonstranten geschlagen hatten.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auf dem Cover des Satiremagazins "Girgir": Es erschien, nachdem Leibwächter Erdogans Demonstranten geschlagen hatten.(Foto: Girgir, 2016)
Mittwoch, 25. Mai 2016

Satire und mehr beim Comic-Salon: Erdogan trifft auf Superhelden

Von Markus Lippold

Satire hat in der Türkei eine sehr lange Tradition. Junge Künstler greifen diese auf und verpacken sie in Comics. Zu sehen ist dies in einer Ausstellung auf dem Comic-Salon in Erlangen. Es ist dort bei Weitem nicht das einzige brisante Thema.

Erdogan als Hitler, Erdogan als Napoleon, Erdogan als Rhinozeros: Mehr als eintausend Mal schaute der türkische Präsident in den vergangenen zehn Jahren von den Titelbildern türkischer Satire-Zeitschriften. Und die Zahl steigt weiter. Repressionen, Drohungen und Anfeindungen zum Trotz machen die Künstler das Staatsoberhaupt weiterhin zur meistgezeichneten Figur des Landes.

Eine jüngere Generation türkischer Comiczeichner verpackt ihre Satire in Comicgeschichten. Hier: "Sandık içi" von Ersin Karabulut, erschienen in der Zeitschrift "Uykusuz" (Schlaflos).
Eine jüngere Generation türkischer Comiczeichner verpackt ihre Satire in Comicgeschichten. Hier: "Sandık içi" von Ersin Karabulut, erschienen in der Zeitschrift "Uykusuz" (Schlaflos).(Foto: Ersin Karabulut)

"Die türkische Satire ist wirklich sehr aufmüpfig", sagt Sabine Küper-Büsch im Gespräch mit n-tv.de. Die Filmemacherin und Autorin lebt in Istanbul und hat sich intensiv mit den Zeitschriften dieser Kunstform beschäftigt. "Die werden zwar mit Prozessen überzogen, solidarisieren sich dann aber auch und trauen sich einiges", sagt sie - und spricht von einer Art Enklave in dem Land.

"Metaphorisch, verspielt, biografisch"

Einen Einblick in die Vielfalt türkischer Satire bietet nun auch der Internationale Comic-Salon in Erlangen, der ab Donnerstag für vier Tage seine Tore öffnet. Comics und Satire aus der Türkei sind einer der Schwerpunkte des größten Comicfestivals im deutschsprachigen Raum. Es gibt eine große Ausstellung zu dem Thema, zudem nehmen türkische Künstler an Gesprächsrunden über Pressefreiheit oder Sex und Religion in der türkischen Satire teil.

Internationaler Comic-Salon

Alle zwei Jahre findet das wichtigste Comicfestival im deutschsprachigen Raum in Erlangen statt. Die 17. Ausgabe läuft vom 26. bis 29. Mai. Der Salon besteht aus einer Verlagsmesse sowie einem umfangreichen Programm. Dazu gehören mehr als 50 Diskussionsrunden und Vorträge, fast 30 Ausstellungen, Workshops, Lesungen, Signierstunden, eine Filmreihe und mehrere Veranstaltungen am Familien-Sonntag. Mehr Infos gibt es hier.

Aktueller könnte das Thema angesichts des Satire-Streits um Jan Böhmermann nicht sein. Doch das sei Zufall, sagt Festivalleiter Bodo Birk. "Wir planen schon länger, die türkische Comicszene auf dem Festival vorzustellen", erklärt er n-tv.de. So seien in der Ausstellung auch weniger Erdogan-Karikaturen zu sehen, sondern vor allem Comics - die sich aber in die große satirische Tradition des Landes einreihen. Auf den ersten Blick seien das Alltagsgeschichten, Science-Fiction oder Fantasy, erklärt Birk. "Beim zweiten Lesen merkt man aber, dass viele davon symbolisch aufgeladen sind."

"In der Türkei ist die Grenze zwischen Comic und Cartoon sehr fließend", sagt auch Küper-Büsch. Wobei sie einen Wandel feststellt: Die ältere Generation habe vor allem Karikaturen mit politischen Inhalten gezeichnet, die Jüngeren wollten sich dagegen nicht von bestimmten Ideologien vereinnahmen lassen. "Die jüngere Zeichnergeneration ist sehr metaphorisch, sehr verspielt, sehr biografisch." Das bedeute aber nicht, dass sie unpolitisch sei, stellt Küper-Büsch klar. Das merkte man etwa nach den Anschlägen auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" im Januar 2015. Alle vier Satirezeitschriften, die nun im Zentrum der Erlanger Ausstellung stehen, erschienen damals mit einem "Je suis Charlie"-Cover.

"Der träumende Mann"

Realistische Zeichnungen und genaue Beobachtungen zeichnen das Werk von Jirō Taniguchi aus (Szene aus "Der spazierende Mann").
Realistische Zeichnungen und genaue Beobachtungen zeichnen das Werk von Jirō Taniguchi aus (Szene aus "Der spazierende Mann").(Foto: Jirō Taniguchi / Carlsen Verlag Hamburg)

Auch der islamistische Angriff auf die französische Satirezeitschrift spielt auf dem Comic-Salon eine Rolle. Natürlich gibt es Verbindungen zur Satire-Ausstellung. Liest man das Programm durch, stößt man aber auch auf die Podiumsdiskussionen "Was darf Satire?" und "Verschnupfte Gläubige - Oder ob man über Religion lachen darf" sowie auf eine Ausstellung über "Religion & Karikatur". "Charlie Hebdo"-Zeichner Luz, der das Attentat nur knapp überlebte, wird zudem für sein bedrückendes Buch "Katharsis" mit einem Sonderpreis geehrt.

Satire, Anschläge, auch Flucht und Asyl - das sind schwere Themen beim diesjährigen Salon. Dabei soll er laut Birk auch ein Fest sein. Er spricht von einer Gratwanderung: "Natürlich wollen wir auch die unterhaltsame Seite des Comics zeigen und ihn nicht nur als Transportmedium für die Vermittlung komplexer oder gesellschaftlich wichtiger Themen sehen." Die Organisatoren sind bemüht, alle Spielarten des Mediums gleichberechtigt zum Zug kommen zu lassen, vom Manga über Superhelden-Hefte und Kindercomics bis zu klassischen Alben und Graphic Novels.

Flandern und die Niederlande schicken einige ihrer bedeutendsten Comickünstler nach Erlangen: Szene aus "Als wir gegen die Deutschen verloren haben" von Guido van Driel über das WM-Finale 1974.
Flandern und die Niederlande schicken einige ihrer bedeutendsten Comickünstler nach Erlangen: Szene aus "Als wir gegen die Deutschen verloren haben" von Guido van Driel über das WM-Finale 1974.(Foto: Guido van Driel / Avant-Verlag 2016)

So teilt sich die Satire-Ausstellung den großen Saal des Kongresszentrums mit einer Schau des japanischen Manga-Künstlers Jirō Taniguchi. Etliche Originale sind dort unter dem Titel "Der träumende Mann" versammelt. Taniguchi, ein Meister seines Fachs, ist für seine kontemplativen Werke mit ihren genauen, mitunter poetischen Beobachtungen bekannt. Ebenfalls vor Ort stellt die in der Elfenbeinküste geborene Szenaristin Marguerite Abouet aus, informiert eine Schau über "Aspekte des indischen Comics".

Kindercomics und Lucky Lukes 70.

Die Buchmessen-Gastländer Flandern und Niederlande präsentieren sich in Erlangen mit einer "künstlerisch herausragenden Ausstellung", wie Birk sagt. Zeichner wie Joost Swarte, Brecht Evens, Olivier Schrauwen und Simon Spruyt reisen an und gestalten täglich ein kostenloses Comicmagazin. Begeistert spricht Birk auch über das viertägige Kinderprogramm im Erlanger Stadtzentrum unter dem Motto "Kinder lieben Comics", wo es eine Ausstellung gibt, offene Ateliers, Workshops und Lesungen. Außerdem wird der 70. Geburtstag von Lucky Luke mit einer umfangreichen Ausstellung gefeiert.

Das sind nur einige der Salon-Themen in diesem Jahr. Ein Höhepunkt der vier Tage wird aber auch die - wieder von Hella von Sinnen moderierte - Verleihung der Max-und-Moritz-Preise, der renommiertesten Comicpreise im deutschsprachigen Raum. Den Preis für ein herausragendes Lebenswerk erhält in diesem Jahr erstmals eine Frau, die Französin Claire Bretécher. Die Rolle von Frauen in der Comicszene sorgte im Januar beim Comicfestival von Angoulême, dem größten seiner Art in Europa, für einen handfesten Skandal. Dort war keine einzige Frau für den Hauptpreis nominiert - die Verleihung geriet nach lauten Protesten und einer peinlichen Reaktion der Festivalleitung zur Farce.

Ist die Ehrung von Bretécher in Erlangen eine Reaktion darauf? "Die Entscheidung ist in einer Jurysitzung vor wenigen Wochen gefallen", räumt Birk ein, und natürlich sei man "nicht ganz unbeeindruckt" von den Ereignissen in Angoulême gewesen. Aber Bretécher habe schon länger auf der Liste gestanden, fügt er an. In Serien wie "Die Frustrierten" und "Agrippina" setzt sich die Zeichnerin kritisch mit der links-bürgerlichen Mittelschicht und der Rolle der Frau auseinander. Bretécher habe den Comic mit ihren Alltagsgeschichten neuen Themen und weiblichen Leserschichten erschlossen, zu einer Zeit, als fast ausschließlich Männer Comics für Männer machten, begründet Birk die Jury-Entscheidung. Nach Erlangen wird die 76-Jährige aus gesundheitlichen Gründen allerdings nicht kommen.

Quelle: n-tv.de

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