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COPD hebt langsam die Funktion der Lunge auf.
COPD hebt langsam die Funktion der Lunge auf.

AHA: Auswurf, Husten, Atemnot: COPD, die unbekannte Volkskrankheit

Die Chronische obstruktiven Lungenerkrankungen, kurz COPD genannt, werden bis 2020 auf Platz drei der häufigsten Todesursachen weltweit rutschen, kündigt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) an. Dennoch sind die Erkrankungen, die sich hinter COPD verbergen, kaum bekannt - außer man leidet selbst darunter. Was man über COPD wissen sollte, welche Auslöser es gibt und warum es dringend nötig ist, dem Raucherdasein abzuschwören, erklärt der niedergelassene Pneumologe Dr. Michael Barczok, der auch Sprecher des Bundesverbandes der Pneumologen (BdP) ist, in einem Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Was versteht man unter COPD?

Michael Barczok: Die Abkürzung COPD steht für den englischen Begriff "Chronic Obstructive Pulmonary Disease", was übersetzt so viel heißt wie Dauerhaft verengende Atemwegserkrankung. Unter COPD werden die chronische Bronchitis, also eine dauerhafte Entzündung der Bronchien, und die daraus entstehende anhaltende Überblähung der Lungenbläschen, die medizinisch als Lungenemphysem bezeichnet wird, zusammengefasst. COPD entwickelt sich schleichend und über Jahre hinweg. Die Symptome werden vor allem im Anfangsstadium nicht richtig eingeordnet oder vom Patienten ernst genommen. In Deutschland sind drei bis fünf Millionen Menschen an COPD erkrankt - Tendenz steigend.

So viele? Was führt denn zu COPD?

Durch COPD können Menschen weit vor dem Rentenalter zu Pflegefällen werden.
Durch COPD können Menschen weit vor dem Rentenalter zu Pflegefällen werden.(Foto: imago/epd)

An erster Stelle ist hier das Rauchen zu nennen. Aus diesem Grund wird umgangssprachlich auch von einer Raucherlunge gesprochen. 80 bis 90 Prozent der COPD-Erkrankungen werden durch das Rauchen verursacht. Neun von zehn COPD-Patienten sind oder waren Raucher. Dazu kommen Faktoren wie Umweltverschmutzung, Passivrauchen oder jahrelanger Umgang mit Staub oder Gasen im Beruf. Ebenso können häufige Atemwegserkrankungen in der Kindheit, aber auch genetische Veranlagungen zu COPD führen.

Was sind Symptome bei COPD-Patienten?

Die typischen Beschwerden von COPD-Patienten werden unter der Abkürzung AHA zusammengefasst. A steht für Auswurf beim Husten. Dabei wird Schleim aus den Atemwegen mittels Husten hervorgebracht. H steht für das Husten an sich, vor allem am frühen Morgen. Und das zweite A steht für Atemnot, die zuerst unter körperlicher Belastung, also beispielsweise beim Treppensteigen, mit Voranschreiten der Erkrankung auch in Ruhephasen auftritt. Dazu kommen Begleiterscheinungen wie das allgemeine Absinken von Leistungsfähigkeit und Lebensqualität.

Wie weit ist denn die Krankheit fortgeschritten, wenn man Atemnot wegen COPD bekommt?

Das lässt sich pauschal nicht sagen, weil das von Patient zu Patient verschieden ist. Die meisten gehen jedoch tatsächlich erst zum Arzt, wenn sie unter ihrer Atemnot, einer Infektion oder der geringer werdenden Belastbarkeit leiden. Bei einer sich über Jahre entwickelnden COPD werden die auftretenden Symptome vom  Patienten gar nicht richtig wahrgenommen. Meistens wird die abnehmende Leistungsfähigkeit auf ein zunehmendes Alter oder ein Zuwachs an Körpergewicht geschoben. Nimmt die Lungenleistung ab, bewegen sich die Menschen instinktiv auch weniger. Kommt es dann doch einmal zu Atemnotsituationen, dann werden diese durch körperliches Schonen in den Alltag integriert. Erst wenn das nicht mehr möglich ist, gehen diese Menschen zum Arzt. Dann sehen wir oft Patienten, bei denen schon mehr als die Hälfte der Lunge durch COPD irreversibel zerstört ist.

Steckt hinter jeder Atemnot eine COPD?

Nein. Es gibt eine Reihe von Erkrankungen, die zu Atemnot führen können. Dennoch ist die Beantwortung der folgenden drei Basisfragen mit ja bei fast 50 Prozent der Betroffenen der Hinweis auf COPD. Die Fragen sind: Sind Sie über 40 Jahre alt? Rauchen Sie oder haben Sie geraucht? Leiden Sie regelmäßig an Husten und/oder Atemnot? Wer alle drei Fragen mit ja beantwortet, sollte einen Arzt aufsuchen. Dieser kann mit einem einfachen Lungenfunktionstest feststellen, ob eine COPD vorliegt.

Und wie geht es dann weiter, wenn COPD diagnostiziert wurde?

Das kommt auf den Grad und die Ausprägung der Erkrankung an, die durch verschiedene diagnostische Verfahren festgestellt wird. Allem zugrunde liegen die Ergebnisse des Lungenfunktionstests. Danach erfolgt die Einteilung in den Schweregrad von COPD, der von leicht, Schweregrad 1, bis sehr schwer, Schweregrad vier, reicht. Da COPD nicht heilbar ist, wird mit Medikamenten und anderen Therapien versucht, das Fortschreiten der Erkrankung zu bremsen. Ganz wichtig ist es, dass Raucher das Rauchen aufgeben. Zudem wird alles daran gesetzt, COPD-Patienten wieder aktiv zu machen und in Bewegung zu bringen.

Worin besteht der Unterschied zwischen COPD und Raucherhusten?

Es ist eher so, dass der Raucherhusten die erste Stufe der COPD ist.

Wäre es sinnvoll, alle zwei Jahre einen Lungenfunktionstest als Vorsorgeuntersuchung vor allem für Raucher durchzuführen?

Der Lungenfunktionstest wird unter anderem das Volumen der Lunge gemessen.
Der Lungenfunktionstest wird unter anderem das Volumen der Lunge gemessen.(Foto: imago/Kamerapress)

Absolut! Wir Lungenärzte fordern seit vielen Jahren, einen Lungenfunktionstest vor allem für Raucher in die sogenannten Gesundheits-Check-Ups für Personen ab 35 Jahren aufzunehmen. Hautveränderungen können Patienten in diesem Alter schließlich auch regelmäßig vom Hautarzt auf Krankenkassenkosten untersuchen lassen. Mit dem Lungenfunktionstest könnte man in einem relativ frühen Stadium COPD feststellen und eingreifen. Das hätte zur Wirkung, den weiteren Verfall der Lunge zu verlangsamen, manchmal auch zu stoppen.

Was unterscheidet COPD von Asthma?

Bei beiden Erkrankungen sind die Bronchien in den Lungen stark verengt. Das macht das Ausatmen oft sogar hörbar schwer. Wenn man Patienten mit Asthma ein Bronchien erweiterndes Spray gibt, dann öffnen sich die Bronchien innerhalb von Sekunden und die Beschwerden beim Ausatmen nehmen spürbar ab. Bei Patienten mit COPD dagegen wirken diese Mittel nicht oder nur noch bedingt, denn die Bronchien sind so vernarbt oder verkalkt, dass sie auch mit Hilfe solcher Medikamente nur gering geöffnet werden können. Auch beim Lungenemphysem, bei dem sich die Lungenbläschen, die sich hinter den Bronchien befinden, quasi auflösen, kann ein Bronchien erweiterndes Medikament nichts verrichten. Die Lunge verliert durch die Gewebeveränderung nicht nur an Oberfläche, sondern auch an Elastizität, so dass die Luft letztendlich nicht mehr vollständig entweichen kann.

COPD erinnert an einen Geheimcode oder eine Ermittlerserie aus den USA. Warum bleibt man hierzulande bei einer Abkürzung, die nichts verrät?

Das ist eine sehr gute Frage! Es wäre so schön, wenn wir Lungenärzte uns eine Agentur nehmen könnten, die sich einen neuen, breitenwirksamen Namen für COPD entwickelt. Die Erkrankung wurde vor vielen Jahren in Deutschland umgangssprachlich als spastische Bronchitis oder Raucherbronchitis bezeichnet. Der Begriff beziehungsweise die Abkürzung kommt aus Amerika und es gibt in der Tat bis heute noch keine gute Übersetzung dafür. Da müssen wir wirklich noch einiges tun, vor allem aber aufklären.

Mit Michael Barczok sprach Jana Zeh

Quelle: n-tv.de

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