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Lebensversicherer auf dem Prüfstand: "Umverteilung wäre unverschämt"

Glaubt man den deutschen Lebensversicherern, ist es um die Branche schlecht bestellt. In der Niedrigzinsphase senken die Unternehmen nicht nur ihre Überschussbeteiligungen. Sie fordern auch, Bewertungsreserven lieber zum Aufbau eines Sicherheitspuffers zu verwenden, statt sie auszuzahlen. Eine Studie kommt zu dem Schluss: Die Versicherer jammern auf hohem Niveau.

Die Deutschen besitzen über 90 Millionen Lebensversicherungsverträge.
Die Deutschen besitzen über 90 Millionen Lebensversicherungsverträge.(Foto: picture alliance / dpa)

Fast hätte es keiner gemerkt: Der Bundestag hatte die Novelle des Versicherungsvertragsgesetzes schon durchgewunken, die Zustimmung des Bundesrats schien nur noch eine Formalie. Doch dann warnten Verbraucherschützer: Die geplante Neuregelung der Bewertungsreserven in der Lebensversicherung drohten den Versicherten zum Teil massive Einbußen. Und die Betroffenen hätten nicht einmal Gelegenheit, rechtzeitig zu reagieren, schließlich sollte das Gesetz schon zum 21. Dezember wirksam werden. Das wurde dann doch nichts. Alarmiert durch die Medienberichte wollte der Bundesrat das Gesetz nicht mehr verabschieden. Jedenfalls nicht in seiner ursprünglich geplanten Form. Heute Abend befasst sich der Vermittlungsausschuss aus Bundestag und Bundesrat mit dem Thema.

Dabei dürfte man sich diesmal nicht nur mit den Warnrufen der Versicherungslobby befassen, sondern auch mit den Einwänden der Gegner des Gesetzes. Etwa denen von Axel Kleinlein. Der Vorsitzende des Bundes der Versicherten nennt das Vorhaben, die Bewertungsreserven nicht mehr an die Kunden auszuzahlen, sondern zum Aufbau einer Sicherheitsreserve zu verwenden, eine "Unverschämtheit". Schließlich hätten die Lebensversicherer über Jahre hinweg mit dem Geld der Versicherten Finanzpuffer für schlechte Zeiten aufgebaut. Nun, wo die Zeiten schlechter würden, werde als Konsequenz zusätzlich auch noch die Überschussbeteiligung der Versicherten gekürzt. Gelitten hätten bislang nur die Kunden, denen die Überschüsse immer wieder zusammengestrichen worden seien, obwohl die Versicherer genügend Geld zur Verfügung hätten, kritisiert der Versicherungsmathematiker im Deutschlandradio.

Fast alle sind stabil

Gezerre um die Bewertungsreserven

Seit 2008 müssen Lebensversicherer ihre Kunden mit 50 Prozent an den Buchgewinnen aus festverzinslichen Anlagen beteiligen. Das hat das Bundesverfassungsgericht entschieden. Nun wollen Union und FDP den Versicherern erlauben, einen größeren Teil der Bewertungsreserven für sich zu behalten. Damit sollen die Unternehmen eine Sicherheitsreserve aufbauen, um auch künftig noch den Garantiezins zahlen zu können. Ob das überhaupt nötig ist, ist allerdings umstritten.

In der anhaltenden Niedrigzinsphase steigt der Marktwert gut verzinster älterer Kapitalanlagen, also auch die Bewertungsreserven. Im Jahr 2011 haben die von "Öko-Test" untersuchten Unternehmen 40,9 Milliarden Euro an stillen Reserven verbucht.

Bestätigt wird Kleinlein durch eine Studie der Zeitschrift "Öko-Test". Das Verbrauchermagazin hat einen Blick in die Bilanzen von 70 deutschen Lebensversicherern geworfen und dabei vor allem die Ertragslage und die Stabilität der Unternehmen geprüft. Deren Lamentos über die anhaltende Niedrigzinsphase ließen Schlimmes befürchten. Bestätigt hat es sich aber nicht: Abgesehen von wenigen Ausnahmen fahre die Branche nach wie vor gute Gewinne ein, so das Fazit von "Öko-Test". Die Stabilitätszahlen gäben wenig Anlass zur Sorge. So habe der Branchendienst Map eine durchschnittliche Solvabilitätsquote von 180,6 Prozent ermittelt. Das heißt, dass die Unternehmen 1,8 mal so viel Eigenmittel haben, wie von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht BaFin verlangt wird.

Auch wenn die Lage an den Kapitalmärkten schwieriger geworden ist, dürfte der Garantiezins derzeit locker zu stemmen sein: In den letzten drei Jahren erwirtschafteten die untersuchten Versicherer mit ihren Kapitalanlagen eine durchschnittliche Nettorendite von 4,2 Prozent, 2011 waren es im Schnitt noch 3,97 Prozent. Damit liegen die Zinseinnahmen deutlich über den Garantiezinsen von durchschnittlich 3,3 Prozent. Selbst wenn die Niedrigzinsphase langfristig anhielte, könnte die Branche bei einem mageren Wiederanlagezins von einem Prozent ihre Garantien bis über das Jahr 2018 hinaus erfüllen, rechnete die Ratingagentur Assekurata im November aus. Im Moment bekämen die Versicherer im Schnitt aber noch 3,3 Prozent für neu angelegte Gelder.

Die älteren Papiere in den Versicherungsportfolios sind in der Regel noch deutlich höher verzinst. Das führt zu den hohen Bewertungsreserven, welche die Versicherer bislang zu 50 Prozent an die Kunden ausschütten müssen und die jetzt zum Aufbau eines Sicherheitspuffers verwendet werden sollen. Dabei seien auch die Töpfe mit bereits erzielten, aber noch nicht ausgeschütteten Gewinnen gut gefüllt, schreibt Öko-Test. Insgesamt schlummerten hier weitere 43,5 Mrd. Euro, die eigentlich den Kunden zustehen würden.

Aktionäre profitieren

Dürften die Versicherer nun auch noch die stillen Reserven vollständig zurückbehalten, würde dies weniger dem Kollektiv der Versicherten nutzen, als vielmehr den Aktionären, sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Deren Stück vom Gewinnkuchen ist in den letzten Jahren immer größer geworden, seit 2002 hat es sich auf gut 15 Prozent verdoppelt. Zulasten der Versicherten, deren Anteil am Rohüberschuss im gleichen Zeitraum um 7,7 Prozent zurückgegangen ist. Mit der Neuregelung, meint Nauhauser, solle nun auch noch das Risiko der Aktionäre, künftig für die Garantien einstehen zu müssen, verringert werden - auf Kosten der Altkunden, mit deren Kapital die Überschüsse erwirtschaftet worden seien.

Wie hoch die Einbußen durch die Neuregelung ausfallen würden, ist individuell sehr verschieden. Die Spanne liegt zwischen null und einigen tausend Euro. "Öko-Test" liegen Verträge vor, bei denen Kunden allein infolge der Gesetzesänderung auf bis zu 8.200 Euro der Ablaufleistungen verzichten müssten. Die Bundesregierung schlägt deshalb eine Härtefallregelung vor, bei der die Absenkung der Ausschüttung gedeckelt wird. Zuletzt war zudem geplant, dass Versicherer die Beteiligung der Kunden an den Bewertungsreserven nur um bis zu fünf Prozent kappen dürfen. Eine schnelle Lösung dürfte es im Vermittlungsausschuss wohl eher nicht geben. Für Kunden, deren Lebensversicherung in naher Zukunft ausgezahlt wird, gibt es also Hoffnung. 

Quelle: n-tv.de

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