Unterhaltung
Al Gore bei einem seiner Vorträge.
Al Gore bei einem seiner Vorträge.(Foto: 2017 Paramount Pictures)
Donnerstag, 07. September 2017

Zwischen Klimawandel und Trump: Al Gore ist immer noch unbequem

Von Markus Lippold

Zehn Jahre sind für das Klima ein Klacks. Trotzdem hat sich etwas getan - dem geht Ex-US-Vizepräsident und Friedensnobelpreisträger Al Gore in einer neuen Doku nach. Sie könnte ein Happy End haben - wäre da nicht Donald Trump.

Der Mann mit der Dia-Show ist wieder da. Mit ihr tourte Al Gore durch Hunderte amerikanische Städte und machte auf die Probleme des Klimawandels aufmerksam. Mit ihr wurde er zum Helden einer Dokumentation, die den Oscar gewann. Wegen seiner Dias und seines unermüdlichen Engagements für das Klima erhielt er den Friedensnobelpreis. Und er wurde von den "Simpsons" persifliert. Höhere Ehren sind kaum denkbar, zumindest nicht für eine Dia-Show.

Auf Grönland schaut sich Gore die Folgen des Klimawandels an - schmelzende Gletscher.
Auf Grönland schaut sich Gore die Folgen des Klimawandels an - schmelzende Gletscher.(Foto: 2017 Paramount Pictures)

Nun ist Al Gore wieder da und er hat neue Dias - oder auch Power-Point-Folien - im Gepäck. Und eine neue Dokumentation. "Immer noch eine unbequeme Wahrheit - Unsere Zeit läuft" knüpft an "Eine unbequeme Wahrheit" an, der das Thema Klimawandel einem breiten Publikum nahebrachte. Zehn Jahre liegen zwischen beiden Filmen. Für den Klimawandel ist das ein Klacks. Da denkt man in langen Zeiträumen.

Getan hat sich trotzdem viel, zumindest auf technologischem Gebiet. Darauf weist Gore nicht nur in der Dokumentation wiederholt hin, sondern auch in seinen begleitenden Auftritten und Interviews. Zum einen seien Solar- und Windenergie billiger geworden und verbreiteten sich deshalb rasant, erklärte er im Gespräch mit n-tv.de. Zum anderen gebe es auch auf anderen Gebieten Entwicklungen, etwa bei der Elektromobilität und Batterietechnik. Das sei nicht nur gut für die Umwelt, sondern auch ein Wirtschaftsmotor, so Gores Kernthesen.

Video

Die Zuversicht, die er angesichts dieser Entwicklung ausstrahlt, ist überraschend. Denn seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten sind schwere Zeiten angebrochen für Klimaaktivisten wie Al Gore, aber auch für Wissenschaftler, die um die Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse bangen müssen.

Trump wabert wie ein Geist durch die neue Doku, immer wieder tauchen Szenen mit ihm von Wahlkampfauftritten auf. Am Ende mussten die Macher die Dokumentation sogar noch einmal umarbeiten, weil Trump Anfang Juni, nur Wochen vor dem Kinostart in den USA, den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen von 2015 verkündete. Dessen weltweit gefeierter Kompromiss, den damals fast alle Staaten mittrugen, sollte eigentlich das Ende des Films bilden, den optimistischen Schlusspunkt. Doch es kam anders.

"Unsere Demokratie wurde gehackt"

Auf dem Pariser Klimagipfel Ende 2015 trifft Gore den kanadischen Premier Justin Trudeau.
Auf dem Pariser Klimagipfel Ende 2015 trifft Gore den kanadischen Premier Justin Trudeau.(Foto: 2017 Paramount Pictures)

Passenderweise geht es in "Immer noch eine unbequeme Wahrheit" um Macht. "Unsere Demokratie wurde gehackt", beklagt Gore gleich zu Beginn mit Verweis auf einflussreiche Lobbygruppen von Industrie und Großkapital, die sich dem Kampf gegen den Klimawandel widersetzen. "Truth to Power" heißt denn auch der treffende Untertitel des Films im Original, was man mit "Die Wahrheit an die Macht" übersetzen könnte, aber auch mit "Den Mächtigen die Wahrheit lehren".

Gore tut dies unermüdlich, dafür kann man ihn bewundern. So ist auch der Film eine One-Man-Show. Klar, es gibt Diagramme und Charts, es gibt Ausschnitte aus Vorträgen und Seminaren. Es gibt starke Bilder für die fortschreitenden Folgen der Erderwärmung: schmelzendes Eis in Grönland etwa, dass wegen seiner Löchrigkeit "Schweizer Käse" genannt wird. Die Phänomene, die in der ersten Doku beschrieben werden, haben sich verschlimmert. Hitzerekorde, Dürren, Fluten - Extremwetter als Ausdruck des Klimawandels nehmen zu. Schwere Stürme wie "Harvey" und "Irma", die derzeit in der Karibik und den USA wüten, sind ja nur die jüngsten Beispiele. Da zieht Gore gleich mal Gummistiefel an.

In Texas besucht Gore den konservativen Bürgermeister von Georgetown (r.), der seine Stadt auf erneuerbare Energien umgestellt hat.
In Texas besucht Gore den konservativen Bürgermeister von Georgetown (r.), der seine Stadt auf erneuerbare Energien umgestellt hat.(Foto: 2017 Paramount Pictures)

Viel öfter sieht man in "Immer noch eine unbequeme Wahrheit" aber den Politiker Gore, den Lobbyisten. Er reist nach China oder Indien, um für erneuerbare Energien zu werben. Er besucht Unternehmen, die umweltfreundliche Technologien entwickeln, etwa SolarCity im Silicon Valley. Und er bemüht sich auf dem Pariser Klimagipfel, an der Kompromissfindung mitzuarbeiten. Immer wieder punktet der Film dabei durch Gores Charisma. Zu einem Höhepunkt des Streifens entwickelt sich seine Begegnung mit einem republikanischen Bürgermeister in tiefstem Trump-Land, der dennoch auf erneuerbare Energien setzt, einfach weil sie billiger sind. Das erklärt vielleicht auch Gores Zuversicht - Klimapolitik ist auch ohne den US-Präsidenten möglich.

Einseitige Konzentration auf Gore

Gore ist zum Gesicht des Kampfes gegen den Klimawandel geworden. Deshalb trägt er den Film auch mühelos. Und doch reicht die Fortsetzung nicht an das Original heran. Sicher auch, weil "Eine unbequeme Wahrheit" das Thema erst einer breiten Öffentlichkeit bewusst machte und entsprechend aufrüttelte. Dieses Gefühl stellt sich in der neuen Doku selten ein.

Zwar bietet die Darstellung der Pariser Klimakonferenz einen interessanten Blick hinter die Kulissen, in die Verhandlungen, die schließlich zum umjubelten Klimavertrag führten. Doch die Konzentration auf Gore wirkt dann doch etwas zu einseitig. Es gibt dabei zwar einen Aha-Effekt, als Gore mit einem Anruf beim befreundeten Chef von SolarCity mithilft, die indische Blockadehaltung zu überwinden, weil das Land kostenlos Solartechnik zur Verfügung gestellt bekommt. Doch wie entscheidend war Gores Intervention wirklich? Ob und welche anderen Aspekte dabei noch eine Rolle spielten, blendet der Film aus - zugunsten des Hauptdarstellers und der Dramaturgie.

"Immer noch eine unbequeme Wahrheit" zeigt einen Zwiespalt auf. Einerseits geht es um dramatische Veränderungen des Klimas - mit verheerenden Folgen. Andererseits versucht der Film, Zuversicht zu verbreiten angesichts der Entwicklung umweltfreundlicher Technologien. Dass deren Einführung nicht ganz so problemlos vonstattengeht, wie der Film suggeriert, sieht man allerdings derzeit in Deutschland, wo die Energiewende längst ins Stocken geraten ist. Im Interview hat Gore dies als Zeit des Übergangs abgetan. Dabei dürfte es ein zentrales Problem auch in anderen Ländern sein. Ist die Lösung, die der Film aufzeigt, also der Königsweg? Kann die Technik die in sie gesetzten Hoffnungen erfüllen? Und das auch noch rechtzeitig? Vielleicht kehrt Al Gore ja in zehn Jahren zurück, mit noch mehr Dias und einer neuen Dokumentation.

"Immer noch eine unbequeme Wahrheit - Unsere Zeit läuft" ist ab sofort in den deutschen Kinos zu sehen.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen