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Am 10. November 1989 entstand dieses Bild von Demonstranten auf der Berliner Mauer.
Am 10. November 1989 entstand dieses Bild von Demonstranten auf der Berliner Mauer.(Foto: dpa)

Am Tag, als die Mauer fiel: Merkel schwitzt, andere feiern

Den Fall der Mauer hat jeder anders erlebt. Und jeder erinnert sich auf spezielle Weise an die Zeit vor 25 Jahren. Mehrere Bücher sammeln Erinnerungen, zeigen neue Perspektiven auf: die eines US-Reporters, die eines Fotografen und die zweier Kinder in Ost und West.

Wer war wo, als die Mauer fiel?

Der 9. November 1989 ist einer jener Tage, an dessen Umstände sich sehr viele Menschen erinnern. Wo war man, was hat man getan, als die Mauer fiel? Hat man Schabowskis Pressekonferenz im Fernsehen gesehen? War man dabei an den Grenzübergängen in Berlin? Saß man in der Sauna wie Angela Merkel? Oder war es die erste Nachricht, die man am nächsten Tag im Radio gehört hat? "Goodbye, DDR" (Aufbau) versammelt 29 kurze Beiträge von prominenten Zeitgenossen, die sich an die Zeit des Mauerfalls erinnern. Merkel allerdings ist nicht dabei.

"Goodbye, DDR", erschienen bei Aufbau, 272 Seiten, broschiert, 14,95 Euro.
"Goodbye, DDR", erschienen bei Aufbau, 272 Seiten, broschiert, 14,95 Euro.

Dafür schreibt Vera Lengsfeld über ihre Ausweisung aus der DDR und ihre zufällige Rückkehr am Morgen des 9. November. Alexander Osang berichtet vom Umzug an jenem Tag und wie er am Abend trotz Mauerfalls ins Bett ging, aus purer Müdigkeit. Auf wenigen Seiten schafft er es, die Lebensrealität vieler DDR-Bürger und den welthistorischen Moment miteinander zu verbinden. Die Schauspielerin Anja Kling wiederum war kurz vor dem Mauerfall in die Tschechoslowakei gereist, um von dort in den Westen zu gelangen. Als sich die Grenzen öffneten, hing sie ausgerechnet in einem Auffanglager in Bayern fest. Margot Käßmann dagegen schreibt aus westdeutscher Perspektive über die Beziehungen der Kirchen beider Staaten zueinander und wie sie die sich verändernde Stimmung in der DDR wahrnahm.

Die teils sehr persönlichen Berichte machen das Buch lesenswert, weil sie die Vielfalt der Perspektiven verdeutlichen. Mal ist es das kleine Glück, das sich die Autoren vor und nach dem Mauerfall erhoffen, mal ist es eine neue Staatsform. Mal steht der Mauerfall am Ende eines jahrelangen Kampfes wie bei Rainer Eppelmann, der in jener Nacht an der Bornholmer Straße am Schlagbaum stand. Mal muss noch die Arie zu Ende gesungen werden wie bei Jochen Kowalski. Mal eröffnen sich ganz neue Perspektiven - auch wirtschaftliche wie bei Dirk Rossmann, der nach dem Mauerfall spontan seine Drogerieartikel im Osten verkaufte. Und mal mischt sich Skepsis in die Euphorie wie bei Uwe Steimle. "Goodbye, DDR" bietet viele Blicke auf den Mauerfall. Nur die Tatsache, dass von den 29 Beiträgen nur 8 von Frauen stammen, ist ein Versäumnis. (mli)

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Zahnschmerzen in der DDR

Auch die Massendemonstration am 4. November erlebt Sandman - bei den Eltern von Ingrid.
Auch die Massendemonstration am 4. November erlebt Sandman - bei den Eltern von Ingrid.(Foto: Kitty Kahane / Metrolit)

Tom Sandman ist ein US-Reporter bei der "New York Times". Er kommt gerade aus China, wo er vom Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens berichtet hat, da schickt ihn sein Chef gleich wieder los: in die DDR. Sandman soll von den Unruhen berichten, von den Protesten und Flüchtlingen. So macht er sich auf den Weg, trotz seiner Zahnschmerzen. Aber die sind für ihn ja ein Omen, dass bald große Veränderungen bevorstehen. So lernt er nicht nur ein Land kurz vor dem Zerfall kennen, sondern in Westberlin auch Ingrid, die einst aus der DDR fliehen wollte, dann aber im Frauengefängnis Hoheneck landete. Doch das ist nicht das einzige Geheimnis ihrer Familie. "Treibsand" heißt der Comic von Max Mönch und Alexander Lahl (Text) sowie Kitty Kahane (Zeichnungen), der der fiktiven Figur Sandman durch West-Berlin und in die DDR folgt.

"Treibsand" ist erschienen bei Walde + Graf bei Metrolit, 180 Seiten broschiert, 20 Euro.
"Treibsand" ist erschienen bei Walde + Graf bei Metrolit, 180 Seiten broschiert, 20 Euro.

Sandmans Blick von außen, seine Erkundung eines ihm unbekannten Landes, erlauben der Handlung viele Freiheiten. So wird nicht nur die Atmosphäre des Herbstes '89 geschildert, sondern werden im Rückblick auch Entwicklungen aufgezeigt, die zur friedlichen Revolution führten, wie die Besetzung der Botschaft in Prag. Die Recherchen des Journalisten beleuchten zudem Hintergründe wie die Herkunft des Zettels, der zum Mauerfall führte, die ZK-Sitzung vom 9. November oder den Versuch der SED-Führung, mit militärischen Mitteln die Kontrolle zurück zu erlangen. Diese Aspekte sind wenig bekannt, sie bereichern die Bilder vom Mauerfall, die viele im Kopf haben. Hinzu kommen die persönlichen Erlebnisse von Sandman, dessen bizarren Träume sowie die tragische Familiengeschichte von Ingrid. Mit gelungenen gestalterischen Mitteln wie Notizzetteln oder Collagen mischt der Comic die verschiedenen Ebenen zu einer dichten Geschichte, die auf historischer wie auf persönlicher Ebene sehr überzeugend ist. (mli)

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Hauptstadt-Porträt als Geschichtsdokument

"Berlin Berlin" ist bei Edition Panorama erschienen, hat 360 Seiten und kostet 29,80 Euro.
"Berlin Berlin" ist bei Edition Panorama erschienen, hat 360 Seiten und kostet 29,80 Euro.(Foto: Thorsten Klapsch/Edition Panorama)

Keine Stadt wurde durch Mauerbau und Mauerfall so tief geprägt wie Berlin - schließlich ging das vom DDR-Regime "Antifaschistischer Schutzwall" genannte Grenz-Bauwerk mitten durch sie hindurch. Thorsten Klapsch, 1966 in Darmstadt geboren und also zum Blick von außen befähigt, hat von 1989 bis heute spannende und interessante Orte in ganz Berlin, Ost und West, fotografiert und ihre Veränderungen dokumentiert. Viele der Bauten gibt es heute nicht mehr, seine Fotos in "Berlin Berlin" sind daher auch Geschichtsdokumente.

In einem eigenen Bildband bei Edition Panorama erschienen bereits 2010 seine Aufnahmen aus dem inzwischen abgerissenen "Palast der Republik" aus dem Jahr 1993, drei Jahre nach dessen Schließung. Ein Auszug daraus ist auch in "Berlin Berlin" zu sehen, neben Fotos des Tränenpalastes, der Kinos International, Kosmos und Zoopalast, der Flughäfen Tegel und BER, der Abhöranlage auf dem Teufelsberg, dem Büro von Stasichef Erich Mielke, der Gedenkstätte Berliner Mauer und vielem mehr. Die meisten Aufnahmen zeigen moderne sozialistische und westliche Architektur, aber auch einen historischen Bau wie das Neue Museum von 1830 auf der Museumsinsel. Diese Bilder entstanden 1992, lange vor der Wiederöffnung nach der Sanierung 2009.

Was auffällt und auch verwundert bei einer quirligen Millionenstadt wie Berlin: die Orte sind fast alle menschenleer, sogar der eigentlich immer belebte Flughafen Tegel. Die Bilder wirken dadurch ziemlich kalt, zum Teil gar gespenstisch. Wie eine sachliche Bestandsaufnahme für einen Katalog. Dadurch lenkt allerdings nicht von den Bauten ab, die Architektur und ihr Umfeld spielen die Hauptrollen. Zu den 340 Farbfotos gibt es einen sehr informativen, angenehm kurz gehaltenen Begleittext von Andreas Schenk in Deutsch und Englisch. "Berlin Berlin" ist sicher kein prachtvolles Coffee Table Book, aber ein ungewöhnliches Zeugnis der Entwicklung Berlins in den letzten 25 Jahren. (abe)

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Drüben ist immer woanders

Das Wendebuch, in dem beide Autor auf die Mauer zu schreiben, ist bei Rowohlt erschienen und kostet 19,95 Euro.
Das Wendebuch, in dem beide Autor auf die Mauer zu schreiben, ist bei Rowohlt erschienen und kostet 19,95 Euro.

Zwei Kindheiten - eine in der Nähe von Bonn, eine am Rande Ost-Berlins. Deutschland ist ein geteiltes Land, doch das stört das kindliche Leben hüben und drüben nicht. Wo hüben und wo drüben ist, das hängt davon ab, ob man mit David Wagner am Rhein unterwegs ist oder mit Jochen Schmidt an der Spree. Die beiden fast gleichaltrigen Autoren spüren dem gleiche Gerüst folgend ihren jeweiligen Kindheiten nach, stellvertretend für West- und Ostdeutschland.

Der Geruch der Kinderzimmer, Wanderungen durch die Wohnung, die Tage in der Schule, die begehrten Süßigkeiten, Radfahren mit Freunden - oft ist Kindheit einfach Kindheit. Doch für Schmidt, der in einer christlich geprägten Familie in der atheistisch geprägten DDR, auch schon wieder in einer Parallelwelt lebt, leuchtet der Westen schon. Wagner hingegen hört nur selten von der "fernen sogenannten DDR".

Das gutbürgerliche Leben in Andernach und das im Neubaublock in Berlin-Buch sind nicht so verschieden und dann doch wieder sehr. Das wird besonders greifbar am Tag des Mauerfalls. Wagner, das Westkind, will in die Disco, es ist "Independent-Tag". Da geht was mit den Mädchen, und plötzlich kracht die Weltgeschichte in sein Leben. Am nächsten Tag ist Lateinarbeit. Schmidt, das Ostkind, hat Geburtstag, ist aber gerade NVA-Soldat und hat ausgerechnet in dieser Nacht Brandschutz- und am nächsten Morgen auch noch Küchendienst. Er muss seine Schokolade mit den höheren Diensthalbjahren teilen und bekommt viel zu wenig Schlaf. Und dann ist die Mauer auf und Schmidt und Wagner sind Kinder des gleichen Landes. (sba)

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Buddeln für die Freiheit

Der Bau des Tunnels erfordert eine genaue Planung.
Der Bau des Tunnels erfordert eine genaue Planung.(Foto: Avant-Verlag 2014)

Keine Geschichte vom Mauerfall, sondern aus der Zeit kurz nach dem Bau der Mauer erzählt "Fluchttunnel nach West-Berlin" von Olivier Jouvray (Text und Zeichnungen) und Nicolas Brachet (Zeichnungen). Der Untertitel des französischen Originals lautet "Tunnel 57" und verrät bereits, worum es geht: um den Bau jenes realen Fluchtweges, durch den 1964 genau 57 Menschen in die Freiheit fliehen konnten. Mehrere Studenten aus West-Berlin hatten den Tunnel an der Bernauer Straße geplant und gegraben. Der Comic nimmt diese historischen Umstände auf, verfremdet aber Personen und Details: Im Mittelpunkt stehen Mathias und Tobias, dessen Schwester im Osten den Ausschlag für die Aktion gibt.

"Fluchttunnel nah West-Berlin", Avant-Verlag, 56 Seiten im Hardcover, 19,95 Euro.
"Fluchttunnel nah West-Berlin", Avant-Verlag, 56 Seiten im Hardcover, 19,95 Euro.

Die düsteren Braun- und Grautönen des Comics geben die bedrückte Stimmung wieder: die Angst der Fluchthelfer vor der Enttarnung und den tristen Alltag in der DDR. Jedoch spielt Letzterer eine untergeordnete Rolle. Der Fokus liegt auf den Tunnelbauern, die politischen Umstände im Osten werden lediglich angerissen. Dadurch verliert der Comic an Brisanz. Etwa weil verschwiegen wird, dass nach der Entdeckung des Tunnels ein DDR-Grenzer durch die Salve eines anderen Soldaten erschossen wurde, was in der DDR propagandistisch ausgenutzt wurde. Auch die Finanzierung des realen Vorbilds von staatlicher Seite wird nicht thematisiert. "Fluchttunnel nach West-Berlin" ist eine routiniert gezeichnete, atmosphärische Geschichte, die durch den Mauerbau verursachte familiäre Tragödien aufgreift. Jedoch kratzen die Künstler nur an der Oberfläche und vereinfachen die realen Begebenheiten zu sehr, als dass sie ihnen gerecht werden könnten. (mli)

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Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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