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Ist zu viel zu tun, geht am Ende nichts mehr.
Ist zu viel zu tun, geht am Ende nichts mehr.(Foto: dpa)

Stress am Arbeitsplatz: Chefs sind Opfer und Täter

Jeder zweite Arbeitnehmer klagt über Leistungs- und Termindruck. Ein Grund für den Stress am Arbeitsplatz: inkompetentes Führungsverhalten. Zugleich leiden Chefs besonders unter Stress, ergibt der "Stressreport 2012". Besonders gefährlich: Stress kann süchtig machen.

Starker Termin- und Leistungsdruck, monotone Arbeitsabläufe und Multitasking: Stress am Arbeitsplatz ist einer neuen Studie zufolge in Deutschland nach wie vor weit verbreitet. Wie aus dem "Stressreport 2012" hervorgeht, beklagen mit 43 Prozent, dass Stress und Arbeitsdruck für sie zugenommen haben.

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Nach Einschätzung der IG Metall wird Stress im Job häufig von den Chefs verursacht. "Wir wissen, dass inkompetentes Führungsverhalten ein wichtiger Stressfaktor ist", sagte Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban der Deutschen Presse-Agentur.

Angestellte würden teilweise mit Arbeit überschüttet. "Vielfach fehlt den Vorgesetzten ein Gefühl dafür, dass der Aufgabenberg schon groß ist." Es fehlten klare Ansagen, welche Anfragen zuerst erledigt werden müssen, weil Hierarchien nicht eindeutig geklärt seien. Der Vorgesetzte gebe manchmal auch den Druck auf die Beschäftigten weiter, den er selbst empfinde.

Aber nicht nur die Chefs seien für den Stress der Beschäftigten verantwortlich, so Urban. "Vor allem die Prekarisierung der Arbeit durch Leiharbeit, Werkverträge und Befristungen setzt die Menschen unter Dauerstress."

Chefs besonders gestresst

Zugleich sind der Studie zufolge ausgerechnet die Chefs besonders belastet. Das erschwere zugleich eine gute Personalführung, sagte die Präsidentin der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Isabel Rothe. Ihre Behörde hatte den "Stressreport" erarbeitet und dafür zwischen Oktober 2011 und März 2012 rund 20.000 Erwerbstätige in Deutschland befragt. Ergebnis: Anforderungen und positive Aspekte im Berufsalltag haben sich seit der jüngsten Studie 2005/2006 "auf hohem Niveau" kaum verändert.

Überstunden führen auf Dauer zu Stress.
Überstunden führen auf Dauer zu Stress.(Foto: dpa)

Nach der Studie klagen 52 Prozent der Befragten über Termin- und Leistungsdruck. Fast jeder Zweite (44 Prozent) wird bei der Arbeit durch Telefonate und E-Mails unterbrochen. Knapp 60 Prozent fühlen sich durch das gleichzeitige Erledigen verschiedener Aufgaben belastet. Für 35 Prozent ist die Arbeitswoche länger als 40 Stunden. 26 Prozent klagen darüber, dass sie keine Pausen machen können. Insgesamt 64 Prozent arbeiten auch samstags, 38 Prozent an Sonn- und Feiertagen.

"Es kostet richtig viel Geld"

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen rief Arbeitgeber und Gewerkschaften auf, gemeinsam gegen Stress am Arbeitsplatz zu kämpfen. "Es besteht Handlungsbedarf in unseren Betrieben", sagte sie bei einer Tagung zu Psychostress im Job. "Ohne die Sozialpartner geht es aber nicht."

2011 seien 59 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen registriert worden. "Das ist ein Anstieg um mehr als 80 Prozent in den letzten 15 Jahren", sagte von der Leyen. Daraus ergäben sich Produktionsausfälle von sechs Milliarden Euro. "Es kostet richtig viel Geld."

Stress kann süchtig machen

Wer mit Stress am Arbeitsplatz nicht richtig umgehen kann, kann nach Ansicht von Experten sogar davon abhängig werden. "Die Menschen suchen Herausforderungen, aber die Frage ist, wie gehen wir damit um", sagte der Ärztliche Geschäftsführer der Oberbergkliniken, Götz Mundle in einer Reaktion auf die Bundesamtsstudie. "Kenne ich meine Grenzen und habe ich noch ein Gefühl dafür, wann es zu viel ist?"

Bedenklich werde es, wenn die Wahrnehmung von Stress verloren gehe, dann könne es zu süchtigen Strukturen kommen, sagte Mundle. "Stress kennt jeder. Er kann bei einem bewussten Umgang zu Sinnerfüllung, Zufriedenheit und Gesundheit führen. Das ist die Herausforderung, die der Mensch braucht, um zu wachsen."

"Sie müssen lernen, Pausen zu machen"

"Wer denkt, ich kann alle Arbeiten erledigen und für jeden alles machen, der läuft Gefahr, süchtig zu werden", sagte Mundle. Die Arbeit werde dann Dreh- und Angelpunkt im Leben, Beziehungen zu anderen Dingen, zu anderen Menschen und vor allem zu sich selbst verlieren an Wert. "Der Mensch ist 16 Stunden am Tag nur noch Arbeit." Eine solche Sucht könne selbst zu körperlichen Entzugserscheinungen führen.

Eine Möglichkeit sei, mit den Arbeitssüchtigen zu üben, wieder einmal innezuhalten. "Sie müssen lernen, Pausen zu machen. Durch Achtsamkeit und Meditation lernen sie, wieder in Kontakt mit sich selbst zu kommen und in sich hinein zu horchen", sagte Mundle. "Erst dann haben die Menschen wieder ihre fünf Sinne bei sich und sind in der Lage, bewusst zu entscheiden: Das kann und will ich meistern und das nicht."

Quelle: n-tv.de

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