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Und niemals vergessen: EISERN UNION!
Und niemals vergessen: EISERN UNION!(Foto: picture-alliance/ dpa)

Legende, Mythos, Herzensangelegenheit: Und niemals vergessen: "Eisern Union!"

von Thomas Badtke

In Deutschland gibt es Tausende Fußballvereine. Aber nur die wenigsten sind etwas Besonderes. Sie brauchen die Herzen der Fußballfans nicht zu erobern, denn sie besitzen praktisch ein Erbrecht auf Sympathie. Der 1. FC Union Berlin ist solch ein Club, ein Verein der Herzen, ein Underdog, wie er im Buche steht.

Es ist der 5. Februar 2011. Im Berliner Olympiastadion tummeln sich rund 75.000 Fußballfans. Die Riesenschüssel ist ausverkauft. Nicht das einzige Mal in dieser Saison, aber bei keinem anderem Spiel ist die Stimmung besser: Die Ränge erstrahlen in blau-weiß und leuchtendem rot-weiß. Die Luft ist energiegeladen, die Spannung greifbar. Sie materialisiert sich in den Gesängen der Fans, in ihren Choreografien, in ihren "EISERN UNION"-Rufen. Es ist Derby-Zeit: Hertha BSC empfängt den 1. FC Union Berlin. Der Erstligaabsteiger und selbsternannte "FC Bayern der 2. Liga" spielt im heimischen Olympiastadion, einem Oval mit Leichtathletikbahn, gegen den Underdog aus Köpenick. Es ist das klassische Duell David gegen Goliath. Goliath geht in Führung, aber der nimmer müde werdende David kämpft sich zurück und den Gegner nieder - und am Ende gewinnt der Underdog, der Kleine, der ewig zweite Berliner Club: der 1. FC Union Berlin.

Ein Sieg im Derby zählt mehr als der Aufstieg.
Ein Sieg im Derby zählt mehr als der Aufstieg.(Foto: union-foto.de - Hupe)

So sehen Fußballmärchen aus - und ab und zu werden sie wahr. Beim 1. FC Union Berlin geschieht das in den vergangenen Jahren immer häufiger. Das Glück haben sich die Eisernen aber hart erarbeitet und blicken auf eine bewegende Vereinsgeschichte zurück: Mit An- und Ausgliederungen, Umbenennungen, Fast-Insolvenzen, Benachteiligungen, Teilungen und gescheiterten Wiedervereinigungen. Alles zu finden in der beim Verlag Basisdruck erschienenen Vereinsbibel "Eisern Union!".

Von schwarz-gelb zu blau-weiß

Die Wurzeln des Klubs reichen bis ins Jahr 1906 zurück, als ein paar Berliner den FC Olympia Oberschöneweide aus der Taufe heben. 1907 schließt er sich dem weitaus größeren BTuFC Union 1892 an. Die Trikotfarben wechseln von schwarz-gelb zu blau-weiß - und bleiben es auch, als der Verein sich wenige, aber umso erfolgreichere Jahre später wieder von den "Olympiern" trennt.

Aus Dankbarkeit heißt der Verein nun SC Union Oberschöneweide und nimmt ab 1909 am Berliner Spielbetrieb teil. 1919/1920 erreicht Union erstmals das Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft - und unterliegt Breslau. 1922/1923 gelingt das Kunststück, bis ins Finale vorzudringen. Dort stoppt der Hamburger SV den Siegeszug der Kiez-Kicker.

Die "Schlosserjungs aus Oberschöneweide"

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.(Foto: union-foto.de - Hupe)

An diesen Erfolg können die Unioner danach lange nicht mehr anknüpfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg teilt sich der Verein in eine "Ost"- und "West"-Abteilung. Aus dem SC Union Oberschöneweide wird erst Motor Oberschöneweide, dann SC Motor Berlin, TSG Oberschöneweide, TSC Oberschöneweide und schließlich am 20. Januar 1966 der 1. FC Union Berlin. Die blau-weißen Trikots ändern ihre Farben zu rot-weiß, der Club bleibt seinem Arbeiterimage aber treu: Die "Schlosserjungs aus Oberschöneweide" in Anlehnung an die blau-weißen Trikots, die lange Zeit an Blaumänner erinnerten.

Seiner Verankerung in der Arbeiterklasse verdankt es Union überhaupt erst, dass es den Club in der DDR gibt. Damals haben die Sportfunktionäre die Idee, die Kräfte auf wenigen Vereinen zu bündeln. Maximal zehn sollen es über die ganze Republik verteilt sein und mit Dynamo Berlin (Staatssicherheit) und Vorwärts Berlin (Armee)  gibt es bereits zwei zu "fördernde" Vereine in der Hauptstadt. Da aber auch die in der DDR so viel besungene und hochgehaltene Arbeiterklasse "ihren" Verein haben soll, darf auch Union ganz oben mitkicken.

Ein Erfolg für den Fahrstuhlverein

Leider schaffen sie das nicht sehr oft. Der 1. FC Union Berlin ist gewissermaßen  der "VfL Bochum des Ostens", die geborene Fahrstuhlmannschaft. Es geht ständig entweder rauf in die DDR-Oberliga oder runter in die zweithöchste Spielklasse, die DDR-Liga. Da ist aber auch immer Endstation, tiefer fährt der Fahrstuhl mit Union nicht in der DDR. Das Union-Dilemma teilt damals manch anderer Verein: Sachsenring Zwickau, Fortschritt Bischofswerda oder auch Rot-Weiß Erfurt. Schuld daran sind oft die Delegierungen der besten Spieler zu "geförderten" Clubs wie Dynamo Berlin, Dynamo Dresden, Lok Leipzig oder Carl Zeiss Jena.

Ein deutscher Fußballtempel: die Alte Försterei - gebaut von und für Fans.
Ein deutscher Fußballtempel: die Alte Försterei - gebaut von und für Fans.(Foto: picture-alliance/ dpa)

1968 springt für Union genau gegen Jena der größte Erfolg der Vereinsgeschichte heraus: der Sieg im FDGB-Pokal. Erst 1986 erreicht Union wieder das Finale, unterliegt aber klar Lok Leipzig. Das Tragische für Union: Obwohl die Eisernen mit dem Pokalsieg im Europacup der Pokalsieger starten dürfen, kommt es nicht dazu. Der Prager Frühling funkt dazwischen. Nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag boykottiert der Westen unter anderem auch Fußballspiele gegen Vereine aus dem Ostblock.

Erst nach dem Einzug ins DFB-Pokalfinale 2001 und der Niederlage gegen den bereits für das internationale Geschäft qualifizierten FC Schalke 04 gehen für Union die europäischen Fußballträume in Erfüllung. Die erste Runde gegen die Finnen von Haka Valkeakoski ist kein Problem, in Runde zwei gegen den bulgarischen Pokalsieger Litex Lowetsch ist dann aber Schluss. Dennoch kein schlechtes Resultat, denn Union ist zu dieser Zeit immerhin Zweitligist.

Unaufsteigbarkeit besiegt

Endlich muss man sagen. Bereits 1993 und 1994 hat Union den Aufstieg in die zweithöchste deutsche Spielklasse geschafft, sportlich gesehen. Finanziell reicht es nicht, so die Meinung des DFB. Im Klartext: keine Lizenz für die 2. Bundesliga. Tennis-Borussia Berlin und Energie Cottbus sind die Nutznießer. Mit TeBe, damals unter der Ägide des Schlagerkomponisten Jack White, hat so mancher Union-Fan deshalb noch heute ein gestörtes Verhältnis.

Im Vergleich mit dem Verhältnis zum BFC Dynamo geht es aber schon fast als Liebe durch. Mit dem ehemaligen Stasiverein, erfolgreichster Fußballclub der DDR, dem es wegen so manch zweifelhafter Schiedsrichterentscheidung und Oktroyierung von "ganz oben" gelang, zehn Meisterschaften in Folge einzufahren, verbindet Union eine regelrechte Feindschaft. Auch wenn die beiden Clubs heute nicht mehr auf Augenhöhe spielen, bleibt das Verhältnis gestört.

Hertha und die Hass-Liebe

Hertha und Union: eine Geschichte für sich.
Hertha und Union: eine Geschichte für sich.(Foto: picture alliance / dpa)

Zum "großen West-Club" Hertha pflegen viele Unioner zu DDR-Zeiten eine Fanfreundschaft. Reisen zu Spielen der "alten Dame" im sozialistischen Ausland gehören dazu. Das Verhältnis hat sich aber nach der Wiedervereinigung deutlich abgekühlt. Das liegt auch daran, dass jeder Verein für sich die Führungsrolle in der Hauptstadt als Ziel ausgegeben hat. Das Problem dabei:

Hertha hat trotz höherer Schulden die potenteren Geldgeber. Union gefällt sich aber in der Rolle des Underdogs und protzt statt mit großem Namen im Aufgebot oder auf der Trainerbank mit einem reinen Fußballstadion und unbändigem Herzblut der Fans.

Fans, die bluten und bauen

Die Fans bluten nicht nur für Union, wie eine Rettungsaktion 2004 beweist. Sie bauen sich auch ihre eigene Arena, ein nahezu reines Stehplatzstadion - einen, ihren "Fußballtempel". Die Stimmung darin ist unvergleichbar, auch wenn viele den 1. FC Union Berlin schon einmal als das "St. Pauli des Ostens" bezeichnen. In gewisser Weise haben diejenigen recht, denn die Eisernen aus Köpenick sind kein gewöhnlicher Fußballclub - sie sind "Eisern Union!".

Die Autoren des Buches: Jörn Luther und Frank Willmann (r.)
Die Autoren des Buches: Jörn Luther und Frank Willmann (r.)(Foto: union-foto.de - Hupe)

Genau unter diesem Titel ist im Verlag Basisdruck ein Buch erschienen. Es ist eine Hommage an den 1. FC Union Berlin auf mehr als 390 Seiten. Wer Spaß am Fußball hat und gut geschriebene Szenebücher mag, sollte bei dem von Jörn Luther und Frank Willmann verfassten Werk auf alle Fälle zugreifen.

Ein Mythos in Buchform

"Eisern Union!" ist im BasisDruck Verlag erschienen.
"Eisern Union!" ist im BasisDruck Verlag erschienen.

Neben einer detaillierten Vereinshistorie, die wirklich abwechslungsreich geschrieben ist, finden sich jede Menge Interviews mit Spielern von damals und heute; mit Funktionären und Ex-Trainern - und natürlich auch mit Fans.

Das "Phänomen Eisern Union" wird näher beleuchtet, die Rolle des Clubs in den Vorkriegsjahren, in der DDR und in der Goldgräber-Stimmung der Nachwende-Ära. Selbst Fans von Zahlen, Daten und Fakten kommen mit dem umfangreichen Statistikteil am Ende des Buches voll auf ihre Kosten.

Mehr als 160 Fotos runden das Buch ab und lassen die geschilderten Erlebnisse plastisch erscheinen: den FDGB-Pokalsieg, die Derbys gegen den BFC und Hertha, den Stadionneubau, den "Auswärtsaufstieg".

Bilderserie

"Eisern Union!" ist ein seltenes Fußball-Kleinod, voller Leidenschaft und Freude am Fußball. Und niemals vergessen: "EISERN UNION!"

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Quelle: n-tv.de

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