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In Helsinki besetzte Greenpeace zwei finnische Eisbrecher, die bei den Ölbohrungen in der Arktis zum Einsatz kommen sollen.
In Helsinki besetzte Greenpeace zwei finnische Eisbrecher, die bei den Ölbohrungen in der Arktis zum Einsatz kommen sollen.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Kaum beherrschbar, aber lukrativ: Arktis wird zur Bohrplattform

Von Andrea Schorsch

Als erster internationaler Konzern darf Shell in der Arktis nach Öl bohren. Das Vorhaben verschlingt mehrere Milliarden Dollar und ist hochriskant. Eisberge bringen die Plattformen immer wieder in Gefahr. Ein Unfall würde zur unkontrollierbaren Katastrophe. Der Grund: Konventionelle Rettungsmaßnahmen greifen hier nicht.

Die Weltbevölkerung lechzt nach Öl. Knapp 89 Millionen Barrel verbraucht sie täglich, das sind mehr als 14 Milliarden Liter. Und der Bedarf steigt. Nach Schätzungen der Internationen Energieagentur (IEA) soll er schon 2015 Tag für Tag bei 93 Millionen Barrel liegen. Besonders stark wächst die Nachfrage in Nordamerika, Indien und vor allem China.

Greenpeace-Aktion vor einer Shell-Tankstelle in Hamburg. Bei Protesten in Holland gegen Shells erste arktische Ölbohrung sind 18 Umweltschützer festgenommen worden.
Greenpeace-Aktion vor einer Shell-Tankstelle in Hamburg. Bei Protesten in Holland gegen Shells erste arktische Ölbohrung sind 18 Umweltschützer festgenommen worden.(Foto: picture alliance / dpa)

Kein Wunder, dass die großen erdölfördernden Konzerne schon seit Jahrzehnten Richtung Arktis schielen. Dort, am nördlichen Ende der Welt, vermuten Experten ein Erdölvorkommen, das den globalen Bedarf drei Jahre lang decken würde. Rund 90 Milliarden Barrel sollen dort, größtenteils unter dem Meeresboden, verborgen sein.

Bohrungen in der Arktis sind kostenaufwendiger als an anderen Orten der Welt. Doch der Klimawandel spielt den Konzernen in die Hände: Die arktische Eiskappe schmilzt, und so wird es nicht nur technisch möglich, die Ressourcen zu erschließen, es wird auch wirtschaftlich interessant.

Startschuss für Shell ist gefallen

Als erster internationaler Konzern hat Shell Anfang des Monats die Genehmigung erhalten, mit Ölbohrungen in der Arktis zu beginnen. Am 9. September sollte es losgehen: Westlich von Alaska, in der Tschuktschensee, will das britisch-niederländische Unternehmen nun in die Tiefe dringen. Der Startschuss war bereits gefallen, und die Zeit drängte, denn Ölbohrungen sind in arktischen Gefilden nur in den Sommermonaten möglich.

Doch jetzt liegen die Pläne erst einmal auf Eis. Eines der Spezialschiffe, die im Ernstfall Lecks reparieren und eine Ölpest verhindern sollen, wurde beschädigt. Das hat Shell dazu bewogen, die Bohrungen auf die nächste Sommerperiode zu verschieben. Bereits im Vorfeld hatte der Konzern 4,5 Milliarden Dollar in das Projekt "Arktis" investiert. Die Summe zahlt sich aus, sollte Shell bei den Bohrungen, die 1200 Meter tief gehen dürfen, tatsächlich auf Öl stoßen. Dann werden sich auch andere Konzerne verstärkt um Lizenzen bemühen, um in der Region Öl zu fördern.

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Auf der anderen Seite der Arktis, in der Petschorasee, steht schon seit letztem Sommer eine russische Ölbohrplattform bereit. Sie wird von GazpromNeftShelf betrieben. Umgeben von dicken Eisschichten trifft die 600-köpfige Besatzung dort zurzeit die letzten Vorbereitungen. Im kommenden Jahr soll die Förderung beginnen.

Westlich von Grönland dagegen, in der Baffinbucht, ist bereits seit 2010 eine Bohrplattform von Cairn Energy in Betrieb. Cairn betreibt weder Raffinerien noch Tankstellen. Der kleine schottische Konzern hat sich auf die Erschließung kleinerer oder schwieriger Ölfelder spezialisiert. In der Baffinbucht stieß Cairn auf Gas. Das ist zwar nicht wirtschaftlich förderbar, kann aber darauf hinweisen, dass sich Öl in der Nähe befindet. Mittlerweile erhielt Cairn von Grönland die Genehmigung für zwei weitere Tiefseebohrungen.

Ein Unfall wäre nicht beherrschbar

Umweltschützer sind von diesen Entwicklungen alarmiert. Riesige Brocken, die von Gletschern fallen, gefährden die Plattformen. Um diese zu sichern, muss hoher technischer Aufwand betrieben werden. Eisberge etwa, die auf Kollisionskurs mit der Bohrinsel gehen, werden von Schleppern auf Distanz gebracht. Treibeis wird besprüht, so dass es schmilzt. Käme es zu einem Unfall, könnte ein Unternehmen wie Cairn die notwendige Reinigung des arktischen Meeres gar nicht zahlen. Cairn hätte auch nur 14 Schiffe, mit denen es ausgelaufenes Öl auffangen könnte. Bei dem Öldesaster 2010 im Golf von Mexiko aber, diese Zahl zum Vergleich, schickte BP mehr als 6500 Schiffe auf den Weg. Und selbst damit war das Unglück lange Zeit nicht beherrschbar.

Auch für große Konzerne wie Shell bleibt die Ölförderung in der Arktis hochriskant. Die Probleme sind vielfältig: Ölbarrieren, andernorts üblich, lassen sich in der Arktis nicht ausbringen. Das Eis würde sie hochdrücken. Skimmer, die das Öl von der Meeresoberfläche saugen, können nicht eingesetzt werden, weil Eisflächen im Weg sind. "Um unter dem Eis Öl abzusaugen, fehlen momentan vernünftige technische Verfahren", sagt Kai Britt, Energieexperte bei Greenpeace.

Eine Krisen-Infrastruktur, wie sie im Golf von Mexiko bestand, kann es in der Arktis gar nicht geben. Die Shell-Bohrfelder sind 2000 Kilometer vom nächsten größeren Hafen entfernt. Von der Gazprom-Plattform auf der anderen Seite sind es 1200 Kilometer bis zum Hafen Murmansk. Selbst wenn Rettung naht, braucht die bei diesen Entfernungen ihre Zeit.

Öl könnte sechs Monate sprudeln

Kommt es bei den Bohrungen ausgerechnet gegen Ende des Sommers zu einem Unfall, stehen die Chancen, die Katastrophe in den Griff zu bekommen, besonders schlecht: Der Winter naht, anhaltende Dunkelheit erschwert jede Aktion, die Eisdecke wächst und verhindert das Vorankommen. Dies bedeutet, wie Britt es in einem Interview auf den Punkt bringt, "dass man erst ein halbes Jahr später an das Bohrloch rankommt, um es zu verschließen." Dann nämlich, wenn die Eisdecke wieder geschmolzen ist.

Und während in wärmeren Gefilden auch Bakterien für die Zersetzung ausgelaufenen Öls sorgen, sind die Temperaturen in der Arktis dafür schlicht zu niedrig. Die Konsequenzen, die ein Ölunfall für das arktische Ökosystem hätte, sind bislang unüberschaubar. "In dieser empfindlichen Umwelt, in welcher schon der Abdruck eines Wanderschuhs im Moos sich erst nach Jahrzehnten wieder verflüchtigt, Eisen kaum rosten will, sich sogar organische Abfälle nur langsam zersetzen, im Wasser schwebende Stoffe immer langsamer abgebaut werden als andernorts – hier verzeiht die Natur Umweltsünden besonders schwer", warnt Greenpeace.

Davon auszugehen, dass angesichts hoher Sicherheitsstandards nichts passieren wird, wäre mehr als blauäugig. Allein die Havarie der Deepwater Horizon 2010, das ölverseuchte Nigerdelta und die durchgerostete Ölleitung, die 2006 zu einer Ölpest in Alaska führte, sprechen ihre ganz eigene Sprache. "Die Frage ist nicht ob, sondern wann es zu einem Ölunfall in der Arktis kommen wird", sagt daher auch Jörg Feddern, Ölexperte von Greenpeace. "Mit jeder Bohrung steigt das Risiko."

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Quelle: n-tv.de

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