Sport
Fifa-Präsident Joseph Blatter lebt in seiner ganz eigenen Fußballwelt.
Fifa-Präsident Joseph Blatter lebt in seiner ganz eigenen Fußballwelt.(Foto: dpa)

Fanforscher fassungslos über Fifa: Blatter wiederholt Boateng-Kritik

Die Kritik von Joseph Blatter am Spielabbruch von Kevin-Prince Boatengs AC Mailand wegen rassistischer Beleidigungen ist kein Versprecher. Der Fifa-Boss bekräftigt seine umstrittene Sichtweise noch einmal. Spielervertreter sind geschockt - und solidarisch mit Boateng.

Joseph Blatter bleibt dabei. Der umstrittene Präsident des Weltverbandes Fifa sieht das Verlassen des Spielfeldes von Kevin-Prince Boateng und dessen Mitspielern des AC Mailand wegen rassistischer Beleidigungen weiterhin kritisch. "Wenn ein Spieler vom Feld läuft, weil er rassistisch beleidigt wurde, ist das ein starkes Signal, das sagt: Das war zu viel", sagte Blatter bei der Ballon-d'Or-Gala in Zürich: "Aber das kann nicht die langfristige Lösung sein. Wir müssen andere Lösungen finden, um diesem Problem Herr zu werden."

Damit wiederholte Blatter seine Kritik vom Sonntag, mit der er sich bereits den Unmut von Spielervertretern und im Kampf gegen Rassismus aktiven Organisationen zugezogen hatte. Als schlichtweg "dämlich" bezeichnete der Fanforscher Gerd Dembowski die Äußerung Blatters sogar bei "Spiegel Online".

Kevin-Prince Boateng und der AC Mailand belassen es nicht bei Worten im Kampf gegen Rassismus. Der Fifa schmeckt das nicht.
Kevin-Prince Boateng und der AC Mailand belassen es nicht bei Worten im Kampf gegen Rassismus. Der Fifa schmeckt das nicht.(Foto: AP)
Viel Zuspruch für Boateng

Im Kollegenkreis wird der Zuspruch für den ehemaligen Bundesligaprofi Boateng derweil immer größer. Der portugiesische Superstar Cristiano Ronaldo und Star-Trainer Josep Guardiola äußerten Verständnis für Boatengs Entscheidung. "Das ist schlecht für alle, wenn so etwas passiert - für jeden Zuschauer, für jedes Kind im Stadion", sagte Ronaldo. Boatengs Entscheidung könne er verstehen, auch wenn er selbst nicht wüsste, wie er reagieren würde. "Vielen Dank an Cristiano Ronaldo für die Unterstützung", antwortete Boateng umgehend via Twitter.

Guardiola, der im Sommer freiwillig vom Traineramt beim FC Barcelona zurückgetreten war, äußerte, dass der Kampf gegen den Rassismus "gemeinsam" geführt werden müsse. Das Spielfeld zu verlassen, sei eine Möglichkeit, über die jedes Team für sich entscheiden sollte.

Beschimpfungen nicht mehr toleriert

Vor und während des Testspiels beim Viertligisten Pro Patria hatten Fans des Viertligisten Boateng und weitere dunkelhäutige Milan-Spieler mit Affen-Lauten beleidigt. Daraufhin unterbrach Boateng in der 26. Minute das Spiel, schoss den Ball in Richtung der Zuschauer und verließ den Platz. Seine Teamkollegen folgten Boateng, das Spiel wurde abgebrochen.

Der Fußball-Soziologe Gerd Dembowski zeigte viel Verständnis für Boateng und keinerlei Verständnis für den Fifa-Präsidenten. "Blatters Reaktion war völlig aus der Zeit, zurück in die Achtziger. Sogar Silvio Berlusconi hat Boateng gelobt, was eigentlich schon wie Slapstick klingt. Insofern: Es war dämlich. Und in meinen Augen auch falsch", sagte Dembowski bei "Spiegel Online": "Lange wurde auf so ein Signal gewartet, Boateng hat absolut richtig gehandelt. Man muss die Spieler zu solchen Aktionen ermutigen."

Zuvor hatten schon die Spielergewerkschaft Fifpro und das gegen Rassismus im Fußball kämpfende Fare-Netzwerk die Vorgehensweise von Boateng und seinen Milan-Kollegen begrüßt. "Die Fußballwelt muss endlich realisieren, dass dieses Verhalten ein Ende haben muss. Rassismus darf weder in der Gesellschaft noch im Fußball toleriert werden", sagte der zuständige Fifpro-Vertreter Tony Higgins der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung": "Die Spieler von Milan haben die eindeutige Botschaft ausgesendet: Wenn der Rassismus nicht aufhört, dann stoppt eben der Fußball."

Fußball zeigt Gleichgültigkeit

Piara Power, Vorsitzende von Fare, widersprach im englischen "Guardian" vehement Blatters indirektem Vorwurf, Boateng sei einfach davongelaufen: "Wir stimmen überhaupt nicht damit überein, dass Kevin-Prince Boateng davongelaufen ist in einem Spiel, in dem er rassistisch beleidigt wurde. Das ist eine unsinnige Behauptung."

Powar kritisierte vielmehr, dass die hart erkämpften Prozesse und Mechanismen zur Bekämpfung von Diskriminierung im Fußball nicht angewandt werden, weder auf Schiedsrichterebene noch in internationalen Disziplinarkommissionen: "Die Botschaft, die davon ausgeht, ist die einer Gleichgültigkeit in den Fußballverbänden - und zwar auf allen Ebenen."

Die jüngsten Aussagen von Fifa-Präsident Blatter sind nicht dazu angetan, diesen fatalen Eindruck zu korrigieren. Sie bestätigen vielmehr die Auffassung vieler Kritiker, der Fifa-Präsident verharmlose das Rassismus-Problem im Fußball. Im November 2011 etwa hatte Blatter erklärt, es gebe keinen Rassismus im beliebtesten Sport der Welt - und falls doch, sollte die unschöne Situation nach Spielende einfach per Händedruck gelöst werden.

Quelle: n-tv.de

Video-Empfehlungen
Empfehlungen