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Rapperin Sookee nimmt kein Blatt vor den Mund. Als "Quing of Berlin" setzt sie sich gegen Diskriminierung ein.
Rapperin Sookee nimmt kein Blatt vor den Mund. Als "Quing of Berlin" setzt sie sich gegen Diskriminierung ein.(Foto: Eylül Aslan)
Mittwoch, 15. März 2017

Sookee: The Quing is back: "Deutschland geht mir am Arsch vorbei"

Sookee hat ein hohes Sendungsbewusstsein. Gut, dass die 33-jährige Berlinerin auch was zu sagen hat. Ihre Themen sind queer, ihr Medium der Rap. Seit Jahren schon setzt sie sich als "Quing of Berlin" über die Grenzen der Musik hinaus gegen Sexismus, Rassismus und jede andere Form der Diskriminierung ein. Die Frau ist vom Fach. Sookee, die mit bürgerlichem Namen Nora Hantzsch heißt, hat Linguistik und Gender Studies studiert, die linke Szene ist ihr Pflaster. In Gesprächen behält sie gern die Oberhand, aber sie kann auch Fehler einräumen. "Kritik ist immer berechtigt", findet sie. Im Gespräch mit n-tv.de erklärt sie, wieso sie das Konzept Deutschland herzlich wenig kümmert, weshalb sie Seepferdchen toll findet und welchen Vorwurf sie nur schwer verdauen konnte.

n-tv.de: "Schmeiß den Alarm an, es ist 2017. Es gibt Revolution", heißt es in "Kontrollverlust", einem Song von deinem neuen Album. Wie sieht die Revolution denn aus?

"Mortem & Makeup" heißt das neue Album der Berliner Rapperin Sookee.
"Mortem & Makeup" heißt das neue Album der Berliner Rapperin Sookee.(Foto: Buback / Indigo)

Sookee: Die Ereignisdichte ist gerade enorm hoch. Wir sind gezwungen, uns irgendwie zu verhalten. Zeig mir mal jemanden, der wirklich unbeeindruckt von dieser Gegenwart ist. Die Revolution ist natürlich nur ein Symbolbild für den Versuch, sich zu bewegen. Ich sehe jetzt noch keinen bewaffneten Aufstand. Aber revolutionäres Denken ist ein wichtiger Anfang - gerade auch für feministische Themen. Im Rechtsdruck etwa schwingt viel reaktionäres, völkisches, konservatives und antifeministisches Gedankengut mit. Das ist eine große Katastrophe. Da braucht es feministische Reaktionen.

Im Rahmen des "Women's March" oder auch des Weltfrauentags am 8. März haben sich weltweit Hunderttausende mobilisiert. Erleben wir gerade eine günstige Zeit für Aktivismus?

Ja, leider. Es schreit danach. Ich würde das gerne alles nicht thematisieren. Mein Feminismus ist dazu da, um sich selbst eines Tages zu überholen! Wenn man nicht für Solidarität einstehen müsste, wäre das ganz nett. Gerade richten sich die Leute auf. Sie politisieren sich, zeigen Kampfgeist und Mut. Das sind natürlich tolle Erfahrungen, aber die Anlässe sind ausgesprochen beschissen.

Eine feministische Debatte, die auch Diskussionen über biologisches und soziales Geschlecht, Race oder Armut einschließt, wirkt auf viele Menschen erst einmal sehr akademisch. Dass etwa der Begriff Gender Mainstreaming, ein erklärtes Ziel der EU, im Verlauf der Jahre eine abwertende Konnotation erhalten hat, ist nur ein Beispiel dafür. Wie kann man mit solchen Inhalten mehr Menschen erreichen?

Politische Meinungsbildung funktioniert gut über Musik, Filme oder Bücher, findet Sookee.
Politische Meinungsbildung funktioniert gut über Musik, Filme oder Bücher, findet Sookee.(Foto: Eylül Aslan)

Natürlich ist es schlau, das über Zwischenmenschlichkeit zu lösen: über Begegnungen, über Gespräche, die nicht superpointiert verlaufen müssen wie etwa eine Podiumsdiskussion. Da kommen Leute, die thematisch noch unbedarft sind, nur schwer mit. Ich halte viel davon, Menschen etwas über kulturellen Output und Kollektivität spüren zu lassen. Wenn zum Beispiel ein Film gut gemacht ist, kann er auch ein komplexes intersektionales Thema behandeln. Viele Leute politisieren sich über Bücher, Musik oder Filme. Das ist eine komprimierte und dialogfähigere Variante als ein Uniseminar.

Du bist definitiv politisch, mit dem politischen Apparat allerdings hast du so deine Schwierigkeiten. In Hinblick auf die anstehende Bundestagswahl rappst du in "Q1": "Ich hab' jetzt schon keinen Bock." In welchem Verhältnis stehen denn deine aktivistischen Bestrebungen zu unserem politischen System?

Das mit dem Parlamentarismus ist grundlegend keine verkehrte Sache. Die Frage ist nur, wie viel Bewegung da überhaupt möglich ist. Inwiefern müssen sich sogenannte Mitteparteien zum Beispiel bei der Stimmvergabe auf potenzielle Abwanderer einstellen? Das ist alles ziemlich eklig. Sogar links der Sozialdemokratie ist viel Radikalität verloren gegangen. Leute institutionalisieren sich, werden älter, es kommt die Altersmilde und dann verlieren sich Ideen. Deswegen finde ich es ganz gut, dass gerade sowohl bei den Grünen als auch bei der Linken wieder ein antifaschistisch-feministisches Selbstverständnis nachwächst. Das lässt mich hoffen.

Könntest du dir vorstellen, in eine Partei einzutreten?

Es würde mich wirklich sehr wundern, sollte ich das eines Tages tun. Ich wüsste nämlich nicht, in welche. Ich finde den ganzen Karrierismus total gruselig. Es ist kein Geheimnis, dass in Parteien darauf geguckt wird, wer jetzt an der Reihe ist für einen Posten. Qualifikation ist das eine, Ausdauer das andere. Auch der historische Wandel der Parteien ist schwierig.

Inwiefern?

Natürlich hat die Linke lange versucht, sich aus ihrer Vergangenheit zu schälen. Faktisch gibt es aber eine gewisse Chronik von SED, PDS und Links. Das muss man sich klarmachen. Und wenn man sich anschaut, wie lange Leute wie Heinz Buschkowsky oder Thilo Sarrazin Sozialdemokraten waren … Ich würde diese formelle Demokratie gern um einen großen, starken Schwapp sozialistischen Selbstverständnisses erweitern. Ich will sie nicht umstürzen, aber richtiges Vertrauen hatte ich darin noch nie.

Du hast dich mal als Berufsaktivistin bezeichnet. Sachen anzusprechen, laut zu sein, an die Öffentlichkeit zu  gehen und für deine Meinung einzustehen, hast du das von deiner Familie mitbekommen? Ihr musstet Mitte der 80er-Jahre die DDR verlassen …

Mein Vater war in der DDR im Knast, weil er den Dienst an der Waffe verweigert hatte. Wir waren Dissidenten. Aber wir hatten nicht die Kalaschnikow im Rücken oder so. Meine Familie hatte einen Ausreiseantrag gestellt. Der richtige Aktivismus ist daraus nicht erwachsen. Bei meinem Vater hat sich diese Erfahrung eher als Schwere in seiner Biografie niedergeschlagen. Er hat da aufgegeben. Bei mir ist es der umgekehrte Fall.

Was heißt das?

Die besten Vorbilder bietet das eigene Umfeld, erklärt Sookee.
Die besten Vorbilder bietet das eigene Umfeld, erklärt Sookee.(Foto: Eylül Aslan)

Ich will dranbleiben und mich nicht traumatisieren oder frustrieren lassen. Wofür ist diese Lebenszeit sonst gut? Ich kann mich auch zu Hause auf die Couch hauen und "Germany's Next Topmodel" gucken. Das ist für mich aber keine Option. Der Staat geht mir am Arsch vorbei, Deutschland geht mir am Arsch vorbei. Mir geht es um die Gesellschaft. Ich will, dass sie mich trägt, und ich will dazu beitragen, dass sie getragen werden kann.

Wie kann man lernen, auf diese Art und Weise für sich und seine Überzeugung einzustehen?

Andere Leute können eine Sogwirkung ausüben. Klassischerweise wird immer von Nelson Mandela, Martin Luther King und Mahatma Ghandi gesprochen. Ich glaube, im eigenen Umfeld finden sich aber schon ausreichend Menschen, die weniger idealisiert und ikonenhaft daherkommen und einfach Gesprächsgegenüber sein können. Ich wurde oft gefragt, ob ich politische Idole habe. Man kann dann natürlich über Clara Zetkin oder Rosa Luxemburg sprechen. Aber das ist eigentlich gar nicht so wichtig. Prägend sind gemeinsame Erlebnisse. Ich will jetzt keine linke Autonomenromantik aufrufen, aber gemeinsam in einem Kessel gestanden zu haben, eingekreist von den Bullen und um einen herum fliegt Pfeffer - so was schweißt zusammen.

Und wenn wieder Ruhe eingekehrt ist, worüber wird dann gesprochen?

Es geht viel um Unsicherheiten. Ist die Revolution möglich? Was wollen wir? Wollen wir Anarchie, wollen wir Kommunismus, wollen wir Sozialismus? Lohnt es sich überhaupt, eine Utopie auszuformulieren? Ist die nicht eh viel zu weit weg? Politik muss sich ins Leben integrieren lassen. Langfristigkeit und Gewissenhaftigkeit sind gute Grundlagen für ein politisches Selbstverständnis.

Um deinen Song "If I had a dick" (Wenn ich einen Schwanz hätte) gab es eine wilde Debatte. Du kritisierst darin Macho-Verhalten, als Symbol dafür hast du den Penis gewählt. Kritisiert wurde etwa eine vermeintliche Stigmatisierung von Transfrauen, die zwar mit einem Penis geboren wurden, sich aber eben nicht als Mann identifizieren. Wie war das für dich, plötzlich heftigen Gegenwind von Leuten zu erleben, für deren Rechte du ja eigentlich eintrittst?

Heteronormativität

Heteronormativität beschreibt ein gesellschaftliches Machtverhältnis. Dieses basiert auf der Annahme, es gäbe ausschließlich zwei Geschlechter, Mann und Frau, die sich gegenseitig begehren.

Ich muss mir die Arroganz abschminken, dass ich alle repräsentieren und für alle kämpfen kann. In meinem Umfeld gibt es genügend Leute, die nicht binär oder trans sind, die in ihrer Identität zwischen oder außerhalb von Gender stattfinden und mit dem Song kein Problem haben. Aber auch marginalisierte Gruppen sind nicht homogen. Sie sind auch nicht moralisch überlegen und sie sind auch untereinander uneins. Es gibt nicht eine Queer-Community.

cis-Gender / cis-Normativität

"cis" ist das lateinische Präfix für "binnen, innerhalb". Mit cis sind diejenigen Menschen gemeint, die sich mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren und es entsprechend ausleben. cis-Normativität beschreibt ein gesellschaftliches Machtverhältnis, das sich aus der Annahme ergibt, cis-Gender sei der naturgegebene Normalzustand.

Die Debatte hat das Potenzial, eine Avantgarde hervorzubringen. Inhaltlich geht es um cis-Normativität und das ist okay. So wie wir uns an Heteronormativität als Begriff und als Phänomen in der Welt gewöhnt haben, ist es vielleicht auch einfach an der Zeit, sich auch an den Begriff der cis-Normativität zu gewöhnen. Natürlich ist es schmerzhaft, wenn man im Zuge dessen so aufs Maul kriegt. Aber das ist irgendwie auch okay.

Geärgert hast du dich doch aber bestimmt trotzdem!

Mein Problem war, dass meine ganze Arbeit auf diesen einen Song reduziert wurde. Außerdem fand ich es scheiße, dass daraus ein Feindlichkeitsvorwurf formuliert wurde. Mich als trans-misogyn (Diskriminierung von Transfrauen; Anm. d. Red.) zu bezeichnen, verletzt mich als Feministin. Ich bin keine Feindin von irgendeiner Weiblichkeit - ever. Dass ich als cis-geschlechtliche Person meine normativen Mechanismen internalisiert habe, ist klar. Die lasse ich mir auch gerne abtrainieren. Das war halt einfach so eine Hauruckaktion …

So was verselbstständigt sich online relativ schnell.

Kritik ist immer berechtigt, findet Sookee.
Kritik ist immer berechtigt, findet Sookee.(Foto: Eylül Aslan)

Natürlich stürzen sich alle möglichen Leute darauf. Es ist ja auch spannend, zu gucken, was da passiert. Ich fand den Modus schwierig. Dass es Leute gab, die gesagt haben: "Du musst aufhören, Musik zu machen" oder "Äußere dich niemals wieder öffentlich. Du bist das Schlimmste, was es gibt". Aber ich finde es wichtig, mich dem Thema zu widmen. Kritik ist immer berechtigt. Da muss ich meine eigene Eitelkeit in den Blick nehmen. Natürlich fände ich es geiler, wenn alle sagen würden: "Ey, die macht keine Fehler." Aber so ist es halt nicht, meine Güte. Es spricht immerhin für die Relevanz meiner Arbeit, dass genau ich zum Gegenstand dieser Debatte werde.

Auf deinem neuen Album hast du mit "Queere Tiere" einen Song, der …

Der Song ist aber älter, muss man dazu sagen! Das war nicht der Versuch, etwas geradezurücken.

Darauf wollte ich auch gar nicht hinaus. Ich finde, dass du mit Beispielen aus dem Tierreich sehr anschaulich "Queerness" erklärst - nicht akademisch oder provokant. Wie hast du dich für dieses Bild entschieden?

Ich bin eigentlich kein Mensch, der die Natur liebt. Ich stehe nicht vor einem Sonnenuntergang und denke mir: Ach, ist das schön. Wenn ich aufs Meer blicke oder die Berge (macht ein Furzgeräusch) - da passiert bei mir nicht viel. Da oben fährt die U1 (zeigt mit dem Finger auf die Bahn, die am Fenster vorbeirauscht), die macht mich glücklich. Ich bin voll das Stadtkind. Aber ich finde Seepferdchen toll: Die Jungs kriegen die Babys. Ich habe in meinem Umfeld Transmänner, die noch die Option haben, schwanger zu werden. Die hadern allerdings sehr damit, wie in dieser Gesellschaft die Reaktionen auf eine Schwangerschaft ausfallen könnten. Für mich sind diese Transmänner keine Transmänner, sie sind halt Männer und sie können halt schwanger werden. Dann kommen aber diese altbackenen Arschgeigen und sagen (verstellt die Stimme, meckernd): "Nein, in der Natur und wegen Fortpflanzung und Erhalt der Arten …" Ich könnte da echt im Strahl kotzen.

Wie lautet deine Botschaft an solche Leute?

Chillt doch einfach mal und recherchiert anständig! Es gibt so viele queere Realitäten - auch in der Tierwelt, auf die ihr euch beruft, um eure biologistische Argumentation zu stützen. Keins der Beispiele, die in dem Song auftauchen, habe ich mir ausgedacht. Die Menschen machen sich mit ihrem Kategorienzwang echt fertig. Das ist totaler Mumpitz.

Wieso eignet sich Rap, um politische Anliegen zu vermitteln?

Hip-Hop hat eine antirassistische und herrschaftskritische Geschichte. Ich finde Rap wegen der Textdichte toll. Ich habe unheimlich viele Freiheiten. Natürlich bin ich technisch beschränkt durch die Viervierteltaktung, Reime und Flow, aber inhaltlich habe ich Raum. Frei nach Emma Goldman (kanadische Aktivistin, lebte von 1869 bis 1940; Anm. d. Red.): Da, wo die Party ist und die Revolution, will ich sein. Ich kann da gut tanzen.

Mit Sookee sprach Anna Meinecke.

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Quelle: n-tv.de

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