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Ein trauriges Bild: 80 Grindwale sind an einen entlegenen Strand im Norden Neuseelands gestrandet.
Ein trauriges Bild: 80 Grindwale sind an einen entlegenen Strand im Norden Neuseelands gestrandet.(Foto: picture alliance / dpa)

Massenhafte Walstrandungen: "Die Meere werden immer lauter"

Immer öfter erreichen uns die schrecklichen Bilder von gestrandeten Walen. Im August 2010 verendeten an einem Strand in Neuseeland mehr als 50 Grindwale. Nur einen Monat später stranden wieder 80 Tiere und kämpfen zusammen mit Tierrettern ums Überleben. Es scheint, als würden sich die Meeressäuger immer öfter verschwimmen. Ob das wirklich so ist, erklärt Dr. Kim Detloff, Referent für Meeresschutz beim Naturschutzbund Deutschland.

n-tv.de: Warum verirren sich die Wale im Meer und stranden schließlich?

Dr. Kim Detloff: Es lässt sich vermuten, dass der Mensch einen eindeutigen Einfluss auf die vielen Walstrandungen in den letzten Jahren und Jahrzehnten hat. Die Meere werden immer lauter und viele Aktivitäten des Menschen verursachen einen immensen Unterwasserlärm. Die zunehmende Schifffahrt, seismische Untersuchungen, zivile und militärische Sonarsysteme oder sogenannte Offshore-Aktivitäten beim Bau von Windkraftanlagen oder Ölplattformen gehören als Lärmquellen dazu. Die Wale allerdings sind extrem abhängig von ihrem Gehör. Es sind äußerst schallsensible Tiere, die sich mit Hilfe der Echolokation orientieren. Das heißt, sie schaffen sich mit Hilfe ihres Gehörs ein akustisches Bild ihrer Umgebung. Wenn das System durch menschgemachten Lärm gestört wird, kann es zu Navigationsfehlern, Verirrungen und eben Strandungen kommen.

Oftmals sind es zahlreiche Wale die stranden und sterben. Woran liegt das?

Freiwillige versuchen mit allen Mitteln die Tiere vor dem Austrocknen zu bewahren, trotzdem ist der Großteil der Tiere gestorben.
Freiwillige versuchen mit allen Mitteln die Tiere vor dem Austrocknen zu bewahren, trotzdem ist der Großteil der Tiere gestorben.(Foto: picture alliance / dpa)

Typischerweise passiert das bei großen Gruppen von Grindwalen, die auch als Pilotwale bezeichnet werden. Diese Tiere sind sehr soziale Wesen, die oftmals in Gruppen von mehreren hundert Exemplaren leben. Geführt werden diese Gruppen von wenigen oder nur einem Leittier. Wenn dieses eine Tier ein Schaden am Gehör hat oder in seiner Navigation gestört wird und sich verirrt, dann folgt die ganze Gruppe und nicht selten stranden dann alle Wale. Zudem ist der Zusammenhalt in der Gruppe sehr stark. Kranken oder  verletzten Tieren wird versucht zu helfen und die ganze Gruppe bleibt zusammen.

Ist es tatsächlich so, dass immer mehr Wale in den letzten Jahren stranden oder erfahren wir durch die moderne Berichterstattung nur öfter von solchen Ereignissen?

Ich glaube, beides ist der Fall. Zum Glück ist es so, dass die Öffentlichkeit und die Medien in den vergangenen Jahren wesentlich sensibler mit Walstrandungen umgehen, so dass wir auch immer öfter davon erfahren. Auf der anderen Seite habe ich den ganz persönlichen Eindruck, dass die Häufigkeit der Strandungen zugenommen hat. Leider gibt es dazu bisher kaum statistische Erhebungen.

Nach Walstrandungen gibt es immer häufiger Tierschützer und Freiwillige, die bemüht sind, die Tiere zurück ins Meer zu schaffen. Macht das Sinn?

160 Menschen kämpften in Neuseeland um das Leben von 24 Walen.
160 Menschen kämpften in Neuseeland um das Leben von 24 Walen.(Foto: picture alliance / dpa)

Ja, teilweise sind die Erfahrungen positiv. Das hängt jedoch sehr von der Walart ab. Die kleineren Tiere, überwiegend aus der Gruppe der Zahnwale, kann man häufig retten. Die großen Tiere jedoch, die Bartenwale, sind durch ihre Körpermasse kaum zu retten. Sie ersticken an ihrem eigenen Gewicht. Es gibt heute in den Regionen, in denen wir häufig mit diesen Katastrophen konfrontiert werden, sehr gut ausgebaute Netzwerke. Die Tiernotretter können schnell zu den gestrandeten Tieren gebracht werden. Vorort wird versucht, die Tiere erst einmal vor dem Vertrocknen durch Kühlen mit nassen Decken zu bewahren. Dann wird versucht, mit der auflaufenden Flut die Tiere zurück ins Meer zu bringen. Auch wenn man durch den Einsatz der Menschen immer wieder Tiere am Leben halten konnte, ist es jedoch noch nie gelungen, alle gestrandeten Wale zu retten.

Kann man denn als Privatperson - weit weg vom Ort des Geschehens - etwas tun, um auch in Zukunft solche Strandungen zu verhindern?

Ja, am wichtigsten ist die Entwicklung des Bewusstseins für den Schutz der Meere. Die Meere sind überlastet und jeder von uns sollte mehr für den Schutz der Meere tun. Jeder Einzelne von uns kann etwas dazu beitragen. Das fängt an beim Überdenken des Konsum- und damit verbunden des Wegwerfverhaltens. Müll im Meer ist beispielsweise ein riesiges Problem. Jeder kann sich beispielsweise überlegen, ob er die laute High-Speed-Fähre nutzt, von denen wir wissen, dass es auch häufig zu Kollisionen mit Walen kommt, oder aber eine langsamere, vielleicht leisere Fähre bevorzugt. Zudem können Menschen auf verschiedene Art und Weise die Arbeit von Umwelt- und Tierschutzorganisationen unterstützen. Das wichtigste jedoch ist die Thematisierung des Problems in allen Bereichen.

In den letzten Jahren entstehen immer mehr Offshore-Windanlagen, wie bewerten Sie diese Entwicklung bezüglich der Meeressäuger?

Dr. Kim Detloff.
Dr. Kim Detloff.

Ganz klar ist, dass die Menschheit die erneuerbaren Energien braucht. Die Offshore-Windanlagen bieten diesbezüglich ein großes Potential. Das Problem an diesen Windanlagen ist die gängige Ausbaupraxis, die nicht ohne Risiken für die Meeresumwelt ist. Die Fundamente für die Windanlagen werden überwiegend gerammt, das heißt riesige, hydraulische Hammer rammen die Stützpfeiler, die bis zu fünf Meter im Durchmesser sind, in den Meeresboden hinein. Dabei entsteht ein höllischer Lärm. Dieser ist überaus gefährlich für Wale, Delfine und andere Tiergruppen. Bisher weiß man allerdings wenig darüber, welche Auswirkungen dieser Baulärm auf Fische oder andere Tiergruppen z.B. am Meeresboden hat. Das Problem ist, dass die Entwicklung in diesem Bereich noch in den Kinderschuhen steckt. Nötig sind ein viel effektiverer Lärmschutz und ein wesentlich größeres Wissen über die Auswirkungen von Unterwasserlärm. Solange unser Wissen so begrenzt ist, müssen entsprechend des Vorsorgeansatzes, menschliche Aktivitäten, die Tiere akut gefährden, unterlassen oder technisch angepasst und verbessert werden.

Mit Kim Detloff sprach Jana Zeh

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Quelle: n-tv.de

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