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Ehemann (Hans-Heinrich Hardt), Tochter (Christiane Nothofer) und Schwester ( Mechtild Kalthoff) nehmen Abschied von der sterbenden Heike Bergmann (Tanja Haller).
Ehemann (Hans-Heinrich Hardt), Tochter (Christiane Nothofer) und Schwester ( Mechtild Kalthoff) nehmen Abschied von der sterbenden Heike Bergmann (Tanja Haller).(Foto: Still "Ich sehe Dich")

Alltag auf der Palliativstation: Dem Tod und dem Sterben ins Auge sehen

Von Saskia Nothofer

Ärzte haben das Ziel, Leben zu retten. Nicht so Palliativmediziner. Sie begleiten unheilbar kranke Menschen in den Tod und werden dabei mit ihrer eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Der Film "Ich sehe dich" des Uniklinikums Düsseldorf führt dies schmerzhaft vor Augen.

Heike Bergmann erhält die fatale Diagnose.
Heike Bergmann erhält die fatale Diagnose.(Foto: Still "Ich sehe Dich")

Für Heike Bergmann kommt jede Hilfe zu spät. Der Krebs der 51-Jährigen ist so tief in ihren Körper eingedrungen, dass jegliche Chance auf Heilung geschwunden ist - die Wirbelsäule ist voll mit Metastasen. "Heißt das, dass man jetzt nichts mehr für mich tun kann?" fragt die todkranke Frau, die den behandelnden Ärzten kaum mehr in die Augen schauen kann. "Was habe ich verbrochen?"

Der Fall der Heike Bergmann ist ein fiktiver und bildet die Grundlage für den Spielfilm "Ich sehe Dich", einem Projekt des Universitätsklinikums Düsseldorf. Das Filmprojekt ist Teil eines digitalen Lernprogramms, das zum Ziel hat, den Studierenden der Humanmedizin die Palliativmedizin näher zu bringen, ihnen sämtliche Kompetenzen zu vermitteln, um den Umgang mit sterbenden Menschen sowie deren Angehörigen zu erlernen. Initiiert wurde er von Christian Schulz, dem stellvertretenden Leiter der Palliativstation des Universitätsklinikums Düsseldorf, der zuletzt an der Harvard Universität in Cambridge an einem Post doc-Forschungsprogramm im Bereich der Palliativmedizin mitgewirkt hat.

"Die Idee zum Film entstand 2011 in einem Gespräch mit einer befreundeten Schauspielerin in einer kleinen Hinterhof-Wohnung in Berlin", erzählt Schulz. Er habe bereits vorher positive Erfahrungen mit interaktiven Lehrmethoden und Filmsequenzen in der studentischen Lehre gesammelt. In dem Gespräch in Berlin seien erste Überlegungen, wie eine filmische Umsetzung der Gedanken- und Gefühlswelt einer sterbenden Frau und ihrer Familie gelingen könnte, entstanden. "Später erarbeiteten wir dann auf der Basis eines ersten Vorschlages ein Szenenbild. Dieses wurde im letzten Schritt mit Hilfe eines erfahrenen Regisseurs (Peter Wohlgemuth) optimiert und zu einem Drehbuch ausgearbeitet", so Schulz weiter.

Realität abbilden

Dr. med. Christian Schulz spielt sich in "Ich sehe Dich" selbst.
Dr. med. Christian Schulz spielt sich in "Ich sehe Dich" selbst.(Foto: Still "Ich sehe Dich")

Im Zentrum habe das Ziel gestanden, mit diesem Film eine möglichst authentische Darstellung zu finden: Man habe erreichen wollen, dass Mitarbeiter in der Palliativ- und Hospizbewegung sagen können: "Ja, das stimmt so. So sieht das aus, wenn jemand gut begleitet verstirbt." Doch was genau umfasst den Bereich der Palliativmedizin? "Palliativmedizin behandelt Menschen, die mit einer lebensverkürzenden, voranschreitenden und nicht-heilbaren Erkrankung konfrontiert sind. Das können die betroffenen Patienten selbst sein oder deren An- und Zugehörige", erklärt Schulz. "Neben der körperlichen Symptomebene müssen auch Belastungen auf der psychischen, sozialen und spirituellen Ebene als leidensrelevant angesehen werden."

Die Studierenden der Heinrich Heine-Universität in Düsseldorf haben verschiedene Möglichkeiten, den Umgang mit dem sensiblen Thema im Zusammenhang mit dem Film, welcher in Anlehnung an die Anforderungen der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin entwickelt wurde, zu lernen. Die Resonanz ist durchweg positiv. "Die Reaktionen der Studierenden haben uns sehr beeindruckt. Wir erhalten sehr ausführliches positives Feedback", sagt Schulz. Die Lehrmethode kommt so gut an, dass Schulz und sein Team im November vergangenen Jahres sogar mit dem Uni-Lehrpreis "hein@award" ausgezeichnet wurden, die Nominierung erfolgte auf Vorschlag der Medizin-Studierenden.

Patienten und Ärzte im Fokus

Dem Ehemann fällt der Abschied besonders schwer.
Dem Ehemann fällt der Abschied besonders schwer.(Foto: Still "Ich sehe Dich")

Der Film verfolgt verschiedene Lernziele. Neben dem geeigneten Umgang mit den psychischen Belastungen des Sterbenden und ihren Angehörigen - dazu gehört etwa die Übermittlung der schwierigen Nachricht - müssen sich die Studierenden auch mit Themen wie Schmerzen, Ethik, Patienten- und Sterbewillen und der Sterbeverfügung auseinandersetzen. Doch es geht nicht nur um die Patienten. Die zukünftigen Ärzte und Ärztinnen müssen lernen, auch selbst mit der Belastung umzugehen, Menschen sterben zu sehen. Selbstreflexion steht also ebenso auf dem Stundenplan. Die Motivation, sich mit dem schwierigen Thema Tod und Sterben auseinanderzusetzen, soll gefördert werden. "Durch den Film sollen die Studenten angeregt werden, selbst über ihre eigenen Todeskonfrontationen zu sprechen. Wir wissen aus der Lehrforschung in der Palliativmedizin, dass dies ein wesentlicher Faktor zur Beeinflussung von Haltungsbildung ist", erläutert Schulz.

Der 45 Minuten lange Film "Ich sehe Dich" dient vor allem dazu, emotionale Eindrücke zu vermitteln, welche im Seminar später als Diskussionsgrundlage oder als Einstieg in den jeweiligen Themenblock dienen können. Während sich das Team der Palliativstation in Düsseldorf darin selbst spielt, werden die todkranke Frau und ihre Angehörigen (Ehemann, Tochter und Schwester) von Schauspielern dargestellt. "So konnten wir ein Modell kreieren, bei dem keine Gefühle und ethischen Grenzen verletzt wurden und trotzdem eine hohe Authentizität der Begleitung im Film spürbar wurde", sagt Schulz.

"Keine weitere Chance"

Auf extrem realistische, eindringliche und einfühlsame Art und Weise zeigt "Ich sehe Dich" den Alltag und die Herausforderungen auf einer Palliativstation sowie die Trauer, Wut und Machtlosigkeit der Sterbenden und ihrer Angehörigen. Es gebe "keine weitere Chance für eine Chemotherapie" lautet die fatale Diagnose des behandelnden Arztes. Vor allem der Ehemann (Hans-Heinrich Hardt) von Heike Bergmann (Tanja Haller) ist hilflos, möchte den nahen Tod seiner Frau nicht akzeptieren. "Bisher ist doch immer alles gutgegangen. Ich will nicht, dass du stirbst, ich wollte, ich könnte an deiner Stelle gehen", sagt er in seiner Verzweiflung.

Die Patientin selbst nimmt ihre Umgebung teilweise nur noch verschwommen wahr, die gehörten Worte klingen dumpf und wenig verständlich. Heike Bergmann sorgt sich weniger um ihren eigenen Tod, als vielmehr darum, wie ihr Mann und ihre Tochter Nina ohne sie weiterleben werden. "Was wirst du ohne mich machen? Du brauchst doch jemanden, der für dich sorgt", denkt die Patientin an ihren Mann gerichtet. Zwar spricht sie diese Worte nicht aus, doch der Gedanke holt die Todkranke mehrmals ein.

Tochter Nina (Christiane Nothofer), deren Hochzeit kurz bevorsteht, kann zunächst wenig mit den psychologischen Unterstützung anfangen, reagiert abweisend auf die sensiblen Worte der Ärzte. Nach und nach lässt aber auch sie sich auf die angebotene Hilfe ein und findet bei einer Kunsttherapeutin (Conny Weigle) Trost.

Der Film "Ich sehe dich" steht für alle Lehreinrichtungen kostenlos zum Download über die Webseite der Palliativstation in Düsseldorf zur Verfügung. Bisher habe diese Möglichkeit ein großer Teil der medizinischen Fakultäten in Deutschland genutzt, sagt Schulz. Denn die Palliativmedizin stellt Ärzte vor eine große Herausforderung, sie steht im Gegensatz zu ihrer eigentlich Berufung: Heilen und Leben retten. Stattdessen sehen Palliativmediziner in ihrem Alltag Menschen, für die sie nichts mehr tun können, der Tod ist allgegenwärtig. Auch die eigene Verletzbarkeit und Sterblichkeit rückt den behandelnden Ärzten somit vermehrt ins Bewusstsein. Eine geeignete Lehre, um dem Tod ins Auge blicken zu können, ist daher unbedingt nötig.

Quelle: n-tv.de

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