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"Ich bin ein glücklicher Mensch." Sagt Lothar Matthäus.
"Ich bin ein glücklicher Mensch." Sagt Lothar Matthäus.(Foto: Rothenberg, n-tv.de)

Matthäus über sein Image und einen neuen Job: "Elf gute Freunde? Alles Humbug!"

Von Stefan Giannakoulis und Christian Rothenberg

Während die Nationalelf ein 4:0 verspielt, sitzt Lothar Matthäus mit Pelé auf einer Jacht, trinkt Rotwein - und staunt, wie die brasilianische Legende vom deutschen Fußball schwärmt. Zu Recht, meint Matthäus. Ein Gespräch über böse Journalisten und die Mär von den elf Freunden. Und um Frauen geht es auch.

Für einen Moment wird Lothar Matthäus doch unwillig. "Loddar kommt" steht auf dem Plakat, mit dem die Buchhandlung in den Gropius-Passagen für diesen Abend wirbt, an dem der ehemalige Weltfußballer sein Buch "Ganz oder gar nicht" vorstellt. Knapp 50 Menschen haben neun Euro bezahlt, um ihm an diesem Abend in einem Einkaufszentrum im Berliner Bezirk Neukölln zuzuhören, wie er aus seinem Leben erzählt. Lothar Matthäus duzt sein Publikum - und stellt erst einmal klar, dass er Lothar heißt. Nicht Loddar. Das findet er respektlos.

Darum geht es ihm. Respekt und Anerkennung. Er möchte, dass ihn die Menschen so sehen, wie er sich sieht. Es kränkt ihn, dass das nicht zusammenpasst. Seine Sicht auf sein Leben, und das, was die anderen, vor allem Journalisten, daraus machen. Deswegen diese Autobiografie. Deswegen betont er unermüdlich, was er geleistet hat. Und wirkt dabei wie einer, der ständig fragt: Warum mögt ihr mich nicht? Er, den sie als Kind immer "Kleiner" gerufen haben, wie er erzählt. Er, der sich auf dem Fußballplatz gegen die Älteren durchgesetzt hat, weil er besser war als die meisten. Er, der von sich sagt: "Ich bin ein glücklicher Mensch." Die Menschen in der Buchhandlung mögen ihn, sie haben nicht vergessen, wie gut er als Fußballer war. Vor einem Jahr wurde er als Trainer Bulgariens entlassen, seitdem sucht er einen Job. Darum kämpft er. "Man sollte mich so sehen, wie ich bin. Auch meine Trainerleistungen."

"Vielleicht habe ich ein wenig länger gebraucht"

Und Lothar Matthäus macht das gut. Erzählen kann er, viel von früher, als er 1990 in Italien mit der deutschen Mannschaft Weltmeister wurde und es schließlich zum Rekordnationalspieler brachte. Sieben Mal war er mit dem FC Bayern München Deutscher Meister, einmal holte er mit Inter Mailand den Titel. Aber er plaudert auch über Privates, damit hat er kein Problem. Vier gescheiterte Ehen, stets begleitet von den Schlagzeilen des Boulevards, da gibt es viel zu erzählen. "Es hat leider nie zu einem guten Endresultat gereicht." Aber er habe aus seinen Fehlern gelernt. "Vielleicht habe ich ein wenig länger gebraucht."

"Ich muss zum Beispiel meine gescheiterten Ehen akzeptieren."
"Ich muss zum Beispiel meine gescheiterten Ehen akzeptieren."(Foto: Rothenberg, n-tv.de)

Die Hauptsache aber sei: "In meinem Leben ist immer Spaß dabei." Ihm ist anzumerken, dass er das ernst meint mit dem Spaß. Auch, als er sich am Nachmittag vor der Buchvorstellung im Hotel eine Stunde Zeit nimmt, um mit n-tv.de über sein Leben zu sprechen. Der Mann vom Lübbe-Verlag hatte es vorher gesagt: "Sie können ihn alles fragen." Ein Gespräch über böse Journalisten, Neid in Deutschland, seine Erfolge, seine Perspektiven als Trainer, darüber, warum Joachim Löw und die DFB-Elf fast alles richtig machen und darüber, warum das Gerede von den Elf Freunden auf dem Platz absoluter Humbug ist. Und um Frauen geht es auch.

n-tv.de: Sie schreiben in Ihrem Buch über Ihre Kindheit in Herzogenaurach: "Ob wir mal gelacht haben? Bestimmt, aber ich kann mich nicht daran erinnern." Klingt traurig. Dabei treten Sie meist als fröhlicher Kerl auf.

Lothar Matthäus: Es ist bei uns ganz sicher mal zu Hause gelacht worden. Aber wir hatten einfach zu wenig Zeit, jeder war auf sich fokussiert. Mein Vater war derjenige, der gearbeitet hat, der das Geld nach Hause bringen musste, um seiner Familie eine gewisse Sicherheit zu geben. Ein Dach über dem Kopf, tagtäglich zu essen zu haben - die Zeiten waren eben anders. Deswegen kann ich mich nicht an diese intimeren Momente, die es ganz sicher gegeben hat, erinnern. Sie sind irgendwie verloren gegangen.

Sie hadern also nicht?

Mein Leben ist von Glück beeinflusst, es hat sich alles so entwickelt, wie ich es mir als Kind erträumt hatte. Ich bin ein Mensch, der gerne lacht, der gerne Spaß hat, der gerne mal feiert, der keinen Neid gegenüber anderen hat - weil es mir so gut geht. Ist das Wetter grau, sage ich: Klasse, es regnet nicht. Das ist es, was ich hier in Deutschland vermisse. Auch aus nicht optimalen Dingen das Positive zu ziehen. Ich hatte nicht die Jugend wie andere, Reisen mit der Familie, immer ein neues Fahrrad. Ich habe mir schon in meiner Jugend alles selbst erarbeitet - und meist das Geld gar nicht bekommen, weil meine Eltern gesagt haben: Das wird gespart. Trotzdem hatte ich eine glückliche Jugend, hatte meine Freiheiten. Deswegen habe ich aber auch schon in jungen Jahren Verantwortung für mich übernommen.

Sie schreiben: "Ich wurde so erzogen, dass man Dinge akzeptiert, wenn man sie nicht ändern kann." Wie meinen Sie das?

Ich muss zum Beispiel meine gescheiterten Ehen akzeptieren. Oder das Champions-League-Finale 1999, das wir mit dem FC Bayern gegen Manchester in letzter Sekunde verloren haben. Da habe ich keinen Einfluss mehr darauf, das ist vorbei. Auch, wenn man es nicht wahrhaben möchte und sich immer wieder fragt: Hätte man etwas besser machen können? Muss das wirklich sein? Aber ab und zu gibt es eben Dinge, bei denen du sagst: Da geht nichts mehr.

Aber nicht zu früh, oder?

Man muss nicht sofort alles akzeptieren. Ich habe um meine Ehen gekämpft. Bis es zur Scheidung kam, hatte ich immer noch Hoffnung. Aber irgendwann ist es dann vorbei.

Apropos Akzeptanz: Wann sehen wir Sie als Trainer in der Bundesliga?

Ich bin gar nicht mehr so fokussiert darauf. Ich bin ein Kind der Bundesliga, klar, habe tolle Erfolge gehabt, 20 Jahre in der Nationalmannschaft gespielt. Natürlich wäre es schön, wenn ich die Chance bekommen würde, in der Bundesliga das zu zeigen, was ich als Spieler gezeigt habe: Leistung, Qualität und Erfolge. Aber auch wenn's nicht sein soll, geht mein Leben weiter. Deshalb werde ich mich nicht einschließen und Depressionen bekommen.

Trotzdem waren Sie bisher als Trainer nicht so erfolgreich wie als Spieler. Nagt das?

Ich bekomme meine Bestätigung, jeden Tag. Wenn ich sehe, wie bei einer Lesung 300 Leute gespannt zuhören - das ist ja auch Anerkennung. Man geht auf der Straße, in München, in Berlin, in Budapest, in Mailand, in Tel Aviv. Man wird angehalten, es werden Autogramme verlangt, es werden Bilder gemacht. Diese Anerkennung brauche ich mir nicht als Bundesligatrainer zu holen. Oder als deutscher Nationaltrainer. Weil ich für die Fans etwas Außergewöhnliches geleistet habe.

"Natürlich wäre es schön, wenn ich die Chance bekommen würde, in der Bundesliga das zu zeigen, was ich als Spieler gezeigt habe."
"Natürlich wäre es schön, wenn ich die Chance bekommen würde, in der Bundesliga das zu zeigen, was ich als Spieler gezeigt habe."(Foto: Rothenberg, n-tv.de)

Wie beurteilen Sie Ihren Werdegang als Trainer?

Bei allen Stationen habe ich meinen Stempel hinterlassen, jeweils auf eine andere Art und Weise. Ich bin nicht Weltmeister geworden mit Ungarn, nicht Champions-League-Sieger mit Rapid Wien. Aber die Frage ist doch: Unter welchen Voraussetzungen habe ich gearbeitet? Zum Beispiel in Wien. Musste ich mit jungen Spielern arbeiten? Ja, ich musste. Weil kein Geld da war. Dieses Team zur viertbesten Rückrundenmannschaft gemacht zu haben ist ein größerer Erfolg als die Meisterschaften mit Partizan Belgrad oder mit Red Bull Salzburg. Ich muss immer die Voraussetzungen sehen. Wenn ich mit Bayern München spiele, heißt es: Titel. Mit dem VfL Bochum heißt es: Hauptsache, nicht absteigen.

Sie würden aber schon in die Bundesliga wollen?

Es wäre interessant und eine große Herausforderung. Aber das liegt bei den Verantwortlichen in den Vereinen. Ich bin nicht angewiesen auf die Bundesliga. Ich habe mein Leben im Griff. Ich habe viel Blödsinn gemacht, vielleicht habe ich manchmal die falschen Entscheidungen getroffen. Ich habe mit meinen Kindern mittlerweile ein sensationell gutes Verhältnis. Mein Leben ist sehr stabil ist, sehr gut organisiert. Nach außen sieht es vielleicht nach Chaos aus, weil ich in den letzten 35 Jahren vier Ehefrauen hatte. Aber immer, wenn ich mich verliebt habe, war ich hundertprozentig überzeugt, die Richtige gefunden zu haben.

Hatten Sie denn schon Angebote aus der Bundesliga?

Eintracht Frankfurt und den 1. FC Nürnberg habe ich in meinem Buch beim Namen genannt. Es waren einige Vereine mehr, es gibt immer wieder Gespräche. Aber darauf möchte ich jetzt nicht näher eingehen. Ich finde, das gebietet das Fairplay unter Trainerkollegen.

Würden Sie denn auch zu einem Zweitligisten gehen?

Wenn die Perspektiven stimmen, kann man sich zusammensetzen. Aber dann muss man wissen: Man geht den Weg gemeinsam, auch wenn er ein bisschen holprig ist. Wichtig ist die Kompetenz der Leute, mit denen du zusammenarbeitest. Und wichtig ist, dass man gemeinsam ein Ziel verfolgt. Das kann dann auch bei einem Team aus der zweiten Liga sein.

Ein Leitmotiv des Buches ist Ihre Ehrlichkeit. Die Ihnen, wie Sie sagen, oft im Weg gestanden hat. Was haben Sie daraus gelernt? Ziehen Sie Konsequenzen?

Nein. Ich werde immer ehrlich bleiben. So bin ich erzogen worden. Was mir mehr geschadet hat, war meine Hilfsbereitschaft gegenüber Journalisten. Ich bin etwas vorsichtiger geworden. Aber über viele Jahre war ich jemand, der Interviewanfragen alle mit ja beantwortet hat. Ganz sicher war ich als Gesprächspartner interessant, als Nationalspieler, als erfolgreicher Bundesligaspieler. Danach ist es ruhiger geworden. Als ich als Trainer im Ausland gearbeitet habe, hat man in Deutschland nur noch versucht, das Negative herauszupicken, wenn ich mal zu schnell auf der Autobahn gefahren bin oder abends um elf noch mit Freunden ein Bier getrunken habe. Aber dass ich wieder vier junge Spieler entdeckt hatte, die vorher keiner kannte, hat keinen interessiert. Mancher Journalist will mir nur einen mitgeben und berichtet nicht das, was in Wirklichkeit passiert.

Ist Deutschland zu kritisch mit Lothar Matthäus? Oder nur die Journalisten?

Eher der Journalismus. Der bildet ja Meinung. Einige wollen mit meinem Namen - und auch mit anderen Prominenten - Schlagzeilen machen, um ihre Zeitung besser zu verkaufen. Boris Becker wird in England, in Frankreich, in Amerika angehimmelt, weil er den Tennissport geprägt hat. Das hat ein Mensch wie Boris Becker auch verdient. Und nicht den Neid wie hier in Deutschland. Den spüre ich auch. Im Ausland hingegen interessiert, was jemand in seinem Job, für den Sport, für sein Land geleistet hat.

Sind also nur die Journalisten die Ursache für Ihr negatives Image?

Nein, ich bin auch selbst dafür verantwortlich.

Trotzdem schreiben Sie: Die Deutschen sind zu undankbar mit ihren großen Stars.

Weil sie beeinflusst werden. Wenn ich jeden Tag irgendetwas lese, glaube ich es irgendwann. Deswegen habe ich mich dazu durchgerungen, diese Autobiografie zu schreiben. Vor fünf, sechs Jahren hat es so einen Trend gegeben, dass einige Bücher über mich herausgekommen sind, von denen ich gar nichts wusste. Schnell habe ich gemerkt: Was da steht, das stimmt nicht, das bist du nicht, das ist schlecht recherchiert. Also warum schreibst du nicht mal selber was, damit der Fan mitbekommt, wie du in Wirklichkeit tickst? Das meiste über mein Leben muss ja wohl ich selbst wissen - und nicht ein Journalist, der mich gar nicht kennt.

"Ein Verein muss sich fragen: Was holt man sich mit Lothar Matthäus ins Haus?"
"Ein Verein muss sich fragen: Was holt man sich mit Lothar Matthäus ins Haus?"(Foto: Rothenberg, n-tv.de)

Wie sehr haben Ihnen diese Schlagzeilen beruflich geschadet? Die Vereine scheinen sich zu scheuen, einen Lothar Matthäus auf die Bank zu setzen.

Das ist das Gleiche, als wenn man eine neue Beziehung mit einer Frau eingeht. Dann ist in den ersten zwei Wochen richtig Alarm. Wenn ich morgen wirklich in der Bundesliga arbeiten sollte, wäre das Interesse groß. Ein Verein muss sich fragen: Was holt man sich mit Lothar Matthäus ins Haus? Qualität als Trainer, hat internationale Erfahrung, kann mit verschiedenen Mentalitäten umgehen, kann auf die Spieler eingehen, hat ein gutes Näschen, hat ein gutes Auge. Aber auch: Wenn wir ihn holen, wird morgen der Presseraum nicht ausreichen und wir müssen uns etwas einfallen lassen. Ja, wenn das das Schlimmste ist - dann gute Nacht. Christoph Daum ist schließlich auch zurückgekommen.

Haben Sie jemals überlegt, etwas diskreter mit Ihrem Privatleben umzugehen?

Sie merken doch: Ich bin ein fröhlicher Mensch. Ich werde mich nicht zu Hause einschließen, nur weil einige Journalisten das gerne hätten. Ich lebe mein Leben, wie ich es denke. Ich weiß, dass ich Fehler gemacht habe. Ich versuche, die Fehler zu korrigieren. Ich bin ein freier Mensch. Ich habe keinem etwas getan. Ich habe die Probleme, die ich mir aufgehalst habe, geregelt. Mir hat keiner geholfen. Ich bin nie zur Bank gegangen und habe gesagt, ich brauche einen Kredit, um meine Ex-Frau auszubezahlen. Darauf bin ich stolz.

Gibt es irgendetwas in Ihrem Leben, was Ihnen schrecklich peinlich ist?

Es gibt einige Sachen, die nicht angenehm sind.

Was steht auf Platz eins?

Mein Privatleben, gerade wenn es dann zu den Scheidungen gekommen ist. Das ist zu stark in die Öffentlichkeit gedrungen. Wobei ich da nicht alleine der Schuldige bin. Es spielen sich ja immer beide Seiten den Ball zu. Die Journalisten haben sich natürlich gefreut. Das wäre eine Sache, die ich gerne anders gehabt hätte. Man sollte sich einfach nicht zu diesen Dingen in der Öffentlichkeit äußern, auch wenn man meint, man ist im Recht. Das ist dann wie eine Lawine, wie ein Dominosystem. Der Leidtragende bin am Ende nicht nur ich, sondern auch meine Eltern, meine Kinder. Jetzt aber ist es mein Ziel, irgendwann wieder als Trainer zu arbeiten.

Und wann wird das sein?

Die Zeichen stehen gut, dass es zum neuen Jahr klappen könnte.

In Deutschland?

In Europa. Da gehört Deutschland auch zu. Und vielleicht kommt morgen was aus Asien. Keiner weiß es, der Fußball ist so schnelllebig. Aber es sieht gut aus.

Thema Nationalmannschaft. Das 4:4 gegen Schweden. Können Sie das erklären?

Wir waren in Monte Carlo im Hafen mit Pelé auf einem Schiff beim Essen, ein toller Abend, ein langer Tisch mit Kerzen drauf, interessante Leute, da wollte ich nicht ständig auf mein Handy gucken. Dass es 3:0 für Deutschland stand, wussten wir. Irgendwann habe ich ganz verstohlen mein iPhone herausgeholt. Auf einmal steht da 4:4. Mensch, denke ich, der Rotwein. Ansonsten gilt: Franz Beckenbauer hat recht: Man muss über so ein Ergebnis schmunzeln können. Es ist unglaublich, aber so ist unser Sport. Das macht doch den Fußball so interessant. Über dieses 4:4 nach einem 4:0 wird Deutschland noch in 100 Jahren sprechen.

Würden Sie als Trainer da auch drüber schmunzeln?

Nach den Erfolgen, die Jogi Löw in den letzten Jahren hatte, und so, wie sich der deutsche Fußball entwickelt hat - das ist doch super. Natürlich hat es eine Niederlage gegen Spanien gegeben, eine gegen Italien. Aber ich sehe das Gesamtpaket. Das ist einzigartig. Ein Pelé, der Fußballgott, der fand das 4:4 auch unglaublich. Aber was macht er? Er schwärmt vom deutschen Fußball! Von den Spielern, die wir haben. Was wir gesehen haben, seitdem Jogi Löw beim Deutschen Fußballbund ist, ist fantastisch.

Wo hakt es?

"Wir brauchen auch mal den einen oder anderen Sauhund."
"Wir brauchen auch mal den einen oder anderen Sauhund."(Foto: Rothenberg, n-tv.de)

Unsere Problemzone ist die Abwehr. Gegen Schweden war zu viel Sicherheit da, jeder gibt zehn Prozent weniger - und dann kommt der Druck dazu. Spätestens nach dem zweiten Gegentor beginnt es in den Köpfen zu arbeiten. Und dann muss man fragen: Hätte von außen eine Reaktion kommen müssen? Hätten Bastian Schweinsteiger oder Kapitän Philipp Lahm reagieren müssen? Oder ein anderer der Führungsspieler? Da hätte einer einem schwedischen Gegenspieler klarmachen müssen: Hör mal zu, ihr habt uns ein bisschen geärgert, aber jetzt sind wir wieder an der Reihe. Dieses Zeichen hat gefehlt. Das weiß auch Jogi Löw. Und er hat ja zugegeben, dass er hätte auswechseln müssen, um eine defensivere Ausstattung zu haben. Er hat nicht reagiert, die Spieler haben nicht reagiert. Die einzigen, die reagiert haben, waren die Schweden. Weil die gemerkt haben: Da ist was drin.

Wie viel Einfluss hat ein Trainer in so einer Situation? Seine Hauptaufgabe ist es doch, die Mannschaft vorzubereiten. Wenn das Spiel läuft, ist sein Einfluss doch eher gering.

Das stimmt nicht. Wenn der Trainer nur einen Vorbereitungsjob hätte, könnte er am Samstagnachmittag Urlaub machen. Natürlich, wenn die Mannschaft spielt, kannst du nicht auf jeden Spieler Einfluss nehmen. Aber du kannst Unterbrechungen nutzen, um deinen verlängerten Arm auf dem Platz zu dir zu holen. Und du kannst im taktischen Bereich reagieren. Was in dem besagten Spiel auffiel: Wir hatten keine klare Nummer sechs, Sami Khedira hat ja gefehlt. Toni Kroos und Schweinsteiger sind ja keine defensiven Mittelfeldspieler, sind eher offensiv. Vielleicht wäre ein Wechsel auf dieser Position die richtige Entscheidung gewesen. Aber keiner gibt dir die Garantie, mit dieser Auswechslung das Spiel zu gewinnen.

Noch einmal: Was hätten Schweinsteiger und Lahm tun sollen?

Ich erwarte von einem Kapitän wie Lahm oder von einem Führungsspieler wie Schweinsteiger, dass er ein Zeichen setzt. Auf jeden Fall muss etwas passieren. Du kannst dich mit dem Schiedsrichter anlegen oder die Fans aufrütteln. Aber so etwas ist eben nicht passiert.

Kann man das einer Mannschaft beibringen?

Nicht einer Mannschaft. Der Spieler muss dieses Feuer in seinem Blut haben. Die Generation ist generell zu ruhig. Das liegt auch an den Medien. Wenn einer so ausflippt wie ich früher manchmal, steht der sofort am Pranger. Es will aber keiner mehr anecken. Deswegen fehlt uns in gewissen Situationen jemand, der den Balotelli über die Seitenlinie tritt oder eben den Zlatan Ibrahimovic. Der war am Tag nach dem Spiel in Berlin auch in Monte Carlo. Und hat den deutschen Fußball in höchsten Tönen gelobt, als kommenden Weltmeister. Auch da wieder die Anerkennung im Ausland. Aber: Wir brauchen auch mal den einen oder anderen Sauhund.

Ist der in Sicht?

Wir haben schon schlitzohrige Spieler, aber jeder auf seine elegante, fußballerische Art. Es fehlt eine Spielerpersönlichkeit wie Italiens Andrea Pirlo. Einer, der im entscheidenden Moment auf den Ball steigt, das Tempo rausnimmt und die Mannschaft organisiert. Khedira ist auf dem Weg dahin. Auch weil er Stammspieler bei Real Madrid ist, hat er an Persönlichkeit gewonnen. Das überträgt er auf die Nationalmannschaft, er spielt selbstbewusster, übernimmt mehr Verantwortung. Aber er ist ganz sicher noch nicht so weit wie ein Pirlo.

Wohin führt der Weg der DFB-Elf? Viele fordern Erfolge, ein Titel soll her.

Was ist Erfolg? Es ist einfach so, dass Spanien zurzeit über alle Maßen dominiert. Das ist vielleicht unser Pech. Wir haben zweimal gegen Spanien den Kürzeren gezogen, 2008 und 2010. Und zweimal gegen Italien, 2006 und jüngst bei der EM. Das sind zwei Mannschaften, die uns entweder nicht liegen, wie die Italiener, oder einfach besser sind, wie die Spanier.

Also fehlt doch ein Spieler, wie sie es früher waren. Warum gibt es die nicht mehr?

Wegen der Öffentlichkeit. Weil die diesen Führungsstil, den wir früher hatten, nicht mehr akzeptiert. Oliver Kahn, Stefan Effenberg, Paul Breitner, Klaus Augentaler, ich. Wir waren ja alle fußballbesessen. Wir waren fußballverrückt. Heute sind die Voraussetzungen anders. Die Spieler werden anders erzogen, anders vorbereitet aufs Profisein. Mehr im Kollektiv. Ich sehe in der Bundesliga keinen der alten Garde. Wir waren Persönlichkeiten. Elf gute Freunde müsst ihr sein - alles Humbug. Erfolg müsst ihr haben. Und wir haben Titel gewonnen.

Quelle: n-tv.de

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