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Na Kleiner, gut gemacht: Für Defensiv-Aushilfe Joshua Kimmich gibt's eine väterliche Umarmung von Torwart-Titan Manuel Neuer.
Na Kleiner, gut gemacht: Für Defensiv-Aushilfe Joshua Kimmich gibt's eine väterliche Umarmung von Torwart-Titan Manuel Neuer.(Foto: imago/MIS)

FC Bayern in Not - und gegen Juve: Setzt Guardiola weiter auf die "Zwergreihe"?

Von Tobias Nordmann

Gegen Augsburg muss Bayerns Josep Guardiola improvisieren. Mit Holger Badstuber fällt auch der letzte noch gesunde Innenverteidiger aus. Der Trainer stellt die vermutlich kleinste Viererkette der Welt auf. Auch gegen Juventus Turin?

Die Nachricht hat den FC Bayern hart getroffen: Holger Badstuber hat sich wieder verletzt. Erneut schwer. Mindestens drei Monate muss er pausieren. Das Sprunggelenk hat's erwischt. Er vergrößert damit das Lazarett der Münchener Abwehrkanten - gleich vier Abräumer mit Gardemaß sind derzeit zum Zuschauen verdonnert, neben Badstuber Jérôme Boateng, Javi Martínez und Mehdi Benatia. Diesem massiven Verteidigerschwund hält selbst der bayrische Luxuskader nicht stand. Josep Guardiola hat ein Problem. Ein gewaltiges sogar.

Beim mühelosen 3:1-Erfolg gegen den FC Augsburg am Sonntag fiel das indes weniger ins Gewicht. Denn die Schwaben waren gegen die offensiv wieder gut in Schwung gekommene Elf des Rekordmeisters chancenlos. Und auch das anstehende "Testspiel" gegen Darmstadts B-Elf taugt wohl kaum zu einem Härtetest der am 21. Spieltag aus der Not heraus improvisierten bayrischen "Zwergenreihe" mit Philipp Lahm (1,70 Meter), Joshua Kimmich (1,76 Meter), David Alaba (1,80 Meter) und Juan Bernat (1,76 Meter). In der kommenden Woche aber wartet Juventus Turin im Champions-League-Achtelfinale (am 24. Februar ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) - und bis dahin braucht Bayerns-Defensive eine sattelfeste Alternative. Doch wie könnte die aussehen?

Nun, vielleicht tatsächlich so wie gegen Augsburg. Denn die aus den personellen Engpässen designte Viererkette hat ihren Job insgesamt gut gemacht. Bis auf eine einzige Ausnahme. Und die offenbart eine der beiden großen Schwächen der kleinen Lösung. Beim späten Gegentreffer durch Raúl Bobadilla reichte dem Argentinier eine kurze Körperdrehung, um den gelernten Mittelfeldmann Kimmich - der sonst ein gutes Spiel machte - ins Leere laufen zu lassen. Eine starke Szene des Angreifers, ganz sicher. Aber eine, die ein erfahrener Innenverteidiger vermutlich anders, souveräner gelöst hätte. Problem Nummer zwei erklärt Guardiola selbst: "Jede Mannschaft der Welt ist im Kopfball stärker als wir. Das ist nicht die Idealsituation", sagte der Katalane nach dem "ersten Spiel meines Lebens ohne Innenverteidiger". Ihn treibt die berechtigte Sorge um, dass sich der Mangel an Körpergröße spätestens gegen Juve als gewichtiger Nachteil erweisen könnte. Der Einwand von Sportvorstand Matthias Sammer, dass Lahm und Co. gegen die Angreifer der Italiener um den Ex-Münchener Mario Mandzukic und Álvaro Morata oder die Mittelfeld-Hünen Paul Pogba und Sami Khedira halt höher springen müssen, kann in die Kategorie "Galgenhumor" einsortiert werden.

Kein Vertrauen in Tasci?

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Aber wer könnte die Alternative sein? Serdar Tasci offenbar nicht. Den Winterzugang hält Guardiola für noch nicht fit genug. Vor dem Pokalspiel in Bochum hatte er gesagt: "Sein Problem ist die Kondition." Und das Problem scheint so unüberwindbar groß, dass der Ex-Stuttgarter weder gegen den VfL (3:0) noch gegen Augsburg Wettkampfpraxis sammeln durfte - Vertrauen sieht anders aus. Ähnlich dürfte es sich mit Benatia verhalten. Der trainiert zwar seit Montag wieder mit der Mannschaft, war aber über zwei Monate verletzt. Bis er eine gesunde und stabile Option für die Münchener Viererkette ist, wird es logischerweise noch ein paar Tage dauern. Ein Einsatz gegen die derzeit mit 13 Siegen in Serie bestens aufgelegten Turiner? Ein Risiko.

Bleibt noch die Lösung Xabi Alonso. Und das scheint keine so ganz schlechte zu sein. Der spanische Spielgestalter wäre mit 1,83 Metern der Hüne in der "Zwergen-Reihe". Er ist extrem routiniert, hat ein gutes Kopfballspiel und ist sehr clever im Zweikampf, was übrigens auch für Lahm, Alaba und Kimmich gilt. Einzig beim Tempo offenbart der Weltmeister des Jahres 2010 mit zunehmendem Alter immer größere Defizite - an der Seite des extrem flinken Alaba wäre das indes ein kalkulierbares Risiko. Doch dass Alonso seinen Geschwindigkeits-Nachteil auch auf höherem Spielniveau kompensieren kann, hat er in dieser Saison bereits bewiesen.

Dreierkette ist eine gefährliche Alternative

Am dritten Spieltag in Leverkusen rückte er in die Innenverteidiger, überzeugte mit tollem Stellungsspiel, einer soliden Zweikampfquote von 50 Prozent und einem überragenden Aufbauspiel bei 92 Prozent angekommenen Pässen. Ein anderes Modell für die kommenden Spiele könnte die von Guardiola gern gespielte, aber lange nicht mehr praktizierte Dreierkette sein. Doch auch dieses Gedankenspiel mit einer möglichen Formation um Alonso, Alaba und Kimmich (eventuell sogar Benatia), defensiv besetzten Außenbahnen mit Lahm und Bernat/Rafinha sowie einem nur aufs Abräumen bedachten Arturo Vidal scheint nicht nur aufgrund mangelnder Spielroutine zu riskant.

Gleich sechs Feldspieler würden sich in diesem System beinahe ausnahmslos auf das Verteidigen konzentrieren - was die auf Ballbesitz und Passstafetten ausgerichtete Offensive merklich hemmen würde. Eine Erfahrung, sie dauerte exakt 14 Minuten, die Guardiola mit den Bayern schon einmal machte und die mächtig in die Hose ging - am 6. Mai 2015 beim 0:3 im Champions-League-Halbfinal-Hinspiel gegen seinen Ex-Klub FC Barcelona.

Was auch immer er sich nun einfallen lässt, der Bayern-Coach muss möglichst schnell eine Lösung finden. Denn eine neue Abwehr-Formation braucht Abstimmung. Das geht nur über Spielminuten. Davon gibt es am Samstag die nächsten 90, wenn auch nur gegen eine Darmstädter B-Elf. Aber egal, auch ein Testspiel unter Wettkampfbedingungen bringt Routine - dringend benötigte, mit Blick auf den kommenden Dienstag in der Champions League.

Quelle: n-tv.de

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