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"Allein unter Deutschen": Eine Botschaft an das Volk.
"Allein unter Deutschen": Eine Botschaft an das Volk.(Foto: dpa)

"Allein unter Deutschen": Oh Tenenbom!

Von Samira Lazarovic

Was bedeutet, es ein Deutscher zu sein? Dieser Frage geht der New Yorker Theatermacher Tuvia Tenenbom nach. Er trifft Helmut Schmidt und den Besitzer des Club 88 - und alle dazwischen auch. Sein Buch beginnt voller Humor, endet in einem bitteren Fazit und auf einmal heißt die Frage: Was bedeutet es, antisemitisch zu sein?

"Siri, Hello Baby, hörst du mich? Siri?" Tuvia Tenenbom unterhält sich begeistert mit dem iPhone, das vor ihm liegt und das Gespräch mit ihm aufzeichnen soll. Doch da ist keine Siri. Das Modell ist zu alt. Macht aber auch nichts. Tenenbom macht es sich auf dem Sofa neben seiner Frau bequem und beide beobachten lächelnd das vorweihnachtliche Treiben in der Lobby des Berliner Hotels Adlon. Gedämpftes Licht, Klavierspiel, Kinder singen "Oh Tannenbaum". Oder doch eher "Oh Tenenbom?", fragt Isi Tenenbom zwinkernd. Das Paar ist nach Berlin gekommen, um das neue Buch des New Yorker Autors, Regisseurs und Theaterleiters vorzustellen: "Allein unter Deutschen" erscheint in dieser Woche bei Suhrkamp. Das Buch hat einen langen Weg genommen.

Tuvia Tenenbom mit Tannenbaum.
Tuvia Tenenbom mit Tannenbaum.(Foto: Samira Lazarovic / n-tv.de)

Den Sommer 2010 will Tenenbom eigentlich in Gaza verbringen, mal wieder mit der Hamas plaudern, als ihn eine junge Dame aus einem deutschen Verlag anruft, und ihn fragt, ob er nicht Lust hätte, ein paar Monate durchs Land zu reisen und anschließend einen Erfahrungsbericht zu schreiben. Der Journalist, der auch als Kolumnist für die "Zeit" arbeitet, sagt zu. Der in Tel Aviv geborene Sohn eines Rabbiners mag Deutschland und gibt sich selbst oft als Deutscher aus - besonders gerne, wenn er durch arabische Länder reist. Er träumt sogar davon, ein kleines Haus in Berlin zu kaufen. Es ist der Sommer der Fußball-WM in Südafrika, der Sommer, in dem die "Gaza-Flotille" die Schlagzeilen beherrschen wird. Doch all das weiß Tenenbom noch nicht, als er optimistisch loszieht. Er ärgert sich nur über die Aschewolke, die ihm den Weg nach Deutschland versperrt - ausgerechnet!

Doch schließlich erreicht der 55-Jährige sein Ziel und beginnt sofort, seine Erlebnisse auf seinem brandneuen iPad festzuhalten. Und verzückt damit alle, die ihn dabei beobachten, denn im Sommer 2010 kommt Apple auf dem deutschen Markt nicht ganz mit der Nachfrage hinterher. Ja, die technik-begeisterten Deutschen gefallen ihm, die schönen Hotels, die leckeren Schnitzel, Tenenbom fühlt sich heimisch. Wie beim Gespräch mit Altkanzler Helmut Schmidt, der nicht nur wegen seines jüdischen Großvaters, sondern auch wegen seiner Art zu debattieren von Tenenbom gleich den Ehrentitel "Rabbi" erhält. Oder beim Treffen mit "Halb und Halb", dem Deutsch-Italiener und "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, dessen Fröhlichkeit er später noch vermissen wird. Selbst die Begegnung mit dem Besitzer des Club 88, Frank, der ihn - ganz wie es dem Clubnamen geziemt - mit "Heil Hitler" begrüßt und "Tobias mit den arischen Wurzeln" (so Tenenboms Inkognito an diesem Tag) zum Abschied ein hübsches Liedchen vorsingt, in dem es um Krematorien und Juden geht, bringt den Autor nicht aus der Ruhe.

Stolpersteine - nicht aus Messing

Public Viewing im Sommer 2010: So viel Emotionen und Bier.
Public Viewing im Sommer 2010: So viel Emotionen und Bier.(Foto: picture alliance / dpa)

Tolle Autos in Wolfsburg sowie Katholiken und Protestanten, die gemeinsam den Leib Jesu verspeisen, runden das Bild vorerst ab. Erholung davon gibt es beim "Public Viewing", wo das Bier in Strömen fließt. Nur beim Fußball wird "Deutschland, Deutschland" aus voller Seele gebrüllt und die Fahne geschwenkt. Ansonsten kann Tenenbom niemanden finden, der stolz ist, ein Deutscher zu sein. Auch die in Deutschland lebenden Juden bleiben rätselhaft: Ihre schönen, großen vom Staat mitfinanzierten Synagogen sind leer - bis auf ein paar alte Russen, einige Konvertiten und neugierige Touristen. Wozu das Ganze? Diese Fragen bleiben nicht die einzigen Stolpersteine auf Tenenboms Weg durch die Republik.

Denn mitten in diesen deutschen Sommer platzt die Nachricht von der Gaza-Flotille und Tenenbom der Kragen: Wie kommt es, dass weder auf der Straße noch in den Medien auch nur in Erwägung gezogen wird, sich die israelische Version der Ereignisse auf hoher See auch anzuhören? Warum erhält dieser Konflikt hier überhaupt so viel Aufmerksamkeit? Warum werden muslimische Imane unterstützt, die aus ihrem Judenhass keinen Hehl machen? Der Sohn zweier Holocaust-Überlebender fühlt sich getrieben. Kein Tag vergeht, ohne dass er auf die Themen Holocaust, Israel und Palästina oder die Juden und die Finanzwelt, oder gleich eine Mischung aus alldem stößt. Und so bleibt am Ende ein bitteres Fazit: "Deutschland. Immer noch antisemitisch." Tenenbom fühlt sich zum ersten Mal wie ein "Jude". Und hasst seine Entdeckungen, sein Fazit und seine Gefühle dazu. Er wird kein Haus in Berlin kaufen.

Wie denkt eine Nation?

Er sei nicht nach Deutschland gekommen, um über Juden zu schreiben, versichert Tenenbom im Gespräch. "Ich war schon oft in Deutschland und habe etwa bei meiner Theaterarbeit nur Menschen getroffen, die ganz sicher keine Rassisten und keine Antisemiten sind. Ich dachte, das wäre das normale Deutschland." Er habe daher für die Juden in Deutschland höchstens drei Seiten eingeplant. Auch die junge Verlagsdame habe nichts dergleichen im Sinn gehabt, sie habe nur an seine Kolumnen bei der "Zeit" gedacht.

Doch dann sei er sechs Monate lang durch Deutschland gereist. Zunächst sei es ihm gelungen, jede Menge antisemitisches Zeug zu ignorieren, vor allem bei den extremen Linken. Doch dann habe es ihn irgendwann eingeholt: "Das hier ist ein Land, das sich selbst den Mord an den Juden nicht vergeben und gleichzeitig die lebenden Juden nicht ausstehen kann." Er habe eine wahre Obsession bei diesem Thema beobachtet: "Junge Leute, vielleicht 17, 18 Jahre alt, können wegen des Nahostkonflikts nicht schlafen. Aber sie können trotz aller anderen Konflikte in der Welt, wie etwa in Tschetschenien, schlafen. Entschuldigung, aber wacht auf!".

Wissenschaftliche Untersuchungen, wie der jüngste Antisemitismusbericht des Deutschen Bundestages, wonach etwa 20 Prozent der deutschen Bevölkerung "latent antisemitische Einstellungen" hätten, zeigen für Tenenbom nicht das ganze Bild: "Das sind die Ergebnisse einer offiziellen Befragung bei einem sensiblen Thema. Doch das Bild ändert sich, wenn du mit den Menschen bei einem Bier zusammensitzt. Dann weißt du, wie eine Nation denkt." Wie etwa die weit verbreiteten kruden Gedanken über die "jüdische" Presse oder die "jüdischen" Banken in den USA, die weltweit Druck auf die Politik ausübten. Die meisten Deutschen seien unbewusst antisemitisch, glaubt der Autor. Und das sei nicht nur ein deutsches Problem, sondern ein europäisches, ein christliches. "Doch in Deutschland kommt die hässliche Geschichte dazu. Du fühlst dich verpflichtet, philosemitisch zu sein, und das schlägt dann ins Gegenteil um. Das ist menschlich. Aber es gibt eine Lösung: Komm darüber hinweg. Das ist meine Botschaft. Ich liebe Deutschland, und deshalb sage ich es."

Florett und Holzhammer

Dass diese Botschaft auch so gehört und verstanden wird, dürfte nicht einfach werden. Denn das Buch weckt Emotionen. Im Stil des vermeintlich naiven Beobachters, wie man es von Komikern wie Borat oder Filmemachern wie Michael Moore kennt, kitzelt Tenenbom verheerende Aussagen aus seinen Gesprächspartnern heraus. Das ist oft absurd komisch, wie das Treffen mit der Klezmer-Band, die ohne jüdische Mitglieder jüdische Musik macht, aber immerhin eine Geigerin hat, die überzeugt ist, in ihrem letzten Leben Jüdin gewesen zu sein. Noch öfter ist es aber erschreckend, wenn etwa jemand versucht, Tenenbom davon zu überzeugen, dass im Zweiten Weltkrieg niemals sechs Millionen Juden getötet worden seien, weil es ganze 72 Minuten dauere, einen Menschen zu vergasen und verbrennen - so viel Zeit hätten die Nazis nicht gehabt.

Tenenbom ficht in seinem Buch oft mit dem satirischen Florett, holt aber gelegentlich auch den Holzhammer heraus, wenn er es für nötig hält. Aussagen wie "Mit zwei Fingern machen sie das Friedenszeichen, ihre Herzen aber singen 'Sieg Heil'" werden keinen Leser kalt lassen. Tenenboms Buch fordert eine Reaktion heraus: Widerspruch, Empörung oder Zustimmung - auf jeden Fall eine Haltung. Mit der stetig bemühten Toleranz der meisten Deutschen kann er nichts anfangen, er lässt sich lieber von Muslimen in Duisburg-Marxloh offen den Israelhass ins Gesicht schleudern und hält saftig dagegen. Bis beide sich umarmen.

Ruhe nach dem Sturm

Für Diskussionen hat das Buch schon im Vorfeld gesorgt. Ursprünglich sollte es im April 2011 unter dem Titel "Ich bin Deutschland" im Rowohlt Verlag erscheinen. Wegen eines Streits lösten jedoch Autor und Verlag den Vertrag. Nach Darstellung von Rowohlt ging es ausschließlich um juristische Bedenken, da nicht alle von Tenenbom interviewten Personen über das Buch informiert wurden und mit Klagen zu rechnen sei. Laut Tenenbom übte der Verlag Zensur und wollte die schlimmsten Beispiele für Antisemitismus aus dem Buch kürzen - etwa das Kapitel über den Neonazi-Treffpunkt Club 88.

Tenenbom stieg schließlich aus dem Vertrag aus und veröffentlichte den Text in den USA als E-Book bei Amazon. Damit sei das Thema für ihn erledigt gewesen. Bis Suhrkamp auf ihn zugekommen sei. Anders als andere Verlage habe Suhrkamp nicht verlangt, das Buch zu "zähmen". Lediglich einige Gespräche wurden aufgrund des Einspruchs der Interviewten nicht in der deutschen Fassung übernommen. Tenenbom wirkt ein wenig müde, als er das erzählt. Müde auch von Vorfällen, wie dem mit dem Journalisten, der ihn gleich zweimal interviewte, ohne das Buch überhaupt gelesen zu haben und das ihm gegenüber auch noch offen zugab.

Nach dem Verlagsstreit blieb es - bis auf eine Artikelflut im "Spiegel" und mehreren Buchrezensionen und Interviews - relativ ruhig bis zur Buchpräsentation durch Suhrkamp. "Geplant war eine große Feier, deshalb sollten wir ja herkommen, doch die wurde abgesagt." Warum, das wissen die Tenenboms nicht. Man stehe zum Buch, man habe es ja veröffentlicht, habe der Verlag ihnen mitgeteilt. Merkwürdig sei das. Vielleicht habe das ja auch gar nichts mit dem Buch zu tun, sondern mit internen Streitigkeiten? Der Finanzkrise? Ein wenig verloren sehen die Tenenboms in diesem Moment aus, wie sie sich ratlos auf dem Sofa anlächeln, umspült von Weihnachtsmusik. In diesem Moment ist das Paar wirklich allein unter Deutschen.

Auch das Buch strahlt trotz der harten Urteile eine große Verletzlichkeit aus. Wie müssen all die Bemerkungen über Gas und Konzentrationslager, all die Vergleiche zwischen Israel und dem Nazi-Regime auf jemanden wirken, dessen Mutter in einem KZ war? Warum also das Ganze? Warum nicht die Deutschen Deutsche sein lassen und ein friedliches Leben in New York führen? "Weil das das journalistische Handwerk ist. Das ist die Berufung, die Neugier. Ich komme aus einer Familie von Rabbinern, aus einer Kultur des Nachfragens und der Neugier. Im Judaismus waschen wir unsere Wäsche öffentlich. Das ist authentisch!", sagt Tenenbom, plötzlich wieder lebhaft und bereit zum Kampf: "Lass uns offen über Antisemitismus reden, denn nur so kann diese Wunde heilen. Hört auf, die toten Juden zu glorifizieren, weil das auf Kosten der lebenden Juden geht. Ihr könnt mich hysterisch nennen, einen Schmock. Aber hört auf mich 'der Jude Tenenbom' zu nennen, mich jüdisch-hysterisch zu nennen. Ich nenne Euch auch nicht Christ mit Vornamen. Seid hart, ich werde auch hart sein."

"Allein unter Deutschen" enthält viele entlarvende Aussagen von Menschen, die hier in Deutschland leben, an denen man nicht vorbei kommt, auch wenn man daraus nicht dieselben verallgemeinernden Schlussfolgerungen ziehen möchte wie Tenenbom. Es wird Widerspruch kommen, und es könnte wieder die Rede sein von der Moral-Keule. In Deutschland lebende Juden könnten sich in ihren schlimmsten Ängsten bestätigt sehen. Im besten Fall wird es jedoch zum Nachdenken anregen, warum Tuvia Tenenbom, Theaterleiter, Autor und Journalist, technikverrückt wie ein Deutscher und mit einer Vorliebe für Schnitzel, Wurst und andere unkoschere Leckereien, kein Haus in Berlin mehr haben will.

"Allein unter Deutschen" bei Amazon.

Quelle: n-tv.de

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