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Max Kruse steht beim VfL Wolfsburg nicht unmittelbar vor dem Rauswurf, aber dennoch am Scheideweg seiner Karriere.
Max Kruse steht beim VfL Wolfsburg nicht unmittelbar vor dem Rauswurf, aber dennoch am Scheideweg seiner Karriere.(Foto: dpa)

Reden statt Rauswurf-Reflex: VfL Wolfsburg schützt den Menschen Kruse

Von Christoph Wolf

Jeden Tag eine neue Peinlichkeit: Der Wolfsburger Fußballer Max Kruse erlebt den Tiefpunkt seiner Laufbahn, durch Dummheit und dubiose Indiskretionen. Sein Klub stellt sich vor den Menschen Max Kruse, aber klar: Der Profi steht am Scheideweg seiner Karriere.

Als Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking am Vormittag zum Training bat, fehlte der momentan prominenteste VfL-Profi. Max Kruse war zwar pünktlich auf der Anlage des Fußball-Bundesligisten eingetroffen, mit seinen Teamkollegen übte er aber nicht. Das nährte Spekulationen: Über eine Suspendierung wie durch Bundestrainer Joachim Löw oder gar über einen Rauswurf nach den jüngsten Vorfällen. Spekulationen, die Hecking nach dem Training zerstreute.

Seine erste Botschaft lautete: Kruse bleibt vorerst Spieler des VfL Wolfsburg. Dass der Stürmer den Verein verlassen muss, verneinte er: "Davon gehe ich im Moment nicht aus." Auch suspendiert ist Kruse anders als Teamkollege Nicklas Bendtner nicht: "Wir haben mit Max gesprochen, ab morgen wird er wahrscheinlich wieder ganz normal trainieren."

VfL-Coach Dieter Hecking geht nicht von einem Rauswurf Kruses aus.
VfL-Coach Dieter Hecking geht nicht von einem Rauswurf Kruses aus.(Foto: imago/Team 2)

Die zweite, wichtigere Botschaft ist: Der Verein ist offenbar bereit, den Menschen Max Kruse zu schützen - vor den Medien, der Öffentlichkeit, auch vor sich selbst. So, wie es der ebenfalls skandalerprobte Weltmeister Kevin Großkreutz in einem ebenso emotionalen wie treffenden Appell gefordert hatte. Auf Instagram verteidigte Großkreutz seinen Fußballerkollegen nach dem DFB-Rauswurf gegen öffentliche Empörungswellen und mahnte: "Passt auf, dass Ihr den Menschen nicht kaputt macht."

Das tat der VfL, indem er seinen Spieler vor den zahlreichen Medienvertretern abschirmte. "Er war da und hat ein individuelles Programm bekommen", erklärte Hecking im Hinblick auf Kruses Sondereinheit. Mit Blick auf den ungewohnten Medienrummel beim VfL-Training fügte er an: "Wir sehen ja, was hier heute los ist. Das muss er nicht durchmachen."

Als Topscorer am Tiefpunkt

Das Motto in Wolfsburg lautet vorerst weiter: Reden statt reflexartiger Rauswurf. "Es ist wichtig, dass man da auch die Meinung von Max hört", kündigte Hecking weitere Gespräche mit dem Spieler an. Zu bereden gibt es zwischen Kruse und der sportlichen Leitung derzeit mehr, als allen Beteiligten lieb sein kann. Der 28-Jährige ist zwar Topscorer des VfL, steht aber dennoch am Tiefpunkt seiner Karriere. Zu den Schlagzeilen über den Verlust von Geld in einem Berliner Taxi, angeblich ungesunde Ernährung und einen dubiosen Streit mit einer "Bild"-Journalistin gesellte sich am Montagabend nun noch eine delikate Veröffentlichung.

Kurz zuvor war Kruse von Bundestrainer Joachim Löw aus dem DFB-Kader gestrichen und öffentlich an den Pranger gestellt worden. Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff verteidigte die Entscheidung in Berlin, wo sich das DFB-Team ohne den Wolfsburger zur Vorbereitung auf die Länderspiele gegen England und Italien traf: "Das war eine Anhäufung von Ereignissen und am Ende war der Bogen überspannt." Kruse trage ganz allein die Verantwortung für sein Handeln, betonte Bierhoff.

Züge einer Kampagne

Die kontinuierliche Veröffentlichung von teils Monate zurückliegenden Indiskretionen aus Kruses Privatleben in den vergangenen Wochen, vor allem in der "Bild"-Zeitung, trägt allerdings Züge einer Kampagne. Selbst Bierhoff mochte nicht so recht an Zufall glauben, dass Kruses Privatvideo ausgerechnet am Montagabend lanciert wurde: "Grundsätzlich ist es nicht verwerflich, wenn einer ein Video macht. Aber es passt ein bisschen in die Geschichte rein."

Allofs kommentierte den nächsten Vorfall um "Sorgenkind" Kruse zurückhaltend. Die Enttäuschung über das unprofessionelle Verhalten des 28-Jährigen war dem Wolfsburger Manager schon in den vergangenen Tagen deutlich anzumerken gewesen, zumal der vorbelastete Profi bei seiner Unterschrift in Wolfsburg Besserung gelobt haben soll. Kruses Suspendierung im DFB-Team wertete der Verein als überfälligen Warnschuss - mit der Hoffnung, dass er beim Spieler nachhaltige Wirkung hinterlasse.

Dann kam das Video und neuer Ärger, ohne dass Kruse etwas dafür konnte. "Wir haben uns gestern und auch heute ausführlich mit dem Thema beschäftigt. Es ist von gestern auf heute wieder Neues dazugekommen. Wir werden uns noch weiter beraten, wie wir damit umgehen", sagte Allofs und ergänzte: "Wir wollen verantwortungsvoll im Sinne des Vereins entscheiden, aber auch die persönliche Situation des Spielers berücksichtigen."

Selbst-Demontage und Demontage

Dabei scheint der Verein gewillt zu berücksichtigen, dass Kruse sich mit seinem Verhalten massiv selbst schadet und auch seinem Klub, er aber abseits der Peinlichkeiten niemanden belästigt oder gar eine Straftat begangen hat. Nach dem Vorfall mit der "Bild"-Reporterin am Wochenende, die Kruse nachts um 2 Uhr in einem Klub ungefragt fotografiert hatte, war dem Stürmer vom Verein die zweite fünfstellige Geldstrafe binnen einer Woche auferlegt worden. Auch da hatte sich Allofs trotz seiner persönlichen Enttäuschung über Kruses unprofessionelles Verhalten bemüht, zu differenzieren. Im "Kicker" betonte er, der Verein müsse unterscheiden: "Bei welchen Geschichten kann der Spieler etwas dafür, wo ist er in eine Schublade abgelegt?"

In Kruses Fall ist die Unterscheidung zwischen Selbst-Demontage und Demontage keine Entschuldigung, aber wesentlich. Denn wenngleich Allofs betonte, das ein Rauswurf im Verein weitaus schwieriger durchzusetzen sei als im Nationalteam ("Eine grundverschiedene Ausgangssituation"), scheinen den Klub keineswegs nur Formalitäten von diesem Schritt abzuhalten. Vielmehr erinnerte Allofs daran, dass der Verein trotz der Verfehlungen des Profis Max Kruse auch eine Fürsorgepflicht für den Mensch Max Kruse trägt und sie wahrzunehmen gedenkt: "Wir müssen ihn langsam auch mal ein Stück weit schützen." Dabei muss Max Kruse aber auch mithelfen - als Profi und Mensch.

Quelle: n-tv.de

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